News: Honda Civic Type R – Japanisches Knallbonbon

News: Honda Civic Type R – Japanisches Knallbonbon

Für den größten Teil der Auto-Gemeinde ist dieser Neuling wohl der Prototyp eines Donnerbolzens, Krawallmachers und ein belächeltes Instrument zur Bewältigung von persönlichen Aufmerksamkeits-Defiziten. Für echte Fans dagegen stellt der Honda Civic mit dem Zusatz „Type R“ das Nonplusultra straßentauglicher Rennwagen im Kompaktformat dar, dessen Motorsound einer Nürburgring-Sonate gleichkommt und dessen knochenhartes Fahrwerk die Fitness der Bandscheibe auf die Probe stellt. Jedenfalls gibt es nach längerer Pause den stärksten Civic wieder, mit seinen 310 PS die derzeit sportlichste Art einen Honda zu bewegen. Zumindest bis sich im Herbst der sicher dreimal so teure Super-Renner NSX auf die deutschen Straßen wagt. Mit seinem Preis von 34.000 Euro ist der Japaner eine Kampfansage an die wenigen europäischen Konkurrenten wie den Seat Leon Cupra oder den Opel Astra OPC.

Natürlich ist auch die Top-Version sofort als Abkömmling des Normal-Civic zu erkennen. Dessen mutiges Blechkleid allerdings traf bislang nicht wirklich den Geschmack der deutschen Interessen in der Golf-Klasse. Von den Verkaufszahlen früherer Jahre ist der heutige Civic weit entfernt. Wobei er durchaus ein Hingucker ist und ein Unikat, das sich dem Trend zur leicht verwechselbaren Form von Golf, Astra, Peugeot und Co. hartnäckig widersetzt. Der grimmige Blick aus schmalen Scheinwerferaugen, der nach unten gezogene mittlere Lufteinlass, das kuppelförmige Passagierabteil, das abgehackte Hinterteil – alles ist beim Civic etwas anders als gewohnt. Dazu ein futuristischer Innenraum mit drei Rundinstrumenten direkt hinter dem Lenkrad und dem Digitaltacho kurz vor der Windschutzscheibe.

Kennzeichen ist der große Heckflügel

Kennzeichen ist der große Heckflügel

Beim „Type R“ steht der Buchstabe nicht für „Rabauke“, sondern ganz simpel für „Racing“. Er wurde mit diversen Anbauteilen geschmückt die ihn schon im Stand richtig schnell aussehen lassen: Eine schmale Lippe rund um den Bug, Luftauslässe an den Seiten, Radhausverbreiterungen und ein gewaltiger Heckspoiler. Manches wirkt harmonisch in die bekannte Civic-Form eingepasst, manches dagegen schlicht drangepappt wie zum Beispiel die Verbreiterung der hinteren Räder. „Alles ist wichtig, um dem Type R bei hohen Geschwindigkeiten mehr Anpressdruck zu verleihen“, erklärt Projektleiter Hisayuki Yagi aus der Honda-Entwicklungsabteilung. Damit meint er vor allem den glatten Unterboden, der durch seine Gestaltung dafür verantwortlich ist, dass sich der Civic förmlich auf dem Asphalt festsaugt.

Auf der ersten Etappe der Testfahrt rund um die slowakische Hauptstadt Bratislava stellt sich dieser Effekt naturgemäß nicht ein, da er erst bei höheren Geschwindigkeiten einsetzt. Doch auch beim Kurventanz im Alltagsverkehr außerorts offenbart der Honda seine Stärken. Der Zweiliter-Turbomotor hängt vorzüglich am rechten Fuß des Fahrers, die Schaltwege des 6-Ganggetriebes sind mit nur vier Zentimetern so kurz wie in keinem anderen Kompakt-Sportler. Bis zur Zahl 7.000 auf dem Drehzahlmesser macht der Civic die Hatz klaglos mit. Dann fordern blinkende Leuchtdioden zum Hochschalten auf. Die Lenkung ist knackig direkt, muss allerdings beim Beschleunigen die mit 400 Newtonmetern recht potente Durchzugskraft des Triebwerks verkraften. Denn der Type R hat im Gegensatz zu Rivalen wie dem Golf R oder dem kommenden Ford Focus RS keinen Allradantrieb, sondern lässt das 1,4-Tonnen-Auto von den Vorderrädern ziehen.

Sportsitze geben guten Halt

Sportsitze geben guten Halt

Trotz ausgeklügelter elektronischer Hilfen lässt sich das bekannte Zerren der vielen Pferde an der Lenkung nicht ganz vermeiden. Vor allem beim Gasgeben aus Kurven heraus, muss der elektronische Beifahrer ständig eingreifen, damit die Kraft auch auf dem Boden landet. Das allerdings verleidet die Fahrfreude keineswegs, wenn man im erlaubten Rahmen des öffentlichen Verkehrs unterwegs ist. Da der Motor dank lautstarker Präsenz Gespräche mit dem Beifahrer erschwert, kann sich die ganze Aufmerksamkeit zudem ganz der Bedienung des japanischen Geschosses widmen. Ein Spaßmobil rundum.

Erst recht auf der Rennstrecke, in diesem Fall dem Slovakia-Ring. Hier wird dann der „R-Knopf“ gedrückt, der die sonst weiße Hintergrundbeleuchtung der Instrumente in knalliges Rot umfärbt. Dieser Modus sorgt für eine aggressivere Auslegung der ohnehin schon recht harten, elektronisch geregelten Fahrwerksabstimmung, mildert die Strafmaßnahmen der wachsamen Elektronik und schaltet verzichtbare Systeme wie das Start-Stopp einfach aus. Der Civic meistert den Parcour mit Bravour, zeigt die Feinarbeit an der Vorderachse und der Aerodynamik. Entwickler Yagi berichtet stolz, dass seine Testfahrer die gefürchtete Nürburgring-Runde schneller bewältigt haben als ihre Kollegen in allen anderen kompakten Power-Fronttrieblern. Ein großer Schritt für Honda, ein deutlich kleinerer für die Welt des Autos an sich.

Die rote Markierung zeigt, dass die Räder geradeaus zeigen

Die rote Markierung zeigt, dass die Räder geradeaus zeigen

Denn Kraftpakete wie dieser Civic werden im Straßenbild seltene Ausnahmen bleiben. Bei allem Spaß, den sie ihren Eignern bringen können, wenn diese mal auf einer abgesperrten Piste ihre Künste demonstrieren wollen. Dabei könnte man mit dem Type R auch zum Supermarkt oder zur Kita fahren. Viele feine Extras sind serienmäßig, mit dem Zusatzpaket „GT“ kommen noch Navigation, Internetanschluss und manches mehr dazu. Nachteil der Rolle als Alltagsauto: Die vielen Pferde wollen gefüttert werden. Bei zügiger, aber nicht brachialer Testtour auf tempobegrenzen Landstraßen meldete der zuvor genullte Bordcomputer einen Verbrauch von 10,6 Liter auf 100 Kilometer. Der Normwert liegt bei 7,6 Litern.

Ab September kommen die ersten Type R auf deutsche Straßen. Insgesamt 600 sollen es bis Ende des Jahres werden. Ganz schön mutig von den Honda-Planern: Vom zivilen Civic wurden im gesamten Jahr 2014 gerade mal rund 6.500 Stück verkauft.

Autor: Peter Maahn/SP-X