Alles auf Schwarz: Achtzylinder-Jackpot in Las Vegas

Alles auf Schwarz: Achtzylinder-Jackpot in Las Vegas

Schweiß rinnt mir die Stirn hinab. Verspiele ich jetzt alles? Finde ich die Kurve? Flucht nach vorne? Doch bevor ich, von Adrenalin geschwängert, die Details vergesse und mich unter dem tosenden Gebrüll des V8 aus der Sünde verabschiede, zurück zum Start. Jede Geschichte hat einen Anfang. Dies ist meine Geschichte über Las Vegas. Und das Spiel.

Einmal im Jahr steht Las Vegas im Terminkalender. CES und Auftakt für die kurz darauf folgende Automobilmesse in Detroit. Beim ersten Mal kann man sie noch gar nicht verstehen, zu intensiv die Eindrücke, zu grell die Farben und zu laut der Strip. Doch spätestens nach dem zweiten, dritten Besuch lernt man die Vielfalt dieser Trabanten-Stadt lieben. Mitten in der Wüste konzentriert sich das Eldorado des Glückspiels. Nirgendwo sonst ist Amerika konzentrierter auf Kreditkarten-Bingo, Chicken Wings und grell lackierte Fingernägel. Erwachsenen-Entertainment.

Besonders empfehlenswert: das Cosmopolitan. Die beiden riesigen Hoteltürme eingangs des Strips, die der Deutschen Bank einen heftigen Milliardenverlust bescherten, sind nicht nur dank ihrer Zahlen mit gut 3000 Zimmern, etagenhohen Spa- und Wellnessbereichen, sondern auch wegen der wirklich guten Restaurants eine Reise wert. Vor allem aber – und damit stehen sie in Las Vegas  wirklich alleine – in dieser klimatisierten Kunststadt hat fast jedes Zimmer einen Balkon. Wer das Glück hat und etwas auf den oberen Etagen bekommt, der wird mit diesem surrealen Ausblick über den Strip, die anderen Hotels und über die Wüste belohnt. Der Jetlag plagt dich. 9 Stunden-Flug. Wenigstens. Oft eher 10.5 nach L.A., dann noch einmal 80 Minuten nach Vegas. Inklusive Immigration. Wenn du in Vegas ankommst, dann ergibst du dich erst einmal. Du willst schlafen, den Flug aus den Knochen bekommen. Und stehst dann Ortszeit 4:30 Uhr auf dem Balkon. Erlebst diese unbändige Stadt. War das eben Elvis da unten auf der Straße? Vermutlich.

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Die Casinos. Ich verstehe nichts vom großen Spiel. Von der Leidenschaft der Zahlen, der Karten, des Glücks. Des Adrenalins. Casinos haben mich nie interessiert. Aber hier. Hier ist das einfach etwas anderes. Ein Wahnsinn, zig tausend Quadratmeter – in jedem Hotel – voll mit Slotmaschinen und den großen schweren Filztischen für Poker, Black Jack und Roulette. Manchmal findest du auf Anhieb den Fahrstuhl zu den Zimmern gar nicht, so voll packen sie alles mit den Verlockungen des Spiels. Vor den einarmigen Banditen sitzen die Heerscharen akkurat geschminkter Rentnerinnen, blondiert, ohne zu fragen ist klar, sie kommen aus Florida. Einmal im Jahr. Und werfen brav Dollar nach Dollar in diese blinkenden und fiependen Kisten. Einzig das bunte Spiel der Lichter und die, für Außenstehende nervtötende, Geräuschkulisse scheinen daran interessant zu sein, denn die Gewinne können es nicht sein. Schließlich gewinnt die Bank bei den Automaten immer. Überhaupt, natürlich gewinnt immer die Bank. Oder warum gibt es diese Tempel überhaupt? Weil der Spieler die Bank sprengt? Nein. Die Bank gewinnt. Immer. Nein, wirklich, da kann ich mir auf dem Strip für die Handvoll Dollars wirklich einen besseren Trip besorgen, als an diesen blinkenden Blecheimern. Doch auch diese Trips reizen mich nicht. Die einzigen Trips, die mich reizen, sind die mit dem Auto. Ab besten weg, weg aus Las Vegas.

Von den Slotmaschinen weiter zum Poker. Ein feines Spiel. Daheim, mit den besten Kumpels, nach Grillwurst und Bier längst beim guten Whiskey angekommen, ziehe ich sie meist bis auf die Hosen aus. Bluffs sind gar kein Problem, meist stimmen sogar die Karten und so braucht es die Lüge gar nicht, um den Pot zu holen.  Nur hier in Vegas ist das natürlich eine ganz andere Liga. Man müsste die Tische viel zu lange beobachten, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wer hier Tourist und wer eiskalter Profi ist. Und wenn man sich dann verschätzt, ist alles im Eimer, weil das eigene Talent ausgegangen ist. Nein, auch Poker wird in Vegas nicht gespielt, es gibt einfach zu viele Unwägbarkeiten. Und außerdem: wer will schon den Totalverlust mit dem eigenen Versagen erklären müssen. Eben. Ich schon gar nicht.

Bleibt: Roulette. Das einzige Spiel im Casino, bei dem man nicht gegen den Zufallsgenerator und gegen eventuell zu starke Gegner spielt, sondern einzig gegen die Statistik. Und das bisschen Wahrscheinlichkeitsmathematik hat mir schon immer gefallen. Passend dazu habe ich im Flieger ein interessantes Stück im Wirtschaftsteil einer großen Tageszeitung gelesen. „Casino-Kapitalismus“, in dem eine sehr einleuchtende Spieltaktik beschrieben stand. In Kurzform etwa so: Roulette ist immer dann zu gewinnen, wenn man sich mit einem fixen Gewinn zufriedengibt und genug Barmittel dabei hat, um eine ausreichende Zahl Runden zu spielen. Das klang einleuchtend. Natürlich ist auch mir klar, dass Roulette kein faires Spiel ist und die grüne Null ein großer Spielverderber sein kann, wenn man aber wirklich brav nur nach Farbe spielt und den Einsatz in der Folgerunde immer verdoppelt, dann ist es doch sehr abschätzbar. Ist man doch. Oder?

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Ich hatte für dieses – das erste, einzige, letzte Mal –  ein wenig Bargeld dabei. Die Kreditkarten-Grenze angetestet. Mal den Geldautomaten rauchen lassen. Die Strategie deshalb eindeutig, die Dollar auf schwarz setzen und dann im Falle von rot solange neu setzen, bis ich gewinne. Im worst-case wären das dann vier Runden. Beim ersten Mal 1.000 Dollar, dann zwei, vier und eben achttausend in Runde vier. Meine Chance der Niederlage sollte dementsprechend bei etwa 6,25% liegen. Gut, die Null spielt natürlich mit, deshalb sagen wir mal grob 7% – ein Risiko, das man berechnen kann. Oder?

Am Tisch von Jack war Platz. Mehr als genug. Ein einsamer Roulette-Tisch, unter der Woche, für Jetlag-Geplagte früh am morgen. Zuschauer haben bei meinem kleinen Spiel gegen die Bank, bei dem natürlich nur ich gewinnen sollte, keinen Platz. Dieser war daher ideal. Die ersten zehn Jetons auf schwarz, Jack warf die Kugel in einer Souveränität ein, die mich nervös werden ließ. Das Warten begann. Jack sah alleine schon aus, als wäre er eine Romanfigur von John Grisham gewesen. Jemand, der vor vielen Jahren nach Vegas kam, sein Glück suchend. Am Ende nicht den amerikanischen Traum findet, sondern mit zwei Vollzeit-Jobs eine simple Bude außerhalb von Vegas finanziert. Freundlich lächelt er die Krisen weg. Überhaupt. Freundlich sein. Das können sie hier. Freundlich die Diet Coke ordernd. Den Jack Daniels muss man vor dem Casino lassen. Willkommen in den USA. Dem Land der doppelten Moral. Deine Existenz im Casino aufs Spiel setzen? Ja, bitte. Dabei dir den Kummer mit 35% Vol. aus den Hirnwindungen spülen? Nein.  Es scheint, als sei immer nur eine Sucht auf einmal erlaubt. Katsching, die Kugel rollt. Obwohl ich meiner Sache sehr sicher war, wohl wissend, dass ich nur ein bisschen Geduld brauchen würde, selbst wenn es in den ersten Runden eben nicht sofort klappt, war ich plötzlich angespannt. Sehr angespannt.

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Nicht ganz zu Unrecht, denn die erste Runde ging schon einmal ins Aus: Rot. Jack zog meine Jetons ein, zuckte belanglos mit den Schultern und machte irgendeine Geste mit der Hand, die ich als Mischung aus Aufmunterung und Gleichgültigkeit deutete. In Runde zwei wurde der Einsatz dann kleiner, zumindest, was den Turm anging. Denn nun lagen zwei Mal 1.000 US-Dollar auf schwarz. Nächster Einwurf, nächste Spannung. Überhaupt, erstaunlich wie unglaublich langsam die Zeit vergeht, bis die Kugel aus der Drehung in die Zahlen fällt. Slow-motion Modus im Kopf. Fällt diese dumme Kugel jetzt endlich? In meinem Falle hätte es dann allerdings sogar etwas mehr Zeit sein dürfen, weil: rot. Natürlich nicht unfassbar, aber irgendwie ärgerlich. Jack hatte den Braten natürlich schon lange gerochen, dafür hat er wohl auch zu viele Strategen nach meinem Plan spielen sehen. Was er allerdings nicht wusste – und worauf er sich sichtlich freute, es herauszufinden – war meine Budgetgrenze.

So forderte er in Runde drei ganz selbstverständlich: „4.000 this round, Mister!“. Locker schob ich meine nun doch schon stark dezimierten Jetons auf das grüne Filzspielfeld, Jack warf ein – und ich begann leicht zu fluchen. Unfassbar. Schon wieder rot. Das kann tatsächlich nicht wahr sein. Drei Mal ist schon wirklich ärgerlich. Ganze 7.000 Dollar in nicht mal fünf Minuten einfach so auf den Kopf gehauen. Fort. Die Bank gewinnt immer. Ich erinnerte mich. Aber ich war auch unter Adrenalin. Es stand in der Zeitung. Die Taktik war eindeutig und klar. Oder?

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Es war dann plötzlich doch mehr Nervosität, als ich sie mir gewünscht hatte, als es in die vierte und für mich letzte Runde ging. Noch einmal schwarz, diesmal mit dem verbleibenden Rest. Was kam, musste kommen. Weil sie irgendwann kommt, wie aus dem Nichts. Die grüne Null. Wann haben sie zum letzten Mal beim Roulette tatsächlich die Null erlebt? Diese Zahl, die das Spiel tatsächlich irgendwie gemein macht. Vor allem aber die Zahl, die mich tatsächlich richtig aus dem Konzept brachte. Das komplette Budget – verspielt. Während einer Frühstückspause. Die Chancen standen doch gut, vier Runden nacheinander eine Farbe, das passiert einfach nicht. Oder dann eben doch. Adrenalin hatte mich betrunken gemacht. Die Macht des Spiels Besitz genommen. Alles oder nichts? Am Ende bleibt das Nichts. Es ist immer die Bank, die gewinnt. Sagte ich das nicht bereits? Goldene Waschbecken auf den Restrooms? Vom Verlieren kommt es nicht. Eher von Verlierern.

Jack verstand die Situation, hatte erkannt, wie ich mich an mein Limit heran gerobbt hatte. Doch seine Beobachtungsgabe war noch besser als erwartet. „What AMG is this key for?“ und deutete auf meinen Schlüssel, der das ganze Spiel neben mir auf dem Tisch gelegen hatte. „It’s a G-Wagon. A G63 AMG, the big one.“ so meine Antwort. „Is it new? You might show it to my friend, I’m sure he’ll give you a good offer.“ Wie bitte? Den Benz verticken? „Excuse me?“ stand mir augenscheinlich auf der Stirn. „No Sir, you don’t need to sell it –  not yet. It’s just a loan.“

Einen windigen Hotelcroupier einfach mal so das Presseauto von Mercedes-Benz USA beleihen lassen? Ähm. Warum nicht, zumindest einmal hören, was er zu sagen hat. Vor der Tür kamen wir dann tatsächlich schnell ins Geschäft. 50.000 Dollar Credit würde er mir für den G63 geben.  Dass es ein neues Auto sei und locker 150.000 Dollar wert, interessierte ihn wenig. Es sei sein Risiko und von irgendetwas müsse er ja auch leben. Halsabschneider! Aber immerhin: fünfzigtausend. Das sind ein paar lockere weitere Runden – deshalb.

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Nein. Du spielst einfach nicht um einen G63. Nimm den G, flute die Brennkammern, zünde und verzieh dich. Raus aus dieser Stadt. Raus aus Las Vegas. Run – Dein Hirn schreit, fahre los! Vergiss den ersten Teil – vergiss das Spiel. Das hier, 577 PS, V8 und das kantige Gewissen des G – darauf kommt es an. Lass die glitzernde Scheinwelt hinter dir. Gib dem G die Sporen, finde dein Glück.

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mit dem g63 von vegas nach 115 Los Angeles mbrt16

 

 

..und ja, es ist und bleibt ein Autoblog und nein, ich habe nicht wirklich um Geld gezockt…

 

3 Kommentare

  1. Sascha Bödrich
    31. August 2016 zu 09:09 Antworten

    sehr gut geschrieben!

    da hätte ich noch länger lesen können, wenn nicht der Text zu Ende gewesen wäre ;-)

  2. Simon Laslo
    21. August 2016 zu 17:51 Antworten

    Geil geschrieben!
    Und auf der Straße hättest du den Betrag auch früh genug in Benzin umwandeln müssen…

    • Bjoern
      Bjoern
      22. August 2016 zu 08:40 Antworten

      Danke!