2 Tage unter Strom: Die E-Silvretta 2016

2 Tage unter Strom: Die E-Silvretta 2016

Klassik-Rallyes sind ja mittlerweile mein Ding. Seitdem ich mit Matthias Kahle im Ostblock-Porsche von Berlin nach Hamburg gefahren bin, nehme ich diese Nummer richtig ernst. Als Beifahrer bist du da jedoch immer der Depp. Du musst nämlich sagen, wo es lang geht und im Zweifelsfall hast du falsch angesagt und bei den WPs falsch gestoppt, oder die Zeiten falsch in die elektronische Zeitmess-App eingetragen. So ist es mir passiert. Zwei mal. An der Seite eines sechsfachen Rallye-Meisters. Man kann sagen, mein Ego hat sich darunter nicht positiv entwickelt. Doch jetzt, an diesem Ort, ist alles anders. Es geht nicht über flaches Land, es geht über Berge und Pässe und im Heck bettelt kein Vierzylinder-Benziner lauthals um Aufmerksamkeit und man wird auch nicht Klimaanlagen befreit gebraten. Dieses Mal: Elektrisch. Mit Klimaanlage und mal als Fahrer, mal als Beifahrer.

2 Tage elektrisch im Montafon unterwegs: E-Silvretta 2016

Eine elektrische B-Klasse wartet auf mich und meine Co-Pilotin. Ein B250e. Vor kurzem noch hier im Test gewesen, soll es an den zwei Tagen der E-Silvretta nicht um Spaltmaße und Kofferraumvolumen gehen, sondern um den Spaß am elektrischen Fahren. Und um Genauigkeit. Natürlich. Denn ganz egal ob Classic- oder Elektro-Rallye, es geht nicht um die Höchstgeschwindigkeit und um Rundenzeiten, wie auch auf öffentlichen Straßen, es geht um „Präzision“ in den Wertungsprüfungen.

Es geht um Sekunden. Und Hunderstel!

Es geht um Sekunden. Und Hunderstel!

Meine Beifahrerin ist Eva Laun, eine Reporterin des SWR (Radio-Beitrag hier nach hören) und es ist ihre erste „Rallye“. In meinem Kopf spielen sich Horror-Szenarien ab. Hatte ich mich doch bislang von Rallye zu Rallye verbessert. Ein Top 3-Ergebnis? Ja bitte. Das darf schon drin sein. Zumal die Vorbereitungen des Mercedes-Teams wie gewohnt sind: Einzigartig gut. Zu jedem Rallye-Fahrzeug und davon hat Mercedes gleich einmal ein knappes Dutzend mitgebracht. Als Premium-Partner der Silvretta lassen sich die Stuttgarter eben nicht lumpen. Gefehlt haben dagegen die Diesel-Killer aus Wolfsburg und auch Ingolstadt war schon einmal mit mehr Elan beim Thema Elektromobilität. Die iPads hat Mercedes-Benz gleich einmal mit der passenden Rallye-Zeitnahme App geladen. Clever. Und praktisch. Und sogar die Wertungsprüfungen haben die fleißigen Helfer mit dem Stern im Herzen bereits hinterlegt. So bleibt nur eine Kontrolle übrig. Doppelt. Die Schmach des Tippfehlers will ich mir nicht mehr geben.

Am liebsten würde ich am Vortag die ersten Test-Kilometer drehen. Lichtschranken und Druckschlauch-Zeitnahmen prüfen. Denn darum geht es. Maximal präzise die vom Veranstalter für eine WP vorgeschriebene Wertungsprüfungszeit einzuhalten. Jede Hundertstel-Sekunde darüber oder darunter: Ein Strafpunkt.

Doch die Planung bei Mercedes-Benz sieht anders aus. Wir reden über die E-Technik. Über die Zukunft. Manchmal auch über die Vergangenheit und die Wette, die man bei Mercedes-Benz abgeschlossen hat. Auf die beiden Alternativen: Batterie oder Brennstoffzelle. Wie zum Trotz hat Mercedes-Benz auch die Wasserstoff-Variante der B-Klasse mitgebracht. Mein – pardon – unser B250e wartet derweil freudig Elektronen nuckelnd in der Tiefgarage.

Hier zum Test des Mercedes-Benz B 250e

e-silvretta 2016 060 mercedes-benz

Das „etwas andere“ Rallye-Fahrzeug: Mercedes-Benz B 250e

132 kW ist unser Rallye-Fahrzeug stark. Leise summend spurtet er los. Und eine Klimaanlage hat er auch. Sonnige Tage im Montafon lassen sich so viel besser aushalten. Den Test hatte die B-Klasse ED hier auf mein-auto-blog mit Bravour gemeistert. E-Mobilität, e-klar. Für mich ist die Frage ob, oder ob nicht, keine Frage mehr. Natürlich fahren wir in der Zukunft immer mehr elektrisch. Das sieht man auch bei Mercedes-Benz so. Jürgen Schenk leitet die E-Auto Entwicklung bei den Stuttgartern (Direktor e-Drive Integration) und wenn er über E-Autos spricht, dann wundert man sich eigentlich nur, warum wir hier noch immer über eine Nische sprechen.

Noch sind Fahrzeuge wie unser B-Klasse 250e in der Minderzahl. Nur 0.4% der in Deutschland zugelassenen Fahrzeuge sind elektrisch. Aber das wird sich ändern. Da ist sich nicht nur Jürgen Schenk sicher. Bereits Ende des Jahres sieht er die Elektromobilität aus den Kinderschuhen kommend. Bis 2038 dürften sich alle elektrischen Fahrzeuge rein über erneuerbare Energien laden lassen. Bereits 2020 wird es mehr Ladepunkte als Tankstellen geben. So die frohe Kunde für E-Auto Fans. Dabei wird sich der Schnellladestandard CCS durchsetzen, auch weltweit. Und 350 kW-Schnelllader an Autobahnknotenpunkten werden völlig normal sein.

Unserer B-Klasse ist das erst einmal schnuppe. Geladen wird sie noch über einen Typ2-Stecker mit maximal 11 kW und die von TESLA stammenden Akkus reichen auch „nur für 130 bis 190 km“ im Alltag. Überhaupt. Eigentlich ist diese B-Klasse Ex-ED, jetzt B250e genannt, ein kleiner Tesla. Viel know-how der Kalifornier steckt im Stuttgarter Kompakten. Sehen tut man nichts davon. Aber spüren.

Dass man mit E-Autos eben gerade nicht nur in der Stadt zuhause ist, demonstriert unser „B-ED“ ab dem ersten Kilometer. Eindrucksvoll ist der Tag 2, an dem es das Faschinajoch auf 1.487 Meter hinauf geht. Aus jeder engen Kehre spurtet unsere elektrische B-Klasse dank der sofort anliegenden Power des Elektromotors mit Vehemenz heraus. Die ersten Kilometer ab Start ging es Tal abwärts, die Reichweitenanzeige wuchs dabei auf über 250 Kilometer an. Dass man sich auf diese Anzeige verlassen kann, zeigte die gesamte Rallye. 135 Kilometer standen am Rallye-Tag 2 auf dem Programm, inklusive der fast 1.500 Meter auf das Faschinajoch. Am Ziel der Rallye wären weitere 53 Kilometer machbar gewesen – trotz der anstrengenden Berg-Etappen durch das Vorarlberg wären also fast 200 Kilometer Gesamtstrecke machbar gewesen. Es ist gerade die kurvige Landstraße in den Alpen, auf denen der E-Antrieb so richtig punktet. Keine Gänge sortieren, keine Drehmoment-Löcher überwinden, keine Turbolader-Pausen akzeptieren – gerade im S-Modus der B-Klasse 250e ist Schub immer vorhanden. Das macht das Fahren zum Genuss. Einem beinah lautlosen Genuss.

Mehr Reichweite? Die B-Klasse hat einen „Cheat-Mode“. Ein Taster, mit dem sich der Ladehub der Batterie verändern lässt. Damit steigt die nutzbare Kapazität und die Reichweite dehnt sich in Richtung 200 Kilometer aus. Aber auch der E-Fuß spart mit. Früh vom Gas, viele lange Strecken rollen lassen. Sanftes Rekuperieren, gefühlvoll auf der Bremse. Wer ein Elektroauto vorausschauend fährt, spart doppelt. Auf der einen Seite Brennstoff, auf der anderen Seite Verschleißmaterial. Dank der Rekuperation werden die Bremsen deutlich weniger belastet.

Derzeit sind die Kapazitäten der E-Fahrzeuge noch überschaubar, doch Mercedes-Benz sieht 60 kWh-Batterien in der nahen Zukunft als Basis für die E-Mobilität. Das Ziel sind Ladezeiten unter 5 Minuten für 100 km Reichweite. Das ist keine ferne Zukunftsmusik. Das ist aktuelle Forschung.

e-silvretta 2016 073 mercedes-benz

Strom-Spitzen

Das Montafon ist ein 39 km langes Tal in Vorarlberg und wunderbarer Startpunkt für die E-Silvretta Rallye. Ging es am ersten Tag vor allem in Richtung Süden, zur Silvretta Hochalpenstraße, die aber – warum auch immer – ausgelassen wurde, orientierte sich der Tag zwei in Richtung des Ziels in Bregenz.

e-silvretta 2016 075 mercedes-benz

Der Beweis. Reichweiten-Angst? Nicht einmal in den Bergen!

Neben den Wertungsprüfungen war die Reichweite der Fahrzeuge immer wieder ein Thema. Mercedes-Benz brachte neben der Plug-in Hybrid Flotte aus S- und E-Klassen auch den Vorjahres-Sieger SLS electric drive mit zur 2016er Ausgabe. Gewinnen konnte dieser elektrische Sportwagen in diesem Jahr nicht. Den Sieg schnappte sich ein BMW i3 mit dem auto, motor und sport Redakteur Alexander Bloch am Steuer. Die auto, motor und sport war zugleich Veranstalter der Silvretta-Rallye 2016. Sowohl für die Classic als auch für die E-Autos.  Während unsere B-Klasse electric drive diese Rallye zum Komfort-Rennen gestaltete, vergleicht man die Bedingungen des modernen Kompakten mit den harschen Umgangsformen von klassischen Automobilen, fragte man sich jedoch das ein oder andere Mal – ob die anderen Hersteller nicht verstanden haben, was die Uhr geschlagen hat?

Mit BMW und Mercedes-Benz waren nur zwei Hersteller werksseitig bei dieser Leistungs-Demonstration der E-Mobilität vor Ort. Dabei stehen wir vor einem Zeitenwandel. 1.1 Milliarden Fahrzeuge auf der Welt warten auf einen Sprung beim Wirkungsgrad. Mit einem Faktor 3 rechnet man bei Mercedes-Benz, vergleicht man die Effizienz der „Verbrenner“ mit der Effizienz der Stromer. Dass es ein Energieversorgungsproblem gibt, kann man ebenso wenig bestätigen. Da spielt auch der massive Ausbau der Energieerzeugung durch erneuerbare Quellen eine Rolle.

e-silvretta 2016 053 mercedes-benz

Fazit

Am Ende sind Platzierungen bei so einer Rallye ja nur ein Beiwerk. Es geht doch um das „dabei sein“. Um das Erleben einer geräuschlosen Kraftquelle im Umfeld absoluter Ruhe. Über den Bergen, zwischen Kühen und Platz 9 ist doch auch in Ordnung. Gezeigt hat diese Tour vor allem eines: Wer heute noch mit der E-Mobilität hadert, hat nichts verstanden.