Rosemeyer: Der Mann, der König sein wollte

Rosemeyer: Der Mann, der König sein wollte

In einer dunklen Zeit versuchte einer zu leuchten und verglühte. So blieb ihm immerhin die schlimmste Zeit Europas erspart. Das Drama des Bernd Rosemeyer in drei Akten: Motorsport, Nazis und Rekordjagd.

Der Mann, der König sein wollte

Bernd und der Motorsport

Am Anfang gab es für Bernd Rosemeyer nur ein Motorrad. Und genau genommen fuhr er damit auch keine Rennen, sondern präsentierte nur ein paar Kunststücke. Er war zu Beginn seiner Karriere, also Anfang der 1930er Jahre, kaum mehr als eine Zirkusattraktion.

Kein Wunder also, dass kaum jemand davon Notiz nahm, als er 1935 in den Autorennsport wechselte. Dort war eigentlich auch kein Platz für Rosemeyer. Caracciola (Daimler-Benz), Nuvolari (Alfa Romeo) und Stuck (Auto Union) hießen die bekannten und beliebten Platzhirsche. Rosemeyer heuerte bei Auto Union an. Kein Gigant von Weltgeltung, sondern der traurige Zusammenschluss von Audi, DKW, Horch und Wanderer, die ohne einander während der Weltwirtschaftskrise vom Markt gespült worden wären. Immerhin: das letzte Rennen seiner ersten Saison – der Große Preis von Brünn – konnte er sogar gewinnen.

Es folgte der große Preis von Monaco. Rosemeyer schied zwar aus, weil er einen Brückenpfeiler rammte, beherrschte aber trotzdem die Schlagzeilen, weil er den steinernen Zier-Blumentopf, den er dabei vom Geländer geschossen hatte, als Trophäe mit nach Hause nahm.

Danach kam, was keiner für möglich gehalten hatte. Eine Aneinanderreihung von Triumphen. Unter anderem gewann er das Internationale Eifelrennen und den Großen Preis von Deutschland – also das Epizentrum von Prestige und Nationalstolz. Dabei siegte er nicht knapp. Es waren keine spannenden Rennen. Er deklassierte die Konkurrenz, dominierte das Geschehen und stellte Rekorde ein. Am Ende des Jahres 1936 war Bernd Rosemeyer Europa-, deutscher Straßen- und Bergmeister.

Am Gipfel kam das Merchandising. Eine Rosemeyer-Autogrammkarte von 1937. Er posiert vor dem Rekordauto von 1937. Quelle: Audi AG

Am Gipfel kam das Merchandising. Eine Rosemeyer-Autogrammkarte von 1937. Er posiert vor dem Rekordauto von 1937.
Quelle: Audi AG

Bernd und die Nazis

Im Sommer 1937 stand in den USA der Vanderbilt-Cup in den USA an und Rosemeyer war ein Deutscher, wie ihn die Amerikaner damals noch liebten – mit Wadenstrümpfen und grünen Trachtenhütchen. Doch Rosemeyer wurde innerlich zerrissen. Denn die Propaganda des Deutschen Reiches hatte das Rennen zu einem Wettkampf der Systeme erhoben. Rosemeyer repräsentierte nicht mehr nur die Auto Union, sondern auch ein faschistisches System, in dessen Plänen Niederlagen nicht vorkamen. Für Rosemeyer war das Problem, dass er eine amerikanische Rennstrecke erwartet hatte: lange Gerade, breite Strecke. Die überlangen Auto-Union Rennwagen wären dafür ideal gewesen.

Dumm nur, dass der Roosevelt Raceway, auf dem der Vanderbilt-Cup ausgetragen wurde, mehr einer engen Brezel glich. Die Wagen würden hier wesentlich mehr Sprit verbrauchen. Rosemeyer musste also genug Vorsprung rausfahren, um einen Tankstopp mehr einlegen zu können als die Konkurrenz.

Mit Tafeln hielt sein Rennstall ihn auf dem Laufenden. Doch sie logen Rosemeyer an. Die angezeigten Zwischenständen waren immer knapper als die tatsächlichen. Unter dem Druck gewinnen zu müssen, setzte die Auto Union das Leben Rosemeyer aufs Spiel. Nach neunzig Runden hatte er mit 51 Sekunden Vorsprung gewonnen – mit blutenden Händen und einem Gesicht, schwarz von Öl und Gummiabrieb. Eines der berühmtesten Bilder von ihm.

Dieser Sieg machte ihn zum Nationalhelden. Zur Galionsfigur der deutschen Propaganda-Maschine. Er wurde zum Hauptsturmführer in der SS befördert. Eine militärische Karriere, die ausschließlich auf Rennerfolgen fußte. Freigesprochen werden darf niemand, der einen solchen Wert für die Nazis besaß, doch die Unschuld wurde Rosemeyer mehr geraubt, als dass er sie hergab.

Mit dem Sieg beim Vanderbilt Cup wird Bernd Rosemeyer in Deutschland zum Nationalheld. Das schwarze Gesicht lässt erahnen, welche Strapazen das 90-Runden-Rennen bereit gehalten hatte. Quelle: deutsches Bundesarchiv

Mit dem Sieg beim Vanderbilt Cup wird Bernd Rosemeyer in Deutschland zum Nationalhelden. Das schwarze Gesicht lässt erahnen, welche Strapazen das 90-Runden-Rennen bereit gehalten hatte.
Quelle: deutsches Bundesarchiv

Bernd und die Rekordjagd

Als der Motorsport Bernd Rosemeyer zu einem Star machte, waren Autos, Flugzeuge und Motoren noch keine Kriegsmaschinerie, sondern das genaue Gegenteil davon. Diese Techniken standen für Mobilität und Weltoffenheit. Für Fortschritt und Zukunft. Und ganz oben auf der Agenda standen damals noch die Geschwindigkeitsrekorde. Ein Wettstreit, der zwar global klingt, in Wahrheit zu diesem Zeitpunkt aber ein Zweikampf zwischen Mercedes und Auto Union war.

Schon im Herbst 1937 kam ein neues Kapital hinzu. Rosemeyer auf der einen und Caracciola auf der anderen Seite matchten sich auf der A5 um jeden Stundenkilometer. Am Ende des Tages hatte die Auto Union die Nase vorne. Als erster Mensch überhaupt fuhr Rosemeyer über 400 Stundenkilometer (406,2). Am Ende hatte er drei Weltrekorde und 16 internationale Klassenrekorde aufgestellt.

Krawatte, Weste, weißes Hemd. So wurden 1937 Testfahrten durchgeführt. Quelle: Audi AG

Krawatte, Weste, weißes Hemd. So wurden 1937 Testfahrten durchgeführt.
Quelle: Audi AG

Mercedes wollte bereits im Januar 1938 Revanche. Doch während Mercedes, durch das Regime hoch subventioniert, aus ihrem Auto 700 PS kitzelten, gingen der Auto Union die Mittel aus und das Fahrzeug stagnierte bei 560 PS. Um diesen Rückstand aufzuholen, wurden die Entwickler beim Design kreativ.

Dreißig Jahre vor Lotus hatte die Auto Union das erste Ground-Effect-Fahrzeug entwickelt. Freilich unbeabsichtigt. Weil der Motor mit einem Wärmespeicher ausgerüstet war, benötigte es keine Luftauslässe an der Unterseite mehr. Diese wurden verschlossen. Der Unterboden saugte jetzt das Fahrzeug am Boden fest.

Doch das Problem war, dass Bernd Rosemeyer eine Cockpitbelüftung brauchte. Wegen Sauerstoffmangels wäre er bei früheren Fahrten beinahe ohnmächtig geworden. Helfer mussten ihn an der Ziellinie aus dem Auto heben. Per Hebel konnten jetzt Klappen in der Front geöffnet werden. Die einströmende Luft sollte durch die unteren Düsen, die sich ebenfalls öffneten, abgeleitet werden. So clever die Idee auf den ersten Blick sein mag, so katastrophal wirkt sie sich auf den Abtrieb von Fahrzeugen aus, die mit über 400 Sachen unterwegs sind.

Am 28. Januar 1938 startete Caracciola bereits am Morgen und brannte  432,7 Stundenkilometer in den Asphalt. Als Rosemeyer antrat, gab es bereits Seitenwinde, doch er fuhr. Und er fuhr schnell. Etwa einen Stundenkilometer schneller als Caracciola. Doch er kam nicht am Ziel an. Anfangs glaubte man, dass der Seitenwind Rosemeyer von der Straße gefegt habe. Doch wahrscheinlicher ist, dass Rosemeyer die Lüftungsklappen öffnete und damit den Anpressdruck auflöste.

Wer auf der A5 am Rastplatz „Bornbruch-Ost“ abfährt findet an der Unfallstelle von 1938 ein Bernd-Rosemeyer-Denkmal. Im Februar 2015 wurde der einstige „Rastplatz Rosemeyer“ auf eine Weisung des Bundesverkehrsministerium umbenannt. Quelle: Wiki-Commons/Goodgirl

Wer auf der A5 am Rastplatz „Bornbruch-Ost“ abfährt, findet an der Unfallstelle von 1938 ein Bernd-Rosemeyer-Denkmal. Im Februar 2015 wurde der einstige „Rastplatz Rosemeyer“ auf eine Weisung des Bundesverkehrsministerium umbenannt.
Quelle: Wiki-Commons/Goodgirl

Bei der Beerdigung von Bernd Rosemeyer spricht Adolf Hitler persönlich, seine Leibstandarte hält die Mahnwache ab. Ein schmutziger und instrumentalisierter Abschied. Mit der Sympathie und der kosmopolitischen Attitüde, die ein Rosemeyer in die Welt trug, war es fortan vorbei. Die finsterste Dekade Europas blieb ihm immerhin erspart.

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