Interview mit der smart-Chefin

„Eine smarte Chefin“

Interview mit Fr. Dr. Annette Winkler

 

Annette WinklerAnnette Winkler wird gerne als „quirlige und sympathische“ Frau beschrieben – im Rahmen der Automobilshow in New York konnte ich nicht nur den neuen smart ED fahren, sondern auch mit der Frau reden, die bei smart die Fäden in der Hand hält. 
Ich: Fr. Dr. Winkler, als smart-Fahrer der ersten Stunde (Anmerkung: ich hatte zwei smart fortwo und bin damit unter anderem auch an einem Wochenende von Frankfurt nach Monaco und zurück gefahren) kann ich nun – nach dieser „Testfahrt“ nur sagen: Hurra, endlich fährt sich der smart so, wie man es sich immer gewünscht hat. Aber fangen wir doch zuerst bei Ihnen an:

Wenn ich das richtig zusammengefasst habe, dann mögen Sie keine Anglizismen, sind Rennradfahrerin ..

AW: (lacht) und jetzt vor allem auch eBike-Fahrerin.

Ich: …Pianistin und man bezeichnet Sie gerne als unkonventionell – ist das richtig zusammengefasst?

AW: Wäre „unkonventionell“ ein Kompliment? Ja, ich denke es trifft zu.

Ich: Wenn Sie aber keine Anglizismen mögen, warum arbeiten Sie ausgerechnet für smart? Dort gibt es den „electric drive“, „smart add on“, „tailor made“ und Ähnliches. Braucht eine Marke wie smart einfach Anglizismen, um sich selbst zu beschreiben?

AW: Für eine weltweit funktionierende Kommunikation geht es nicht anders und auch unser Markenname smart an sich ist ja bereits ein englischer Begriff, der global bestens verstanden wird und prima funktioniert.

Ich: Stimmt, der Name an sich ist bereits ein Anglizismus.

AW: Genau. Ich habe auch überhaupt nichts dagegen, ich liebe die englische Sprache. Jede Sprache für sich ist toll. Was ich nicht mag ist die laufende Vermischung verschiedener Sprachen- wobei es halt auch Begriffe gibt, die es als Vokabel genau so nur in einer Sprache gibt, und die ich auch mal gerne benutze. Zum Beispiel: „Commitment“

Ich: Was Sie stört ist also diese typische „Marketing- und Beratersprache“?

AW: Ja. Wenn man so tut, als ob. Ich habe es gerne bodenständig und normal. Darum geht es mir viel mehr, als um irgendeinen Anglizismus an sich.

Ich: In der Vorbereitung auf dieses Gespräch habe ich mir natürlich alte Interviews von Ihnen durchgelesen und es gibt da eine Geschichte, die dreht sich darum, wie Sie zu Mercedes-Benz kamen – daher muss ich jetzt natürlich fragen: Haben Sie nun einen Parkplatz für Ihren Dienstwagen?

AW: Ich habe jetzt einen Parkplatz für meinen Dienstwagen.

Ich: Wissen Sie, worauf ich anspielen will? Das war bei Ihrer allerersten…

AW: Ja, bei meiner allerersten Rede..

Ich: Bei Ihrer Rede bei Mercedes-Benz als Sie noch mittelständische Unternehmerin waren?

AW: Genau (lacht).

Ich: Sie wollten damals die Manager aufrütteln und darauf hinweisen, dass es wichtigeres gibt als Dienstwagen-Parkplätze.

AW: Genau. Aber wissen Sie, das Schöne ist: Heute habe ich einen, aber ich brauche ihn nicht, weil ich immer smart fahre. (lacht)

Ich: Sie können Ihren Parkplatz also mit jemandem teilen (Anmerkung: Weil der smart fortwo ja so kurz ist)

AW: Ja, ich kann ihn teilen oder ich brauche ihn gar nicht, weil ich immer einen Parkplatz finde. Ich fahre aller meistens mit meinem grünen BRABUS „tailor made“ Das wissen inzwischen auch alle: „Wenn der grüne smart vor der Türe steht, ist die Winkler da“. (lacht)

Ich: Sie haben kürzlich auch einen smart mit Flügeln gezeigt, den „smart forjeremy„. Da sind wir ja schon fast beim fliegenden Auto. Was ist die Idee, was ist der Sinn dahinter?

AW: Es gibt eine große Verbindung zwischen allen smart-Fahrern. Sie sind „young at heart“. Es sind einfach Junggebliebene, egal wie alt sie sind. Und sie wollen ein Stück weit auch anders sein. Sie brauchen kein großes Auto, um in die Stadt zu fahren, weil es einfach viel praktischer ist, ein kleines zu fahren
Durch unser tailor made Programm kann man sich seinen smart maßschneidern und sich dadurch selbst verwirklichen, seine Persönlichkeit ausdrücken.
Der „Jeremy Scott“-smart ist ein ganz besonders aufwändiger und kreativer tailor made smart, und den können Sie bald bei uns bestellen.

Ich: Mit oder ohne Flügel?

AW: Mit Flügeln. Wegen der Zulassung sind es natürlich kleinere Flügel als beim Showcar, aber wunderschöne. Ich weiß ja schon wie er aussieht: ein toller, schicker, urbaner smart, der aber auch polarisieren wird. Jeremy Scott ist sicherlich schräg und nicht jedermanns Geschmack, bei unserer Präsentation des smart forjeremy in Los Angeles mag auch der ein oder andere gedacht haben: „Wenn das Gottlieb Daimler sehen würde, würde er sich im Grab umdrehen.“

smart forjeremy, 2012

Ich: Ja, vermutlich auch Herr Hayek. Meinen Sie es war im Sinne des Herrn Hayek?

AW: Ich bin mir ganz sicher, die beiden würden sich nicht im Grab umdrehen. Ganz im Gegenteil – gerade die beiden waren vorausdenkende Leute, die wussten: Menschen wollen ihre Persönlichkeit ausdrücken. Und ganz persönlich denke ich: smart muss dafür stehen, einfach auch mal ein bisschen schräg oder anders zu sein.

Ich: Okay, Forward Thinking. Letztes Jahr wurden 104.000 smarts verkauft.
Das Ziel für 2013, wo geht es hin? Und wie viel Anteil soll der smart „electric drive“ daran tragen? (Anmerkung: smart spricht von „e“ und „d“ als Abkürzung von electric drive. Ich finde: e und d sind ED und Ed als Name klingt persönlicher und passt besser zum smart. Also spreche ich vom „smart Ed“.)

smart ed in new yorkAW: smart Ed gefällt mir auch gut, das habe ich ja noch nie gehört.

Ich: Ich finde Ed passt am besten zum Fahrzeug.

AW: Ok. Also wir gehen davon aus, dass wir wieder eine Stückzahl in der Größenordnung des Vorjahres schaffen. Uns wurde ja vor wenigen Jahren vorausgesagt, wir würden im Absatz einbrechen. Dann haben wir uns vorgenommen, die 90.000 zu halten und haben 100.000 Einheiten geschafft, zuletzt waren wir sogar schon bei 104.000. Natürlich ist der Verkauf in einigen südeuropäischen Märkten, die für uns immer sehr wichtig waren, wie Italien, Portugal usw., derzeit schwierig. Auf der anderen Seite haben wir es geschafft, uns zum Beispiel in China und den USA toll nach oben zu entwickeln.

Ich: Und der Anteil des Ed? Oder des „electric drive“?

AW: Der Ed könnte…(Frau Dr. Winkler geht auf mein Wortspiel ein…) – diese Aussprache übernehme ich sofort.

Ich: Das gibt ihm eine Persönlichkeit finde ich.

AW: Ja schön, das gefällt mir wirklich gut! Die Nachfrage nach dem smart Ed ist riesig und zukünftig wollen wir in unserem smart Werk jährlich eine fünfstellige Zahl an electric drive fertigen. Gerade für eine hochinnovative und komplexe Technologie wie unsere Lithium-Ionen-Hochvoltbatterie ist die Anlaufkurve der Produktion aber naturgemäß etwas flacher. Dieses Jahr wollen wir die electric drive Produktion kontinuierlich steigern und auf das Jahr gesehen 6.000 smart electric drive schaffen.

Ich: 6.000 Stück – das klingt übersichtlich.

AW: Das klingt vielleicht übersichtlich, aber andere verkaufen deutlich weniger oder verabschieden sich komplett vom Markt der Elektrofahrzeuge.

Ich: Aber die Nachfrage ist größer?

AW: Die Nachfrage ist größer! Wir haben sehr lange Lieferzeiten, in Deutschland schon bis Ende des Jahres – und hier sind wir auch schon Marktführer! Einer der Gründe, und das ist für uns alle eine tolle Bestätigung: Einer ersten Befragung zufolge sagen über 90 Prozent unserer electric drive Kunden, dass sie den elektrischen smart sofort weiterempfehlen würden!
Und auf jeden Fall ist eines klar: Der Ed oder das elektrische Fahren ist für smart eine extrem wichtige Sache und eine echte Herzensangelegenheit, denn wenn es eine Marke gibt, zu der elektrisches Fahren perfekt passt, dann ist es smart. Das zeigen wir übrigens auch beim smart forjeremy oder bei der Kooperation mit BoConcept – beide Showcars haben einen vollelektrischen Antrieb und zeigen die Vielfältigkeit des elektrischen Fahrens. Die ganze Markenvielfalt ist bei uns elektrisch!

smart ed in new york

Ich: Wird smart vielleicht mal ein Hersteller, der nur noch elektrische Fahrzeuge produziert?

AW: Nein, das glaube ich nicht. Es wird wirklich immer Kunden geben, die beides wollen, aber sicherlich wird der elektrische smart einen großen Anteil haben.

Ich: Bis der Nachfolger vom smart fortwo kommt wird es noch ein bisschen dauern…

AW: Nur noch bis Ende des nächsten Jahres.

Ich: Was machen Sie in der Zwischenzeit zur Auffrischung der Nachfrage. Wir haben ja jetzt 100.000 für dieses Jahr, nächstes Jahr haben wir 100.000, also sollen noch 200.000 des aktuellen fortwo verkauft werden.

AW: Natürlich tun wir etwas! Und da der smart besonders wertstabil ist, müssen wir nicht in Nachlässe investieren, sondern können unser Produkt frisch und attraktiv halten: Wir bringen neue Farben, wir bringen neue Felgen, wir bringen tolle Editions, wir weiten das „tailor made“-Programm aus. Wie schon gesagt bauen wir außerdem unsere Absätze in einigen Märkten stark aus, wie in den USA und China.

Ich: Sie wollen ja wieder mit einem smart 4-Sitzer kommen, der alte Smart forfour war jedoch kein so durchschlagender Erfolg.

AW: Warum? Was glauben Sie?

Ich: [Anmerkung: Gegenfrage von Fr. Winkler :) Raffiniert: Jetzt muss ich mich in die Nesseln setzen und erklären, weshalb der forfour gescheitert ist!!) *smarte Chefin*!]
Also meine persönliche Ansicht ist glaube ich gar nicht so wichtig in diesem Punkt. Ich glaube jedoch, es lag unter anderem daran, dass man damals mit falschen Partnern zusammengearbeitet hat und die Menschen in diesem smart nicht den „eigentlichen smart-Charakter“ gesehen haben. Also ich zum Beispiel habe damals den smart gekauft, weil es eine völlig neue Idee war. Und der smart fourfour war dann keine neue Idee mehr. Der smart forfour war ein normaler Kleinwagen, der langweilig war. [Anmerkung von mir: Wäre ich damals smart-Chef gewesen, es wäre alles anders und „richtig“ gekommen…aber dies nur am Rande…]

Ich: Was wird sich beim neuen 4-Sitzer ändern?

AW: Sie haben es ja schon auf den Punkt gebracht. Zuallererst einmal ist ganz wichtig, dass das neue Auto jetzt auf einer Plattform mit dem 2-Sitzer entsteht. Das heißt wir werden…

Ich: Heckantrieb und Heckmotor haben?

AW: Ja, Heckantrieb auch natürlich auch den Heckmotor. Das heißt, wir haben natürlich auch ganz andere Möglichkeiten, um das berühmte „smart-Raumgefühl“ zu verwirklichen und trotzdem außen sehr kompakt zu sein.

Letztendlich wird der 4-Sitzer, ich sage es mal liebevoll, ein 2-Sitzer T Modell werden. (Anmerk.: T steht im Daimler-Konzern für Kombis)

Ich: Ein 2-Sitzer T Modell? Kriegen wir dann einen 2-Sitzer TED? (Anmerk: Also einen 4Sitzer-T mit Electric Drive)

AW: (lacht). Wir werden auf jeden Fall dafür sorgen, dass es der smart unter den 4-Sitzern wird, indem er einfach viele smarte Ideen mitbringt und man von Weitem erkennen wird, dass da ein smart kommt. Nur eben für Menschen, die Lust oder die Notwendigkeit haben, auch einmal eine dritte oder vierte Person mitzunehmen. Eben „forward thinking“. Aber mehr kann ich Ihnen da noch nicht verraten.

Ich: Nun noch zwei unangenehme Fragen Fr. Winkler:
Werden Sie irgendwann mal dafür sorgen, dass der normale smart ein vernünftiges Getriebe bekommt?

AW: Werden wir.

Ich: Okay. Das heißt? Ein stufenloses?

AW: Das lassen wir jetzt mal offen.

Ich: Aber das ist ja immer noch einer der Hauptkritikpunkte.

AW: Es gibt smart-Fahrer, die lieben das Getriebe, wie es ist. Man muss den Leuten das Getriebe beim ersten Mal aber erklären: Es ist kein reines Automatikgetriebe und kein reines Schaltgetriebe. Fahren ohne zu kuppeln ist im Grunde perfekt für den Verkehr in der Stadt! Das war und ist Forward Thinking. Und es gibt viele smart-Fans, die den smart auch genau deswegen lieben – ich gehöre dazu!

Ich: Wird smart einmal der Benchmark für den Verbrauch bei der Frage nach den sparsamsten Automobilen sein?

AW: Ja, und durch den electric drive sind wir es schon! Wer Wert auf geringen Verbrauch legt, kann äußerst günstig elektrisch fahren und zudem ist der smart ed wirklich sehr praxistauglich: 85 Prozent der Menschen fahren im Durchschnitt maximal 40 – 50 Kilometer am Tag. Mit 140 Kilometern vollelektrischer Reichweite ist das überhaupt kein Problem! Daher glaube ich, dass sich insbesondere in der Stadt das elektrische Fahren durchsetzen wird.

Außerdem haben erstaunlich viele Menschen die Möglichkeit, ihr Fahrzeug zu laden. Häufig bzw. meistens reicht es einfach aus, das Fahrzeug – wie Ihr Handy auch – über Nacht zu Hause oder während der Arbeit zu laden.
Und denken Sie einen Schritt weiter: nicht nur an die großen Ladesäulen, die extra installiert werden müssen, sondern an smarte Lösungen. Zum Beispiel spezielle Straßenlaternen, die direkt am Gehweg stehen und über die das Fahrzeug geladen werden kann.

Oder nehmen Sie eine Metropole wie London: teilweise gesperrte Innenstädte für Verbrennungsmotoren. Es wird immer mehr Menschen und Städte geben, die die heutige Geräuschkulisse und die Verschmutzung durch Autos nicht mehr tolerieren. Da ist der smart electric drive das perfekte Fahrzeug für die Stadt – und nebenbei macht es unheimlich viel Spaß, damit zu fahren. Ich freue mich auf die Veränderung, die der smart in den Städten verursacht.

Ich: Stellen Sie sich vor, ich wäre der kleine Bruder von Angela Merkel und ich hätte die Möglichkeit, Angela abends beim Essen etwas zu sagen. Was würden Sie sich von der Bundesregierung bezüglich der Entwicklung von E-Mobilität wünschen?
Sie haben einen Wunsch frei, wohin soll es gehen oder was soll sie ändern, meine Schwester Angela?

AW: Ein echter Herzenswunsch wäre, die Busspuren freizugeben für elektrische Autos. Wissen Sie warum?

Ich: Das wundert mich, dass Sie sich keine Förderung wünschen.

AW: Geld oder steuerliche Förderungen sind ja das eine, aber ich glaube einfach, dass Menschen heute etwas anderes viel mehr schätzen. Denn welchen Vorteil haben unseren Kunden schon heute mit dem smart? Zeitersparnis! Sie parken mit einem smart im Schnitt rund 40 Prozent schneller und finden 40 Prozent schneller einen Parkplatz als mit einem konventionellen Auto!.

Ich: Wir haben keine Busspur bei uns, aber ich verstehe, wo es hingehen soll. Ist auch logisch für den Einsatzzweck des smart.

AW: Es könnten beispielsweise auch reservierte, kostenlose Parkplätze angeboten werden. Aber es müssen Vorteile sein, die das elektrische Fahren für jeden sichtbar noch attraktiver machen und den Fahrern helfen, bequemer und zeitsparender unterwegs zu sein.

Ich: Also Infrastrukturmaßnahmen…

AW: …die die elektrische Mobilität fördern, aber viel weiter gedacht sind als nur die Anzahl an Ladesäulen zu erhöhen. Jedes elektrische Auto entlastet die Bürger einer Stadt von Lärm und Abgas – da können die Städte im Gegenzug auch etwas für die elektrischen Fahrzeuge tun.

Ich: Vielen Dank.

 

Das Gespräch wurde von mir auf dem N.Y. Automobilsalon geführt – mit vor Ort war der Blogger-Kollege Jens Stratmann und zwei Pressesprecher des Konzerns. 

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Ein Kommentar

  1. Passion: smart times 2015 › Mein Auto Blog
    3. September 2015 zu 08:57 Antworten

    […] wurde, bis sich auch der Hersteller selbst an diesem Spektakel beteiligte. Seit fünf Jahren nun spricht die Vorstandsvorsitzende des kleinen Kleinwagenherstellers die Eröffnungsrede am ersten Abend der Veranstaltung. Und nicht etwa bloß ein paar Grußworte, […]

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