McLaren MP4-12C Fahrbericht

Supersportwagen – alleine dieses Wort mag vielen Fahrzeugen zu Ehre und Ruhm gereichen, doch für eine kleine Spezies von Kraftfahrzeugen ist auch das Voranstellen des Substantives „Super“ nicht viel mehr als ein letzter Tropfen Wasser im Umfeld des Amazonas.  Super- oder nicht?  Worte sind zu unbedeutend, um zu verstehen, worum es bei der Gattung der ultimativen Teilchenbeschleuniger geht.

McLaren MP4-12 | Mein Termin mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Auf der Rennstrecke „Ricardo Tormo“ in der Nähe von Valencia treffe ich den englischen Sportwagen, dessen Geburtsstätte in der McLaren Manufaktur in Woking liegt. Im sterilen Umfeld der Formel 1 Technik wurde der legitime Nachfolger des 3-sitzigen McLaren Sportwagen der 90er Jahre entwickelt.  Äußerlich wirkt der britische Sportler wenig spektakulär. Neben den Sportfreunden aus Mugello und Sant’Agata spielt der MP4-12 die Rolle des glatt gebügelten und elitär zurückstehenden Sonderlings, der mit viel Selbstbewusstsein um seine Qualitäten keinen Hehl machen will, aber bewusst um den betont krawalligen Außenauftritt einen Bogen macht.

McLaren MP4-12 - Supersportwagen mit 608PS

McLaren MP4-12 – Supersportwagen mit 608PS

Sei es drum. Der McLaren demonstriert – völlig faltenfrei – seine besonderen Leistungen im Studienfach Aerodynamik.  Keine Kanten um der Kanten Wille. Die Luft soll geschmeidig die Karosse umschmeicheln und sich nicht lange damit aufhalten. Es ist eine von jeglicher Aufregung befreite Formensprache – mit dem klaren, distinguierten Dialekt eines elitären Profi-Sportlers. Leistungsbereitschaft – ja. Lautmalerei – nein.

Das ändert sich abrupt, startet man den 3,8 Liter großen V8 Motor. Ein kurzes heißeres Aufbellen informiert die Umstehenden über die nun kurz bevorstehende Leistungsdarbietung. Selbstbewusstsein sollte nun auch beim Fahrer vorhanden sein. Die auch bereits zuvor, beim Einsteigen in den englischen Ausnahme-Athleten, geprüft wurde. Die breiten Schweller, die nach schräg vorne und oben schwenkenden Türen und die nur wenige Millimeter über dem Asphalt montierten Sportsitze der Marke „Klemmstock“  machen es einem Piloten, der nicht auf dem gleichen Trainingsstand ist wie der jüngste Sproß der McLaren Sportwagen-Manufaktur, nicht gerade leicht im selbigen den Sitzplatz mit der gebotenen Eleganz zu entern.

Gleichwohl verfällt der über 2 Turbolader verfügende Treibsatz im Nacken des Fahrers nach dem Starten in einen unkritischen und kaum etwas von der Leistung verratenden Leerlauf  und der Fahrer bekommt Zeit zum Durchatmen. Beim Zuziehen der Türen verspüren die Finger die Qualität des McLaren. Wohin die Finger reichen, die Augen blicken können – frei von jedwedem Makel und betont wertig präsentiert sich der Innenraum.

Fahrer und Co-Pilot sitzen im McLaren MP4-12 in einem nur 75 kg schweren Kohlefaser-Monocoque. 75kg. Der Fahrer verstummt kurzfristig und hält bedächtig inne.  Keine Zeit für langatmige Gewichtsdiskussionen. 608 PS warten darauf, gefordert zu werden – sensibilisiert durch den Aventador, der am gleichen Tag und nur kurz zuvor gefahren werden konnte, betätige ich das Gaspedal sanft, aber mit Nachdruck.

Völlig unspektakulär setzt sich der Engländer in Bewegung. Die Getriebe-Automatik schaltet fast unmerklich die Gänge durch. Am Ende der Boxengassen-Ausfahrt bremse ich mit leichtem Druck und lenke gefühlvoll in die Kurve ein. Das alles funktioniert ähnlich komfortabel und frei von jedweder Charakterschwäche wie in einer besonders handlichen Mittelklasse-Limousine.  Und auch fast so komfortabel.

Kann das sein?

McLaren MP4-12 Britischer Sportwagen mit unglaublichen Talenten

McLaren MP4-12 Britischer Sportwagen mit unglaublichen Talenten

Ein „Supersportwagen,“ der sich fahren lässt wie ein VW Golf? Das alles ändert sich schlagartig, verschärft der Pilot die Gangart und aktiviert per Drehregler den Race-Mode. Nummer 1 für eine aggressivere und weniger verständnisvolle Fahrwerksabstimmung und Nummer 2 für den direkten Draht zwischen Leistungswunsch im Fahrer-Hirn und dem mit 1.2 bar aufgepumpten V8 im Rücken. Manuell per Wippenschaltung fordert man  nun Motor und Getriebe zum Tanz der Drehzahlen auf, und dank Track-Modus verwandelt sich der Gangstufenwechsler in ein fieses Zahnrad-Katapult. Belässt man den Fahrerfuß nun länger und mit mehr Mut gesegnet auf dem Fahrspaß-Pedal, zoomt sich der Engländer von Biegung zu Biegung.  Untermalt von einem seltsam schnell zur Stelle eilenden Trompeten-Chor aus Jericho. Himmels-Töne für Benzin-Fetischisten.  Jetzt die Arschbacken zusammen gekniffen, durch beschleunigen, voller Leistungseinsatz – gib mir alles was da ist! Kurz vor 8.000 Umdrehungen wird dem Piloten des McLaren klar: Der meint es ernst und lässt ab von seiner Provokation.  1:0 für den Engländer. Scharfes Anbremsen beantwortet der McLaren mit einer kurzen, aber nachdrücklichen vorgeführten Verformung des Fahrergesichtes. Augäpfel wollen den Schädel verlassen. Per Luftbremse und Carbon-Bremsanlage werden die zuvor beeindruckend aufgebauten Energiemassen zusammengestaucht und vernichtet.

Das Heck tänzelt nur leicht während dieser Asphalt-Kraftprobe.  Beim Einlenken in die nächste Kurve beruhigt sich Mr. Hyde und spielt den Dr. Jekyll, der messerscharf  und gesegnet von feinster Traktionsverteilung die Kurvenumrundung zum kurzweiligen Erlebnis werden lässt. Noch bevor die Gesichtsmuskulator der Verformung der Bäckchen Einhalt gebieten kann, beginnt das Spiel der Drehzahl-Orgien, untermalt vom Jericho-Jubelchor erneut. Es muss Magie sein, die dem McLaren MP4-12 diese Traktion und Spurtreue verleiht.

Während der Auslaufrunde stelle ich die Drehregler zurück in den Automatik-Modus. Aus Mr. Hyde wird wieder ein handzahmer Dr. Jekyll.

Supersportwagen von der Machart des Lamborghini Aventador leben dieses Doppelleben nicht, sie flüstern immer und zu jederzeit: Gib es mir! Gib mir mehr Gas.

Englands neuester Vollblut-Sportler ist da völlig anders –  einfach: „Very british“. 

 

 

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