Fahrbericht: Mercedes-AMG GT, die Buchhalter-Seele?

Fahrbericht: Mercedes-AMG GT, die Buchhalter-Seele?

Da wartet man 4 Monate auf diesen Termin. 7 Tage waren eingeplant. Nur 7 kurze Tage. Mit einem Sportwagen, nach dem sich derzeit jede Redaktion die Finger leckt. Die Weltpremiere damals live erlebt. Die Fahrveranstaltung in Laguna Seca, live erlebt und dennoch – der Mercedes-AMG GT, er musste noch einmal zu Besuch kommen. Das Herz des Auto-Bloggers erwärmen, verzücken, einem Defibrilator gleich den Herzschlag beschleunigen. Und dann? Dann hast du Rücken. Der Testwagen kommt und du hast Rücken. Den schlimmsten Rücken aller Zeiten. Nerven? Muskeln? Bandscheibe? Bestialische Rückenschmerzen und vor der Bürotür: 462 PS.

Test und Fahrbericht: Mercedes AMG GT

„Buchhalter-Glück“

Einen GT ohne S? Freiwillig nicht das 510 PS starke Topmodell anfragen? Sondern die Krämerseele sich an der Basisversion laben lassen? Nur 462 PS. Kein adaptives Fahrwerk. Keine aktive Akustik für den Auspuff. Kein aktives Differential, nur das einfache, mechanische. Das oberste der Gefühle? Keramik für die Bremse. 116.382,00 € stehen auf dem Wunschzettel. Mindestens. Ganz ohne Extras. Ohne den Klimbim der sonstigen Testwagen. Der Test sollte den puren AMG GT zeigen. Adaptives Fahrwerk? Hat man doch früher auch nicht gebraucht. Und sollte ein Sportwagen nicht pur sein?

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Da war mehr drin

Vier Tage hat sich der Fotograf mit dem Mercedes-AMG vergnügt. Am vorletzten Tag wurde der Medizinschrank geplündert. Ibuprofen dosiert, um ein Pferd ruhig zu stellen. Der GT musste seiner Bestimmung zugeführt werden. Zwei schnelle Stunden auf den geschwungenen Pfaden im Spessart.

462 PS können sich auch wie 510 PS anfühlen. Vermutlich ist es nicht einmal eine Sache des Presse-Testfahrzeuges, Turbotriebwerke stehen einfach zu oft sehr gut im Futter. Der Mercedes-AMG GT – ohne S – war nicht zimperlich. Herzhaft sein Druck in jeder Drehzahl. Rennwagen-Feeling, ganz ohne S-Getue. Natürlich verstehe ich die Idee hinter dem „Basis-Modell“ und dem „Top-Modell“. Und ich verstehe die lange Aufpreisliste. Wer sich am Schaufenster der 120.000 € Liga nicht die Nase platt drückt, sondern mit der goldenen Kreditkarte zum Shopping antritt, dem ist das eine oder andere Kilo auf der Preisliste egal. Wird ja eh geleast. 1.200 € Leasing oder 1.400 €? Welchen Unterschied macht das noch? Dacia-Käufer müssen leicht verstört schauend zurückzucken, aber „hello and welcome“, das hier ist eben eine gänzlich andere Welt. Umso spannender die Grenzerfahrung des Verzichts. Das Buchhalter-Modell gewählt, alles weggelassen, was sonst am Stammtisch für Verwirrung sorgt. V8, Turbo, Heckantrieb und Transaxle, das muss reichen.

Und wie das reicht. Der Mercedes-AMG GT spielt die Drama-Queen ab der ersten Zündung. Leise? Kann sie nicht. Es rockt immer aus den Trompeten am Heck. Keine aktive Akustik bedeutet auch, hier ist immer Party-Stimmung. Das mag nach der dritten Autobahnstunde anstrengend werden, zwei Stunden im Spessart unterhält es köstlich. Atemraubend und hinterlässt ein leichtes Klingeln in den Ohren und schummrige Gedanken, wobei, das kann auch von 800 mg Ibu kommen.

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Tief eingebaut, sitzt man als Pilot im Cockpit des Affalterbacher-Porscheschrecks. Eine innige Beziehung aufbauend. Der Herzschlag synchronisiert sich mit dem Hot-V Turbotriebwerk. Wummernd jagen die Bässe seiner Verbrennungslustmaschine durch den Körper.

Ansatzlos reagiert der GT auf das Schild und die Botschaft: Hier endet die Ortschaft. Wild hämmernd jagen sich die acht Kolben in Richtung 7.200 Umdrehungen. Hier mit Geschwindigkeitsangaben zu prahlen, würde bedeuten, den freiwilligen Verzicht auf die Fahrerlaubnis zu verkünden. Es muss langen zu sagen: Der AMG GT geht, ohne S, ansatzlos und gnadenfrei gen Waldrand und weit darüber hinaus. Zwei Turbos sollen dort Druck machen? Druck ja. Verzögerung? Vermutlich auch ohne Ibuprofen nicht spürbar.

Ohne AMG-Ride-Control, ohne die adaptiven Dämpfer braucht es noch viel mehr eine gute Balance bei der Abstimmung des Fahrwerks. Das Getriebe in Richtung Hinterachse zu packen und den Motor beinah auf den Schoss des Fahrers, es hilft dabei. Dabei bleibt der AMG GT trotz allem so schön klassisch im Layout. Eine lange Schnauze, ein kurzer Arsch, kurze Überhänge, Heckantrieb und das alles kombiniert in eine erotische Hülle, die Porsche 911 Käufer kurz zum Weinen bringt. Der erste Aufschlag der AMG-Jungs, der SLS, war mächtig, der zweite Aufschlag ist brutal. Und effektiv. Die Balance des AMG GT – frei von adaptiven Spielereien – unterstützt nur von einem mechanischen Differential und den Grip-Sachverständigen aus Frankreich, den Michelin Pilot Super Sport, ist phänomenal. Du kennst jederzeit den Reibwert, du sprichst sofort eine Sprache mit der Vorderachse, da nuschelt niemand was von undefinierten Lenkwinkeln. Du befiehlst, der AMG GT führt aus.

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Zwei Stunden müssen ausreichen

Braucht es das „S“? Nur für den Stammtisch. Wer den AMG GT richtig ran nimmt, wer ihn ausführt und die Grenzen seiner Dynamik auslotet, der verliert binnen Minuten den Führerschein. Wer es nicht tut, braucht auch keinen AMG GT-S, einzig der Komfort steigt. Das mag jetzt überraschend sein, aber wer schnell sein will, wer am Wochenende auf dem kleinen Kurs von Hockenheim die Stuttgarter-Stadtmeisterschaft ausfahren will, der kommt mit der Buchhalter-Version gut zurecht. Wer im Alltag nicht immer die letzte Rille sucht, lange Strecken gänzlich ohne Ibuprofen fahren will, der freut sich über die Möglichkeit des optionalen Sportauspuffs, denn der kann auch leise. Und das optionale AMG Dynamic-Ride Fahrwerk kann auch sanfter als der AMG GT. So wird am Ende klar, das S steht für „Sänfte“ – nicht für Sport – denn den puren Sportler, den bekommt man bereits für 116.382,00 € ;)

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Alle Fotos: SB-Medien, Stefan Baldauf, Guido ten Brink