Erste Fahrt im neuen Mercedes-Benz SL

Erste Fahrt im neuen Mercedes-Benz SL

Von einer frischen Brise kann man bei offenen Autos momentan nicht wirklich sprechen. Das Segment der Cabrios, Roadster und Spider dümpelt. Das bekommt auch Mercedes zu spüren. Besonders hart trifft es den SL, von dem nur noch jährlich rund 10.000 Einheiten in Bremen produziert werden. Die meisten für Amerika. Dort hat der SL die längste Tradition aller Mercedes. In Deutschland waren es voriges Jahr lediglich 829 Stück. So viele SL hat Mercedes hierzulande einmal monatlich abgesetzt. Der Schwaben-Roadster war Anfang der 90er-Jahre sogar mal das Lieblingscabrio der Deutschen.
Diesen Titel jemals wieder zu erlangen, dürfte schwierig werden. Schuld daran hat jedoch nicht der SL. Die Kaufzurückhaltung ist eher dem Zeitgeist geschuldet. Ein Cabrio oder Roadster taugt nicht mehr wie früher als Statussymbol. „Die Menschen zeigen das heute lieber mit einem luxuriösen SUV“, sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management CAM in Bergisch Gladbach.

Mercedes-Benz SL – Den Traum vom Roadster wagen?

Mercedes wird dennoch am SL festhalten. Und sogar das Cabrio-Portfolio kräftig erweitern. „Nach dem Jahr der SUV kommt nun das Jahr der Traumwagen“, sagt Designchef Gorden Wagener, „während andere Hersteller Cabrios einstellen, legen wir nach.“ In den nächsten zwei Jahren rollt förmlich eine ganze Palette an Mercedes-Cabrios auf uns zu: S-Klasse, C-Klasse, E-Klasse und AMG-GT. Mit SLC und SL wären das sechs, so viele wie nie zuvor in Stuttgart.

SLspecht

Feines Facelifting
So gesehen passt die jüngste Modellauffrischung des SL zeitig recht gut ins Programm. Dazu ging man – ungewöhnlich bei sogenannten Facelifts – dem Wagen sogar ans Blech. Das ist teuer, aber wohl notwendig, um dem SL einen deutlich sportlicheren Anstrich zu verpassen als er derzeit hat. Am Stammtisch gilt er als „Rentner-Roadster“. Die größte Änderung erfuhr der Vorderwagen. Sollte die Front zuvor an den bulligen Flügeltürer SLS erinnern, so kramte Gorden Wagner diesmal sehr viel tiefer in der Ahnengalerie. Pate stand der berühmte Rennwagen 300 SL Panamericana mit seinem nach unten breiter werdenden Grill. Zudem erhielt die Motorhaube zwei sogenannte Powerdomes, wie sie der erste SL bereits trug. Und weil die neuen LED-Scheinwerfer andere Kotflügel erforderten, hat man auch gleich deren seitlichen Luftauslässe vergrößert. Hinten leuchtet der SL nun komplett in Rot und eine AMG-Heckschürze mit Diffusor und integrierten Endrohrblenden soll dem Hintermann symbolisieren, dass vorne genügend Power unter der Haube steckt.

Vom V6 bis zum V12
Die Motorenpalette beginnt mit dem Dreiliter-V6 als Einstiegsbenziner (SL 400, ab 99.097 Euro). Er leistet 367 statt zuvor 333 PS. Im SL 500 schlägt weiterhin das 4,7-Liter-V8-Herz, aber jetzt mit 455 PS, ein Plus von 20 PS. Auf 585 PS kommt die AMG-Variante SL 63, ebenfalls ein Achtzylinder, aber mit 5,5 Liter Hubraum. Topmodell der Baureihe bleibt der AMG-SL 65 mit seinem Sechsliter-V12 und 630 PS. SL 400 und SL 500 sind jetzt mit der neuen 9G-Tronic-Automatik ausgestattet, die derart geschmeidig arbeitet, dass man sie nicht spürt. In den AMG-Versionen arbeitet weiterhin die Siebengang-Automatik. Der Grund sind die hohen Drehmomente der getunten Motoren.
Fahrdynamisch zählte der SL auch zuvor schon zu den Autos mit einem guten Kompromiss aus Komfort und Kurvenhatz. Er kann beides, perfekt gleiten und spielerisch zügig ums Eck fegen – schneller als es jedes Temposchild erlaubt. Besonders, wenn man die serienmäßig verfügbaren fünf Fahrwerkseinstellungen nutzt.

Der neue Mercedes SL, San Diego 2016, Pressefahrveranstaltung, Mercedes-AMG SL 65 Active Body Control, designo selenitgrau magno, Leder designo titangrau pearl/schwarz. The new SL San Diego 2016; Mercedes-AMG SL 65, Active Body Control, designo selenite grey magno, designo leather titanium grey pearl/black

Der neue Mercedes SL als Mercedes-AMG SL 65 mit Active Body Control.

Der Kurve zugeneigt
Erstmals gibt es optional in Verbindung mit dem ABC-Fahrwerk (Active Body Control) eine Kurvenneigefunktion. Die Radaufhängungen bewegen sich dabei in eine definierte Schräglage, ähnlich wie es ein Skifahrer beim Carven oder ein Motorrad in der Kurve macht. Wirklich spüren tut man das allerdings nicht. Höchstens, dass der SL seinen Fahrer nie anstrengt, auch die Basisvariante nicht, von der man denken könnte, sie würde bisweilen mit dem Wagen überfordert sein. Der Sechszylinder ist laufruhig, klingt kernig und zeigt sich eigentlich in jeder Situation als eine absolut ausreichende Motorisierung. Dass es auch bei normaler Fahrweise nicht bei den versprochenen 7,7 Liter Normverbrauch bleibt, dürfte jedem klar sein, zeigt aber, wie sparsame große Benziner theoretisch heute schon sein können.

Am besten gefällt nach wie vor der SL 500 (ab 122.897 Euro). Dessen Achtzylinder wirkt dem Luxus-Roadster förmlich auf den Leib geschnitten, extrem geschmeidig, immer präsent und kernig im Klang. Ob es darüber wirklich noch mehr sein muss, die Frage stellt sich nicht. Manche Männer brauchen es als gesellschaftlichen Status oder um andere Defizite im Leben zu kompensieren. AMG zumindest würde seine beiden Boliden 63 und 65 sonst nicht anbieten. Besonders in Amerika ist die Nachfrage hoch. Die beiden AMG-Varianten kosten bei uns 161.691 beziehungsweise 239.934 Euro.

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Der Auto-Experte Michael Specht fuhr den neuen Mercedes-Benz SL.

Schneller und offen
Auch um praktikable Details haben sich die Ingenieure bei der Modellpflege gekümmert. Das Dach lässt sich nun bis Tempo 40 öffnen und schließen. Ungewöhnlich allerdings: Die Prozedur muss im Stand beginnen. Und jeder Cabriofahrer kennt das: Man sitzt im Auto, möchte das Verdeck öffnen, hat aber vergessen, im Kofferraum die Gepäckabtrennung einzuhängen. Dies geschieht beim neuen SL nun vollautomatisch.

Weiterhin ein Klassiker
Geblieben ist im Interieur das Layout. Es bleibt klassisch. Die Instrumente bekamen aber ein neues Schriftbild. Kein Wort muss man bei Mercedes über die Qualität verlieren. Der SL empfängt seine Passagiere mit feinster Verarbeitung, sehr guten Materialien und bequemen Sitzen. Und so fügt sich letztlich alles geschmeidig zusammen, zur nach wie vor schönsten Art, automobil unterwegs zu sein. Eigentlich müsste das Cabrio-Segment boomen.

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