Mercedes E-Klasse T-Modell – Aufmerksamer Luxus-Laster

Mercedes E-Klasse T-Modell – Aufmerksamer Luxus-Laster

Der Kombi ist ja eher ein europäisches Phänomen. Mag der automobile Lastesel auf den großen Absatzmärkten in China und den USA nur eine unbedeutende Nebenrolle spielen, auf dem Alten Kontinent, und hier speziell in Deutschland, wird er heiß und innig geliebt. Kein Wunder, dass Mercedes ein halbes Jahr nach der Limousine Ende Oktober auch das T-Modell der neuen E-Klasse ins Rennen geschickt.

Dabei haben jetzt auch die Stuttgarter erkannt, dass ein Edel-Laster nicht allein mit den praktischen Vorzügen eines großen Frachtabteils punkten muss, sondern auch der sportliche Charakter nicht zu kurz kommen darf. So steht der neue Kombi der Baureihe 213, der trotz tiefer gezogener Dachlinie die Kopf- und Ellbogenfreiheit der Fondpassagiere nicht beeinträchtigt, deutlich dynamischer auf den Rädern. Dass er zu Preisen ab 48.665 Euro ohnehin nicht auf eine Klientel abzielt, die Farbeimer oder Werkzeugkisten transportiert, ist eh klar.

Wer in dem fast fünf Meter langen Sternen-Kombi, der in den bisherigen fünf Generationen seit 1996 über eine Million Mal produziert wurde, erst einmal Platz genommen hat, merkt sofort, dass dieser Luxus-Liner in einer anderen Liga spielt

Wer in dem fast fünf Meter langen Sternen-Kombi, der in den bisherigen fünf Generationen seit 1996 über eine Million Mal produziert wurde, erst einmal Platz genommen hat, merkt sofort, dass dieser Luxus-Liner in einer anderen Liga spielt

Zugegeben, wer bisher seine Mercedes E-Klasse für die Fahrt in den Urlaub mit Sack und Pack bis in die letzte Dachritze vollgestopft hat, der wird sich über die Neuauflage des Premium-Kombis aus dem Sternenimperium vielleicht ärgern. Denn tatsächlich ist das Kofferraumvolumen des neuen Edel-Frachters geschrumpft. Um 55 Liter unterhalb der Laderaumabdeckung, um immerhin schon 120 Liter bei umgeklappten Rücksitzen bis unters Dachjuche.

Aber mal ehrlich, wer reizt die Ladekapazität denn schon wirklich bis auf den letzten Kubikmillimeter aus. Und vor allem, was ist die Alternative? Ein Volumen von 640 Liter bis zur Fensterunterkante, das bei steiler stehenden Rücksitzlehnen („Cargo-Stellung“) noch weitere 30 Liter aufnimmt oder dank der im Verhältnis 40:20:40 umklappbaren Rücklehnen sehr flexibel gar auf bis zu 1.860 Liter erweitert werden kann, reicht im Extremfall für 19 Mineralwasser-Kisten als Grundlage für die hochsommerliche Gartenparty oder auch für 12.000 Tennisbälle, um die Ballmaschinen fürs nächste Gruppen-Intensivtraining zu bestücken. Sofern der Platz natürlich nicht für die lieben Kleinen gebraucht wird, für die optional wieder eine dritte Rücksitzbank mit zwei Vorrichtungen für Reboundkindersitze der Klasse 2 und 3 angeboten wird.

Der neue Kombi der Baureihe 213, der trotz tiefer gezogener Dachlinie die Kopf- und Ellbogenfreiheit der Fondpassagiere nicht beeinträchtigt, steht nun deutlich dynamischer auf den Rädern

Der neue Kombi der Baureihe 213, der trotz tiefer gezogener Dachlinie die Kopf- und Ellbogenfreiheit der Fondpassagiere nicht beeinträchtigt, steht nun deutlich dynamischer auf den Rädern

In jedem Fall lässt das T-Modell auch mit der etwas schräger stehenden Heckscheibe immer noch alle Konkurrenten alt aussehen. Auch die in der Premium-Klasse. Hier liegen der Audi A6 Avant (565 bis 1.675 Liter) und der BMW 5er touring.(560 bis 1.670 Liter) ebenso wie der taufrische Volvo V90 (560 bis 1.526 Liter) nach wie vor um Längen zurück. Einzig der Raum-Weltmeister Skoda Superb Combi (615 bis 1.950 Liter) übertrumpft den Mercedes-Laster zumindest beim Maximalwert.

Aber wer in dem fast fünf Meter langen Sternen-Kombi, der in den bisherigen fünf Generationen seit 1996 über eine Million Mal produziert wurde, erst einmal Platz genommen hat, merkt sofort, dass dieser Luxus-Liner in einer anderen Liga spielt. Von der in allen Regenbogenfarben selbst wählbaren Ambiente-Beleuchtung über edle Materialien, egal ob Nappaleder, feine Magnolienhölzer oder Klavierlack, und aufwendige Massagesitze bis hin zu einem Cockpit mit üppigen, hoch auflösenden Displays quasi in Breitwand-Cinemascope – das ist wirklich großes Kino.

Ob man generell von einem „intelligenten Fahrzeug“ sprechen kann, wie dies der Noch-Vertriebsvorstand und künftige Entwicklungschef (ab Januar 2017) Ola Källenius und seine Mannschaft gerne tun, sei einmal dahin gestellt. Technologisch sieht der Schwede, der schon als Nachfolger des Konzernchefs Dieter Zetsche gehandelt wird, den E-Kombi jedenfalls zu Recht an der Spitze, überholt der Mittelklässler in dieser Beziehung sogar die S-Klasse.

Denn wie die Limousine verfügt nun auch das T-Modell der E-Baureihe über den „Drive Pilot“, der teilautonomes Fahren ermöglicht und den Sternen-Laster in ein „sehr aufmerksames Fahrzeug“ verwandelt. Es hält den Abstand zum Vordermann, den Wagen in der Spur und vollzieht beim Überholvorgang sogar sicher die Spurwechsel, ohne dass der Fahrer selbst zum Lenkrad greifen müsste. Er muss nur vorher durch das Setzen des Blinkers seinen Wunsch kundtun. Der Drive Pilot erinnert den Fahrer, die Hände nicht allzu lange vom Lenkrad zu lassen. Und bei unübersichtlichen Verkehrslagen wie etwa an Baustellen gibt er sofort an den Piloten aus Fleisch und Blut ab. Zudem hilft der „Remote Park-Pilot“ per Fernsteuerung beim Ein- und Ausparken aus der Garage oder in engen Parkbuchten.

Die sechste Generation des Lademeisters will aber mehr sein als ein reiner Lastesel und nimmt dafür auch räumliche Einbußen in Kauf

Die sechste Generation des Lademeisters will aber mehr sein als ein reiner Lastesel und nimmt dafür auch räumliche Einbußen in Kauf

Zum Marktstart stehen für das E-Klasse T-Modell zunächst zwei Vierzylinder-Benziner als E 200 mit 135 kW/184 PS und als E 250 mit 155 kW/211 PS sowie der E 220d mit dem völlig neu entwickelten, 143 kW/194 PS starken Vierzylinder-Diesel zur Verfügung, die bisher als einzige preislich mit einer Spannen von 48.665 bis 50.753 Euro fixiert sind. Auf ersten Testrunden durch die Holsteinische Schweiz erwies sich der Selbstzünder als harmonischer Antriebspartner für den Edel-Laster, der mit dem Fokus auf komfortables Reisen dank eines üppigen Drehmoments von 400 Nm schon ab 1.600 Touren für nahezu alle Lebenslagen bestens gerüstet scheint. An der Tanke übt er sich bei einem Normverbrauch von 4,2 Litern auf 100 Kilometern in größter Zurückhaltung, auch wenn am Ende der realen Ausfahrt knapp unter sechs Litern zu Buche standen.

Noch in diesem Jahr soll die Palette um die beiden Diesel-Aggregate im E 200d mit 110 kW/150 PS und im E 350d mit 190 kW/258 PS sowie dem E 400 4MATIC mit 245 kW/333PS ergänzt werden, wobei der 3,5-Liter-Benziner ebenso wie der stärkste Selbstzünder ein Sixpack unter der Motorhaube haben. Sämtliche Modelle sind bei der Markteinführung mit dem neuen Neungang-Automatikgetriebe 9G‑TRONIC ausgerüstet.

Bis dahin wird auch die erste Performance-Stufe des neuen Nobelkombis erhältlich ein. Das AMG-T-Modell E 43 4MATIC soll mit dem 295 kW/401 PS starken 3,0‑Liter-V6-Biturbo, dem Neungang-Automat mit verkürzten Schaltzeiten, Allradantrieb und eigenständigem Sportfahrwerk noch mehr Fahrdynamik und Agilität bieten und dürfte bei knapp unter 80.000 Euro ohne Extras.

Und genau das ist generell das einzige Problem beim E-Klasse T-Modell. Der edle Sternen-Frachter ist zweifellos ein Kombi auf absolutem Top-Niveau – das gilt aber auch für die Preise, denn das ganze Arsenal an Sicherheits- und Assistenzsystemen bis hin zum „Drive Pilot“ ist größtenteils aufpreispflichtig. Und bei den Mehrkosten geht es dabei nicht um Tausende, eher schon um Zehntausende. (Michael Lennartz)