Erster Test: BMW Fünfer 2017 (G30)

Erster Test: BMW Fünfer 2017 (G30)

Der König ist tot, lang lebe der König! Oder so. Seit sich BMW mit dem E12 als sportliche „Obere-Mittelklasse“ positioniert hatte, gelten die Bayern als das Maß der Dinge in diesem Segment. Eine fast schon luxuriöse Limousine im Segment der viertürigen Limousinen, aber immer ein wenig sportlicher als die anderen. Das war mit dem E28 nicht anders. Es war mit dem E34 nicht anders. Und so weiter. Und man war Vorbild. Während Stuttgart immer dem sachlicheren Komfort verbunden war, galten die Bajuwaren als Sportler. Dann kamen die Ingolstädter und suchten ihren Platz in diesem Trio. Seitdem ist es ein Dreikampf in der „Oberen Mittelklasse“. Im Segment der Dienstwagen für Vielfahrer und Abteilungsleiter. Und die Grenzen verschwimmen immer mehr. Komfort und Dynamik? Müssen heute eh alle aus dem Effeff abliefern. Wie sich also unterscheiden? Eine besondere Aufgabe für den jüngsten Star der Bayern, den „neuen Fünfer“ (G30). mein-auto-blog ist den neuen Fünfer als 530d xDrive und 540i sDrive bereits gefahren. Test- und Fahrbericht aus Portugal:

Sportlehrer im Anzug

Erster Test des neuen BMW 530d xDrive und BMW 540i sDrive

Quick-Info: Marktstart des neuen Fünfer ist am 11. Februar 2017 – seine offizielle Weltpremiere erlebt er auf der Autoshow in Detroit Anfang Januar. Einstiegspreis: 45.200 € für den 520d. 

Die erste Frage: Welcher ist der Neue? Stehen die Generationen F10 und G30, also „der Neue“, neben dem Alten, fragt man sich, was sich verändert hat. Es wirkt ein wenig, als käme das neue Modell mit Messern bewaffnet zu einem Pistolen-Duell. Sicher, die Scheinwerfer gehen jetzt bis zu den Nieren und hinten, ja, irgendwas ist da anders. Aber reicht das? Doch wer tiefer schaut, erkennt die harte Arbeit, die hinter einer solchen „Transformation“ steckt. Sieht aus wie ein Fünfer, aber moderner. Man erkennt sofort, welcher der beiden der jüngere ist. Die Formensprache entwickeln, ohne den Charakter zu schädigen. Eine unfassbar komplizierte Aufgabe. Schönstes Detail dabei? Die Motorhaube. Denn der vordere Abschluss kommt nun ohne „Kaiserschnittnarbe“ aus. Diese in letzter Zeit in Mode gekommene Unart, die Frontmaske und die Motorhaube sichtbar zu trennen. Die krassen horizontalen Spalte mögen beim Crashtest für günstigere Reparaturkosten sorgen, weil bei leichten Schäden nur die Maske und nicht die Haube getauscht werden müssen – aber es sieht unausgegoren aus. Einfach mal die „Nasen“ vergleichen, der G30 wirkt wie geliftet. Positiv.

Und auch wenn man beim Design erst einmal auf Langeweile und Faulheit tippt, unter dem Blech haben die Münchner das ganz große Besteck ausgepackt. Sie haben sich an den goldenen Grundsatz der „drei Mehr“ gehalten. Mehr Dynamik, mehr Effizienz, mehr Features.

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Portugal 2016 im November – Testfahrten im Regen.

Fit dank Diät

Ein guter Weg zu mehr Fitness ist die Diät. Immer. Erst recht bei Autos. BMW spricht von 100 Kilogramm, die man dank cleveren Leichtbaus verloren hat. Ganz ohne Carbon-Core wie beim Siebener und ohne Voll-Aluminium-Hülle. Viel Alu, aber eben nicht nur. Grundsatz eins und zwei, mehr Effizienz und mehr Dynamik lassen sich durch die Diät schon beeinflussen, 10% mehr Leistung (z.B. : 540i) helfen zudem bei der reinen Längsdynamik. 10% weniger Verbrauch freuen Brüssel und Fuhrparkmanager. Und die Umwelt.

Gadget-on-Tour

Seit ein paar Jahren spielt BMW die digitale Trumpfkarte. Man will die Integration des digitalen Lifestyle so fest in den Markenkern schnitzen, wie man es mit dem Dynamik-Anspruch bereits getan hat. Der neue Fünfer kommt daher auch mit einer ganzen Fülle an Innovationen und einem feinen Paket an Assistenten und Gizmos. Allerdings schießt man an einem Punkt massiv über das Ziel hinaus.

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Neues Cockpit-Design. Frei stehendes Display für Entertainment und Navigation.

Verrannt im Gizmo-Zeitalter

Dass sich der Autoschlüssel zum Ersatzhandy entwickelt, ist die gänzlich falsche Richtung. Ein Display im Schlüssel? Das ganze Ding so groß und unförmig, dass man Angst um die Hosensäckel bekommt? Eine Spielerei. Ein Auswuchs des: Sowas ist möglich, aber unsinnig. Zumal alle Funktionen des „Display-Key“ mit seinem 2.2 Zoll großen Touchscreen auch über die BMW eigene Connected Drive Applikation nutzbar wären. Laden lässt er sich über die Induktiv-Ladeschale in der Mittelkonsole oder über einen eigenen USB-Port (sic!). Was aber, wenn bereits das Handy in der Schale liegt? Wohin dann mit dem Schlüssel? In der Hosentasche bringt er Unbeteiligte in Bedrängnis. Nein. Da haben andere die besseren Ideen gehabt. Die richtige Lösung? Vermutlich dem Kunden die Entscheidung zu überlassen. Handy als Autoschlüssel oder Autoschlüssel als Ersatz-Handy? Und auch die Gesten-Steuerung ist so ein Feature, dessen Nicht-Existenz keine Sinnfrage aufwerfen würde. Das Radio per Fingerdreh in der Luft lauter machen? Was war am einfachen Drehregler so verkehrt? Zum Glück bleibt diese Möglichkeit. Also, auch hier, den Haken dran.

HEY! Wie fährt er sich denn nun?

Schlüssel, Assistenten, Gewicht – alles nicht so der Primärfaktor beim BMW-Kauf? Stimmt. Kommen wir zu dem „wie er sich fährt„.

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Papa Habby am Steuer des Fahrer orientierten BMW Fünfers (G30).

Erste Fahrt im neuen BMW 530d xDrive

Die gute Nachricht: Zum Start des neuen Fünfers gibt es ein attraktives Angebot an Motoren. Also nicht diese Dreizylinder-Dinger, sondern echte Motoren. Reihensechser. Der 530d fährt mit einem 265 PS starken Dreiliter-Sechszylinder vor. Als xDrive stehen dann bereits 56.900 € im Leasingrechner. Dafür erstmalig im Angebot : Allradantrieb, Achtgangautomat und Dreiliter-Turbodiesel MIT Allradlenkung. BMW nennt das System „Integral-Aktivlenkung“ und kümmert sich damit nicht um das leichte Verständnis des Features. Im Prinzip – vereinfacht – lenkt die Hinterachse nun aktiv mit. Bei niedrigen Geschwindigkeiten gegenläufig, bei höheren Geschwindigkeit in die gleiche Richtung wie die Vorderachse. Die Wirkung im Fahrverhalten? Nicht direkt spürbar. Man spürt nur eines: Der Fünfer fährt sich, wieder einmal, wie eine Sport-Limousine eine ganze Nummer kleiner. Von den fast fünf Metern und wenigstens 1.77 Tonnen bleibt selbst auf winkligen Gassen in Portugal nichts übrig. Ernsthaft. Leichtfüßig zirkeln, beschwingt den Asphalt-Tango anlegen und die Business-Limousine tanzen lassen. Ach – ja, BMW – war das nicht die Marke, die die „Freude am Fahren“ im Slogan hat?

Der 265 PS Diesel bringt 620 glückliche Newtonmeter Kraft mit. Das zaubert auch dem Fahrer ein Lächeln ins Gesicht. Zusammen mit der ultrafamosen 8-Gang Automatik – der Dank geht nach Friedrichshafen zu ZF – spielen hier zwei zusammen, deren Symbiose zum Maßstab für den Rest der Automobil-Industrie gelten darf. Reihensechszylinder und der 8HP-Automat. Die Benchmark in der Frage nach der besten Lösung für einen „klassischen Antriebsstrang“.

Dass BMW beim Fünfer vollständig auf eine Luftfederung verzichtet, mag verwirren. Aber nach einem Tag on Tour mit dem 530d und 540i nicht mehr. Was die Fahrwerksentwickler der Marke mit dem Propeller im Logo da auf die Räder stellen, beeindruckt. Vor allem, wenn man eben weiß, wie gut woanders so eine Airmatic pardon, Luftfederung arbeitet. Der Spagat zwischen feinfühligem Abrollen und zackiger Reaktion auf den Wunsch nach einer Richtungsänderung – famos. Sicher, der Haken in der Aufpreisliste der – wie immer – teuren Optionen sollte dann auch bei der SA-Nummer „2VA“, dem „Adaptive Drive“, gesetzt sein. Dank aktiver Stabilisatoren arbeitet das Fahrwerk mit den klassischen Stahlfedern in einer überzeugenden Direktheit.

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BMW 540i sDrive im M-Ornament.

Erste Fahrt im neuen BMW 540i sDrive

Sprechen wir von Glück. BMW hatte zur internationalen Fahrveranstaltung in Portugal nur zwei Triebwerke mitgebracht. In Anbetracht eines sehr wahrscheinlichen 518i mit dann nur noch drei Zylindern frohlockten die Reihensechser bei den ersten Tests mit dem erotischen Timbre des klassischen Motorenbaus. Der Benziner, naturgemäß, noch ein wenig mehr als der Turbodiesel. Dem im „M-Sportpaket“ antretenden 540i sDrive hört man am besten beim Motorstart von außen zu. Den trapezförmigen Endrohren entfleucht ein kurzes Fauchen, ein knappes akustisches Versprechen auf die Leistungsfreudigkeit. Und er setzt es um. 340 PS waren mal M-Werte.

Sämig der Lauf, freudig das Drehverhalten, erfolgreich das Leistungsversprechen. Der Turbobenziner liefert mit Nachdruck ab, was er auf dem Papier verspricht. Zum lockeren Tanz durch das Drehzahlband passt die trockene Abstimmung des Fahrwerks in der Sport-Einstellung des Fahrdynamik-Erlebnisschalters. Wie schwer soll der Fünfer sein? Mit der jüngsten Generation mag man bei der Optik nur für Experten einen Schritt getan haben – aber was die Fahrdynamik angeht, da ist man erneut der Maßstab. Beeindruckend die Traktion der Hinterrad getriebenen Limousine. Selbst feuchtes und verwinkeltes Geläuf verunsichert nicht. Dazu passt das Leberwurst-dicke M-Lenkrad ganz wunderbar. Zwei, drei Kurven und man spricht mit der Business-Limousine eine Sprache.

Wie groß der Anteil der Allradlenkung am gelieferten Fahrspaß ist, muss ein Vergleich mit einem Fünfer ohne die Option zeigen. Fakt ist: Trotz Stahlfederung kann der „Neue“ wieder genau das, wofür man bereits vor 30 Jahren den Fünfer gelobt hat: Dynamik auf einem Level leicht oberhalb der anderen. Ohne deswegen unkomfortabel zu werden.

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„Nur Stahlfedern“ – keine Luftfederung als Option.

Infotainment und Level 2

Während Gestensteuerung und klobiger Display-Key beim ersten Kontakt komplett durchfallen, kann das große Infotainmentsystem ebenso punkten wie die rasend schnelle Navigation und Sprachsteuerung. Natürliche Spracheingabe ist für Multimediasysteme eine echte Aufgabe, die jüngste Generation des „BMW Connected Drive“ Paketes mit 10.25 Zoll großen Display meistert diese Aufgabe jedoch beeindruckend gut. „Fahre mich nach, navigiere mich nach … “ und Sekundenbruchteile später ist das korrekte Ziel eingetragen. Dass man zudem die Daten zur Navigation per Handy übertragen kann, die Connected App (eigentlich nur „das BMW Connected“) einen per Shortcut zum Terminkalender frühzeitig darüber informiert, wann man los fahren muss und man zudem im Fahrzeug einen Microsoft Exchange-Server als Mailserver abfragen kann – alles nur richtige Schritte in die Zukunft. Ob BMW-Fahrer jedoch mit dem ersten Schritt zur teil- Autonomen Fahrt einverstanden sind? Fraglich. Umso schöner, dass die Integration des „Driving Assistant Plus“ so frei von nervenden Faktoren umgesetzt wurde. Die Möglichkeit, Tempolimits automatisch an den Tempomaten weitergeben zu können, spart sich BMW. Man will die Philosophie der BMW-Fahrer nicht verändern. Und so sind Tempolimit plus x km/h per Knopfdruck möglich, aber erst, wenn der Fahrer dies bestätigt. Auf der Autobahn erweist sich diese Philosophie als gut umsetzbar. Fährt man Tempomat 140 und das System erkennt ein kommendes Tempolimit von z.Bsp. 120 km/h, wird dies im Head-Up Display frühzeitig angekündigt und dann per Tastendruck übernommen. Aber eben nicht nur die 120 km/h, sondern die vom Fahrer über das Menü aktivierten persönlichen „Kulanz-Plus“. (Sie kennen das ja sicherlich ;) Tempolimit plus 10)

Eine besondere Erwähnung verdient zudem das Head-Up-Display. Das gehört ganz klar zu den Besten, die derzeit am Markt sind. Umfassend in den Möglichkeiten einstellbar, gestochen scharf und mit klaren Farbanteilen. So macht das richtig Sinn.

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BMW 540i sDrive in Portugal.

Modellangebot zum Marktstart

Zum Start wird BMW einen Vierzylinder Benziner mit 252 PS im 530i anbieten, mit und ohne Allradantrieb und einen Diesel-Vierzylinder im 520d, ebenfalls mit oder ohne Allradantrieb. Der 520d leistet 190 PS und 400 Nm! Darüber rangieren die zwei Sechszylinder. Einmal als Diesel und 265 PS und einmal als Benziner mit 340 PS. Ab März bereits soll der 530e iPerformance mit Vierzylinder-Benziner und 252 PS Systemleistung dank E-Power antreten. Hier versprechen die Bayern 50 km elektrische Reichweite und einen Normverbrauch von 1.9 Litern. Ebenfalls ab März wird es eine „Efficient Dynamics Edition“ des 520d geben. Weiterhin 190 PS stark, aber mit einem cW-Wert von 0.22 und einem Normverbrauch von 3.9 Litern Diesel auf 100 Kilometer! Das Angebot vorerst abrunden wird dann der 4.4 Liter Achtzylinder mit 462 PS und 650 Nm. Der M550i xDrive soll in 4.0 Sekunden auf Tempo 100 spurten. Preise für diese Varianten stehen noch nicht fest!

Jetzt mit "Live-Kacheln".

Jetzt mit „Live-Kacheln“.

Fazit

Mag sein, das Design ist nicht progressiv genug. Der Rest unter der zumeist aus Leichtmetall (Alu) bestehenden Hülle ist es. BMW übernimmt die Rolle des Dynamikers im Segment, erneut und maximal überzeugend. Bei der Gadget-Gizmo Abteilung der Münchener wäre aber eventuell mehr Blick nach Schwaben ganz hilfreich. So richtig warm konnte der Autor mit dem Weg der Münchener bei der Digitalisierung und Featurisierung noch nicht werden. Dass man jedoch in dieser Klasse mit einem Stahlfahrwerk so überzeugend aufspielen kann, es zeigt die Dominanz der Bayern in diesem Sektor. Ach – und einen Reihensechser? Sollte man sich immer gönnen – greifen Sie zu, wechseln Sie jetzt in den Leasingrechner … oder spurten sie noch mal schnell ins Fitness-Studio.

Für wen der „neue Fünfer“ die richtige Wahl ist:

Wer die Dynamik schätzt, gerne aktiv fährt und dann auch noch beim Dienstwagen die Freiheit hat, zum Sechsender zu greifen.

DATEN BMW 530d xDrive

Preis: € 56.900 €
Antrieb Benziner: R6-Zyl.-Diesel, 2.993 ccm, 195 kW (265 PS), 620 Nm.
Antrieb Elektro:  — / —
Dimensionen: 5 Sitze, L/B/H 4936, 2126, 1479 mm, Gewicht 1770 kg, Kofferr. 530 l,
Fahrleistungen: 0-100 km/h 5,7 sec, Spitze 250 km/h, Normverbrauch/CO2 5,4 l/100 km/ 128 g/km.

 

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Ein Kommentar

  1. Silvio
    28. November 2016 zu 18:55 Antworten

    Schade, dass der 550i anscheinend nur als „M-Performance“ Version erscheint. Es war/ist immer schön zu sehen, wenn jemand einen unauffälligen 550i sein eigen nennt. Wirkt stilvoll und zeigt, dass die Person das „Besondere“ schätzt.
    Zumal es auch einen M5 geben wird, womit eine Sportvariante vorhanden sein wird.