News: Toyota RAV4 – Die Grenzen des Wachstums

Dass SUV keine Geländewagen sind, hat ihren aktuellen Erfolg erst möglich gemacht. Toyota hat das früh erkannt und vor 20 Jahren mit der ersten Auflage des RAV4 einen Hit gelandet: Einen Geländewagen mit Pkw-Fahrwerk, der Alltagstauglichkeit und Abenteuerlust verband. Drei Generationswechsel später ist zumindest von letzterer nicht mehr viel übrig geblieben.

Dass das Kompakt-SUV zwei Jahrzehnte nach seiner Entdeckung längst domestiziert ist, betrifft natürlich nicht nur den RAV4. Doch an ihm wird die Entwicklung des gesamten Segments besonders deutlich: Vom drahtigen, kleinen Asphalt-Kraxler ist der Toyota über regelmäßige Wachstumssprünge zum saturierten Mittelklasse-SUV gewachsen. Optische Geländewagen-Anleihen gibt es nicht mehr, stattdessen versucht der Allrader mit seiner gepfeilten Front und der geschwungenen Dachlinie eine gemäßigte Dynamik auszustrahlen. Das fällt ihm jedoch allein schon wegen seiner Größe nicht ganz leicht: 4,57 Meter misst die vierte Generation in der Länge (Auflage eins gab es noch mit 3,72 Metern), 1,66 Meter in der Höhe. Entsprechend behäbig bewegt sich der große Wagen auch. Komfortabel wankt er über Bodenwellen, in Kurven wirft er sich eher widerwillig und beim Rangieren versperrt er sich gern dem Blick nach hinten.

Der Fond ist extrem geräumig

Der Fond ist extrem geräumig

Konsequenter als am optischen Auftritt hat Toyota hingegen am RAV4-typischen Allradantrieb festgehalten. Lediglich der Basis-Diesel (91 kW/124 PS) ist ohne die Traktionsförderung zu haben, der Benziner (111 kW/151 PS) und der große Diesel des Testwagens (110 kW/150 PS) treiben alle vier Räder an. Der 2,2 Liter große Vierzylinder-Selbstzünder tut das ausreichend energisch ohne viel Aufhebens akustischer Art, muss sich aber im Vergleich zu den Top-Selbstzündern der Konkurrenz hintenanstellen. Wo VW Tiguan oder Ford Kuga auch mal die linke Autobahnspur okkupieren, bleibt der bei Vmax und Spurtkraft limitierte Toyota lieber in der gemäßigten Mitte. Im Gesamtpaket mit dem komfortorientierten Fahrwerk ist das durchaus stimmig, der Praxisverbrauch ist mit rund 7,5 Litern aber etwas hoch.

Auch wenn Fahrverhalten und Motorisierung keine bleibenden Eindrücke hinterlassen – in einer Hinsicht kann der RAV4 voll überzeugen: beim Platzangebot. Der Fond etwa ist so verschwenderisch geräumig, dass hier die sprichwörtlichen Basketball-Profis nicht nur ihre Knie sauber unterbringen könnten, sondern davor wohl auch noch die Sporttasche Platz hätte. Ähnlich großzügig ist der Kofferraum bemessen, der dazu noch angenehm gleichmäßig geschnitten ist und mit einer niedrigen Ladekante aufwartet.

Verwunderlich, dass Toyota bei diesem Platz-Überfluss keine dritte Sitzreihe anbietet. Und irgendwie würde die auch gut zum Charakter des RAV4 passen. Denn in der aktuellen Auflage ist er längst eher Familien-Shuttle als Expeditions-Mobil, mehr aufgebockter Kombi mit Schlechtwege-Modus als Geländewagen mit Asphalt-Qualitäten. Das war eine bewusste Entscheidung von Toyota und muss auch kein Fehler sein, wie man etwa an einem kleinen Detail sieht. Denn bisher gehörte zum RAV4 auch die seitlich angeschlagene Heckklappe mit häufig aufmontiertem Ersatzrad. Eine nette Schrulle einerseits, furchtbar unpraktisch im Alltag andererseits. Vor allem, weil die Pforte nach japanischer Art nach rechts öffnet und man mit Ladegut immer auf der befahrenen Straße hantieren muss. Das ist vorbei, der Toyota hat jetzt eine große, bequem zu bediendene Heckklappe.

Das Cockpit ist nüchtern und aufgeräumt

Das Cockpit ist nüchtern und aufgeräumt

All das Vergrößern und Verbessern hat den RAV4 letztendlich auch größer und besser gemacht, aber den ursprünglichen Charme verwässert. Weil gleichzeitig die Konkurrenz immer zahlreicher und leistungsfähiger wurde, ist der einstige Segments-Trendsetter heute nur noch eines von vielen Angeboten in diesem Segment. Wer nicht gerade „extreme Beinfreiheit im Fond“ ganz oben auf seinem Auto-Wunschzettel hat, findet schwerlich einen Begründung, warum es nun ausgerechnet ein RAV4 sein muss, abgesehen vielleicht von der legendären Toyota-Qualität. Und auch der Blick in die Preisliste ist keine große Hilfe: Sie startet mit knapp 26.000 Euro, für den großen Diesel werden 31.850 Euro fällig. Beides könnten auch Mittelwerte aus den Konkurrenzmodellen sein.

Autor: Holger Holzer/SP-X