News: Mercedes C 350 e trifft 190E 2.5-16 Evolution II – Der Grüne und das Biest

News: Mercedes C 350 e trifft 190E 2.5-16 Evolution II – Der Grüne und das Biest

Sie war der Inbegriff des Strebers und so spießig wie ein Reihenendhaus in der Neubausiedlung. Doch keine andere Mercedes-Baureihe in den Achtzigern hat sich so gut verkauft wie der 190E. Denn als Baby-Benz hat die kleine Limousine nicht nur die sparsamen Senioren bei der Stange gehalten, sondern auch ein jede Menge neue Kunden an die Marke herangeführt: „Langweilig, aber erfolgreich,“ müsste man dem 190er eigentlich in die Biographie schreiben – wenn es da nicht exakt 1.004 Autos gegeben hätte, die alles andere als langweilig waren. Denn um das Image der Baureihe ein wenig aufzumöbeln, hatte Mercedes den Spießer auf Sportler getrimmt und ab 1989 in die DTM geschickt. Und weil das Reglement dafür so genannte Homologationsmodelle vorsah, mussten die Schwaben nicht nur die Dienstwagen für Herren wie Johnny Cecotto, Klaus Ludwig oder Roland Asch und Damen wie Ellen Lohr bauen, sondern pro Saison auch mindestens 500 Autos auf die Straße bringen.

Die hatten es in sich: Wo dem Basismodell Anfangs 90 und später 118 PS gereicht haben, lockte schon der 190 E 2.5-16 Evolution von 1989 mit 195 PS und einem Spitzentempo von 230 km/h. Und als im Jahr darauf der Evolution II an den Start ging, war es mit dem Spießertum gar vollends vorbei: Mit 235 PS und einer Spitze von 250 km/h hat dieser schwarze Flügelstürmer so viel Staub aufgewirbelt, dass es bisweilen selbst den Porsche-Kunden die Sinne vernebeln konnte.

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Auch Autos wie den beiden Evos ist es zu verdanken, dass die C-Klasse 25 Jahre später weiter vom Spießer-Image entfernter ist denn je. Außen so leidenschaftlich gezeichnet wie ein CLS und innen fast so luxuriös ausgeschlagen wie eine S-Klasse, ist der einstige Baby-Benz längst als Vollwert-Mercedes anerkannt – und macht jetzt gerade den nächsten Kurswechsel. Denn in diesen Tagen bringen die Schwaben Limousine und Kombi zum ersten Mal auch als Plug-In-Hybrid in den Handel: Angetrieben von einem Tandem aus einem Vierzylinder mit 211 PS und einer E-Maschine von 82 PS und mit einem 6,4 kWh großen Akku bestückt, kommt dieses Steckdosenstromer im besten Fall auf einen Normverbrauch von 2,1 Litern und wird so zum sparsamsten Verbrenner im gesamten Mercedes-Portfolio.

Zwar ist ein Superlativ ja per se kein schlechtes Verkaufsargument. Doch weil der Plug-In bei einem Grundpreis von 50.962 Euro kein Schnäppchen ist, wollen die Schwaben sich nicht allein auf die große Anziehungskraft eines kleinen Verbrauchswerts verlassen. Die Vernunft würzen sie deshalb mit einer gehörigen Portion Vergnügen und preisen den C 350 e auch als Dynamiker an. Denn wenn man der Elektronik nur die richtigen Regieanweisungen gibt, kann sie beim Zusammenspiel der beiden Motoren statt des Verbrauchs auch den Vortrieb optimieren und der Sparer wird tatsächlich zu einem Sportler, der sich sogar mit dem Evo II von 1990 messen kann.

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Am Steuer braucht es dafür nicht viel mehr als einen Druck auf den Agility-Control-Schalter: Sobald man von „E“ wie Economy in den Sport-Plus-Modus wechselt, ist das zähe Gefühl im Gaspedal verschwunden, das mit sanftem Gegendruck auch notorische Bleifüße zur Mäßigung erzieht. Stattdessen spannt die Limousine die Muskeln an, schärft ihre Sinne und giert förmlich nach einem beherzten Tritt. Schließlich kommen die beiden Motoren im Team nicht nur auf 279 PS, sondern auch auf 600 Nm, die selbst mit dem Übergewicht der Batterie buchstäblich leichtes Spiel haben: Von 0 auf 100 in 5,9 Sekunden und 250 km/h Spitze ohne mit der Wimper zu zucken – kein Wunder, dass Baureihenchef Christian Früh den C 350 e durchaus in der Tradition des schwarzen Ritters aus der DTM-Zeit sieht. Zumal der Hybridantrieb spätestens seit seinem Einsatz in der Formel 1 längst auch im Sport salonfähig ist.

Auf dem Papier ist der C 350 e damit sogar das sportlichere Auto und sticht seinen Urahn beim PS-Quartett in jeder Kategorie aus. Denn abgesehen von der identischen Höchstgeschwindigkeit hat das neue Modell durch die Bank weg die besseren Werte: 279 statt 235 PS, 600 statt 245 Nm und 5,9 statt 7,1 Sekunden für die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h. Doch in der Praxis sieht das ein bisschen anders aus – nicht nur weil die C-Klasse heute einen feinen Smoking trägt, während der 190er mit seinen breiten Kotflügeln und dem riesigen Heckflügel so prollig auftritt wie Arnold Schwarzenegger in seinen besten Zeiten und deshalb jedem anderen Auto ganz einfach die Schau stiehlt.

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Auch wegen der inneren Werte: Denn wo der C 350 e kühl und klinisch wirkt und die Emotionen irgendwo in den Tiefen der Elektronik hängen bleiben, zündet der 190er Evo mit dem ersten Gasstoß ein loderndes Feuer, das kaum mehr zu löschen ist. Klar kann man den C 350 e mit dem kleinen Finger fahren und muss beim Evo statt dessen kräftig zupacken. Und natürlich ist der Sport in einem 25 Jahre alten Rennwagen mit Straßenzulassung eine schweißtreibende Angelegenheit. Aber genau deshalb wirkt der alte Athlet so authentisch, dass man kaum langsam tun kann und erst recht nicht mehr aussteigen möchte – selbst wenn einem schon nach einer halben Stunde der Kupplungsfuß schwer wird, die Hände brennen und der Rücken in den ungewöhnlichen engen Lederschalen schmerzt.

Das Fahrwerk ist genau wie heute in der C-Klasse auf Knopfdruck verstellbar, aber in der strammsten Stufe dann auch wirklich bretthart. Und die Lenkung ist erstmals im 190er so direkt, dass man es einfach wissen will und die Grenzen von Mensch und Maschine mit jedem Meter etwas genauer auslotet. Langsam und züchtig jedenfalls kann man dieses Auto kaum fahren. Erst recht nicht mit dem serienmäßigen Sportgetriebe. Das hat nicht nur den ersten Gang dort, wo es sich für einen Rennwagen gehört, nämlich unten links. Vor allem ist es so kurz übersetzt, dass man eigentlich direkt durchschalten will in den zweiten und dann in den dritten Gang. Doch das ist ein Fehler. Denn damit wirklich was passiert, braucht der Vierzylinder Drehzahl – und zwar jede Menge.

Unter 3 000, 4 000 Touren noch handzahm, wie man es vom Baby-Benz nicht anders kennt und dabei für einen Sportwagen ungewöhnlich leise, wird der Schwarze Ritter zu einer Bestie wenn die Drehzahl nach oben springt: Ungestüm, ungehobelt und vor allem brüllend laut sticht er davon und stempelt den C 350 e zu einem schnellen Streber. Wer braucht schon einen Elektro-Schock, wenn er einen Adrenalinschub haben kann?

Autor: Benjamin Bessinger/SP-X

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