Range Rover Evoque Cabriolet – Zwischen Protz und Trotz

Range Rover Evoque Cabriolet – Zwischen Protz und Trotz

Sprintzeit? Verbrauch? Platzangebot? Bei diesem Test kann man sich klassische Bewertungsparameter getrost schenken. Was er kann, ist eigentlich egal, es zählt nur, was er ist: Das einzige in Serie gebaute SUV-Cabriolet der Welt. Und diese Besonderheit ist so schrullig wie großartig, denn wer auffallen will, und dafür sind Cabriolets letztlich ja auch gemacht, dem bietet Land Rover mit dem offenen Evoque eine Plattform allerfeinster Güte. Was allerdings auch schon mal peinlich werden kann.

Das Stoffdach ist fünflagig und bietet somit eine ordentliche Geräusch- und Wärmedämmung

Das Stoffdach ist fünflagig und bietet somit eine ordentliche Geräusch- und Wärmedämmung

Und zwar dort, wo der Offen-Brite offen gefahren wird, die Öffentlichkeit für solche Autos jedoch nicht offenherzig genug ist. In München oder Starnberg würde sich unser orangefarbener Range mit seinen schwarzen 20-Zoll-Rädern gut ins Straßenbild einfügen, in Gegenden mit zurückhaltender Lebenskultur provoziert der Engländer jedoch. Zumindest in der ein oder anderen Situation hätten wir so manchem verständnislos schauenden Passanten entschuldigend entgegnen mögen: „Ist nur geliehen.“ Andererseits hat es viel Spaß gemacht, mit dieser rollenden Showbühne zu provozieren.

Eine richtige Schönheit ist der Evoque allerdings nicht. Cabriolet-Derivate von Steilheckfahrzeugen haben noch nie Preziosen-Status erlangt. Entsprechend hatte Audi beim A3 Cabriolet ein ästhetisches Erbarmen mit seinen Kunden. Immerhin hat man im Fall des Evoque auf einen Bügel verzichtet und so muss sich das extralange Dach entsprechend ohne Zwischenstütze über den gesamten Innenraum strecken. Das geht ganz automatisch per Knopfdruck und geht auch während der Fahrt bis fast 50 km/h. Offen wird es nicht zu stürmisch, geschlossen fühlt man sich angesichts der soliden Dachkonstruktion wohl behütet. Erst jenseits von 160 km/h wird es unter der fünflagigen Stoffpelle etwas laut. Das Cabriolet eignet sich also durchaus für den Langstreckeneinsatz, zudem ist es auch noch ganzjahrestauglich. Bei kalten Außentemperaturen wird man die Temperaturvorwahl der Klimaautomatik allerdings um ein paar Grad höher einstellen als bei Autos mit Festdach.

Rund 20 Sekunden dauert es, bis das Dach vollständig geöffnet oder geschlossen ist

Rund 20 Sekunden dauert es, bis das Dach vollständig geöffnet oder geschlossen ist

Das Platzangebot ist für ein Cabriolet durchaus ordentlich, doch der gehobene Nutzwert des normalen Evoque ist auf der Strecke geblieben. Hinten können Erwachsene zwar mitfahren, doch realistisch betrachtet ist die zweisitzige Rückbank angesichts der geringen Kniefreiheit und der steil stehenden Rückenlehne nur Kindern zumutbar. Zudem mussten große Teile des Kofferraums dem Verdeckkasten weichen, weshalb das zu einem kläglichen Ladeschlitz verkommene Gepäckabteil nur 250 Liter aufnehmen kann.

Vorne ist das Platzangebot hingegen tadellos, wie auch die Ausstattung, die mit vielen Annehmlichkeiten verwöhnt. Feines Leder, schickes Design, Sitzheizung, Tempomat oder ein Infotainmentsystem mit Riesentouchscreen sind an Bord. Im Vergleich zum Vorgängersystem ist der neue Multimedia-Alleskönner gewiss ein Fortschritt, doch mit der Funktionalität und Bedienbarkeit haben wir das ein oder andere Mal gehadert. Unverzichtbar beim Offen-Evoque: Parkpiepser und Rückfahrkamera, denn zumindest bei geschlossenem Dach ist die Übersicht nach hinten äußerst dürftig.

Vorne hat man gute Platzverhältnisse, auf der zweisitzigen Rückbank wird es für Erwachsene allerdings etwas eng

Vorne hat man gute Platzverhältnisse, auf der zweisitzigen Rückbank wird es für Erwachsene allerdings etwas eng

Nach vorne geht der Blick durch eine sehr langgezogene und flach bauende Frontscheibe. Fürs genussvolle Cruisen bot uns der Evoque einen bemerkenswert angenehmen Antrieb. Der 180-PS-Diesel bleibt akustisch dank der behände die Gänge wechselnden Neunstufen-Automatik meist dezent im Hintergrund. Der Motor kann aber auch vehement anschieben. Immerhin 430 Newtonmeter sorgen für satten und dank Allradantrieb auch sauberen Vortrieb, der eine Sprintzeit aus dem Stand auf Tempo 100 in rund 10 Sekunden ermöglicht. 195 km/h sind offiziell drin, die Tachonadel haben wir sogar auf deutlich über 200 km/h geschoben, natürlich nur auf freier Autobahn. Aus den 5,7 Litern Normverbrauch werden in der Praxis bei ruhiger Fahrt sechseinhalb bis sieben Liter, wer dem Temporausch verfällt, wird mit 8 oder 9 Litern leben müssen.

So richtig zum Bolzen animiert der fast zwei Tonnen schwere Offen-Evoque selbst im Sportmodus nicht, obwohl er sich mit seinen Riesenrädern fast wie auf Schienen durch Kurven scheuchen lässt. Und das trotz dachloser Karosserie sogar weitgehend verwindungsfrei. Mit 200 Kilogramm Stahl wurde das Chassis untenrum mächtig und wirkungsvoll verstärkt. Das ist übrigens auch bei Offroadausflügen hilfreich, denn ganz nach Art des Hauses will sich der Freiluft-Range auch abseits befestigter Straßen behaupten. Ob es Sinn macht, mit einer fahrenden Sonnenbank durchs Outback zu kraxeln, muss aber natürlich jeder für sich entscheiden.

Wer dieses außergewöhnliche Automobil will, braucht einen souveränen Kontostand. Mindestens 51.400 Euro kostet das Evoque Cabriolet mit dem 110 kW/150 PS starken Basisdiesel. Im Fall der von uns getesteten Version mit dem Top-Selbstzünder und Topausstattung HSE kommen sogar über 60.000 Euro zusammen. Wer es besonders gediegen will, kann bei Land Rover zudem viele Extras ordern und damit den Preis auch auf über 75.000 Euro treiben. (Mario Hommen/SP-X)

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