Carglass

Carglass repariert, Carglass tauscht aus.

Feine Sache dieser Slogan, nur leider per TV-Werbung derart heftig penetriert, das er auf meiner persönlichen „Werbe-Nerv-Liste“ kurz nach Seitenbacher-Müslis auftaucht.  Über 67 Millionen Euro hat Carglass in 2011 für Werbung ausgegeben – eine stolze Summe und erklärend für die Penetranz des Slogans im TV.  Mit 269 Niederlassung spielt Carglass in Deutschland mittlerweile den großen Autoglaser und 29 Millionen Euro Gewinn (vor Steuern) sprechen eine deutliche Sprache. Das Geschäft mit dem Autoglas läuft und Carglass ist der Platzhirsch.

Und „Erfolg“ macht angreifbar.

Wie bei jedem Unternehmerischen Erfolg, wird ein Unternehmen mit jeder neuen Umsatzsteigerung angreifbar für Neider, Intellektuelle und natürlich für Menschen, die gerne auch mal an Verschwörungen und dunkle Mächte glauben. Mal subtil, mal weniger subtil. Im Falles eines Zeitungsartikels der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ bin ich mir noch nicht ganz sicher, was den jungen FAZ-Redakteur zu seinem Artikel veranlasst hat. Manchmal muss man sich im frischen Job (Seit 4 Monaten bei der FAZ) ein wenig kräftiger strecken um wahr genommen zu werden. Eventuell dies, oder eine persönliche negative Erfahrung mit dem Unternehmen Carglass oder eventuell einfach nur der Wunsch nach einem tollen, kritischen Artikel für die Sonntags-Lektüre (wer liest eigentlich die FAZ-Sonntag?).

So kann man in dem Beitrag des jungen Journalisten zum Bsp. lesen:

Ob sich das Wachstums-Tempo halten lässt, ist indes fraglich…sind die Versicherer doch mittlerweile…nicht mehr so richtig überzeugt davon, dass auch sie vom Erfolg der Carglass-Kette profitieren…

Leider ohne Hinweis auf die Quelle der Aussage. Weiter geht es mit einer Aussage, deren Sinn wohl die vollständige Arbeit des erfolgreichen Kölner-Unternehmens und viel wichtiger, die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Unternehmens angreifen soll:

Sachverständigenorganisationen weisen darauf hin, dass nicht jeder winzige Steinschlag, der außerhalb des Sichtbereiches des Fahrers liegt, unbedingt behoben werden muss.

Zu keiner Zeit habe ich in einem der Werbe-Spots von Carglass, ganz egal wie nervig deren Werbe-Claim ist, eine Aussage gehört – die mit einer undifferenzierten Definition von Steinschlag, Panik verursachen will. Im Gegenteil. Die gezeigten Steinschläge sind immer regelrechte Krater und gut sichtbare Flatscher. Der Artikel packt an dieser Stelle, völlig undifferenziert, jeden Steinschlag in die gleiche Kategorie.

Warum so undifferenziert?

Man könnte vermuten, Hr. Coekoll hat sich schlicht keine Gedanken gemacht über Steinschläge – oder über den Alltag einer Windschutzscheibe. Oder hat er eventuell gute Argumente? Hat er Fälle in denen Kunden mit winzigen kleinen Steinschlägen zu unnötigen Reparaturen überredet wurde? Nein. Einfach nur den Begriff Steinschlag nicht differenziert betrachtet. Keine Gedanken darüber gemacht, dass es Fälle gibt, in denen die Verbundglas-Scheibe vom Steinschlag so getroffen wurde, das die Folie im Inneren der Scheibe offen liegt. Denn es gibt eine Vielzahl von Schäden – die sicher, weder auffallen – noch repariert werden müssen. Nur das Carglass hier für eine Reparatur dieser Bagatellen spricht, das kann ich nicht erkennen. Also – was war die Initialzündung des Artikels?

Eventuell kann dieser Satz zur Klärung beitragen?

Carglass hat den Menschen eingeredet, dass jeder kleine Steinschlag sofort repariert werden muss

Okay, verständlich. Wenn ich ein Produkt habe, mit dem ich Geld verdienen will, dann bewerbe ich natürlich und stelle die Merkmale und die Notwendigkeit meines Produktes heraus – in so fern eigentlich, absolut keine Erwähnung wert. Doch interessant von wem der Satz stammt. Der Satz stammt von „Thomas Klein“ dem Chef des Bundesverbandes der Autoglaser. Und nun raten Sie mal, wer nicht im Bundesverband der Autoglaser vertreten ist?

Richtig: Carglass. 

Nun, besonders subtil ist die Intention des Artikels und die gewünschte Message am „Skandal Carglass“ damit nicht mehr.  Vor allem wenn der BVA e.V. selbst mit der „Steinschlagreparatur“ wirbt.

Nachdem dann in der vorletzten Woche auch die „AutoBild“ den schwachsinnigen Artikel aus der FAZ aufgegriffen hatte und lediglich für die eigene Zielgruppe versimpelt und verkürzt, erneut veröffentlicht hatte,  war mein Interesse auch geweckt. Anders als die AutoBild, habe ich das Gespräch mit Carglass gesucht und mich vor Ort informiert.

 

Meine Erfahrung mit Carglass – meine Meinung:

Auf die Kontaktanfrage hat man bei Carglass schnell und offen reagiert. Der Wunsch nach einem „get together“ und einer Demonstration der Arbeit wurde zeitnah umgesetzt. Bereits da war ich erstaunt, wie offen und flexibel eine Firma sein kann, die derart nervig wirbt ;).

Am letzten Donnerstag war ich vor Ort und habe, zusammen mit anderen Bloggern, einen Blick hinter die Kulissen von Carglass geworfen. Unter anderem habe ich mir auch die Methoden der Glas-Reparatur zeigen lassen. Wir haben uns die typischen Steinschlag-Schäden angeschaut und konnten mit „Maulkorb“ freien und nicht gecasteten Mitarbeitern über das Unternehmen sprechen.

An diesem Foto wird deutlich, über welche Art von Steinschlagschäden man bei Carglass spricht:

Beim prüfen, nach der Reparatur.

Kein Krater mehr vorhanden!

Carglass hat sich als Gesprächspartner präsentiert, der ohne schlechtes Gewissen und völlig offen, über die Details der eigenen Arbeit geredet hat.  Wirtschaftlichen Erfolg, oder den Erfolg einer Werbe-Kampagne mit fiktiven Vorwürfen zum Skandal aufbauschen, diese Art der Presse-Arbeit kann ich nachvollziehen. Aber eventuell sind das einfach die „lauen Lüfte“ die man im Bereich der alten Print-Medien benötigt. Mehr Substanz lässt sich am „Vorwurf“ der FAZ, der völlig unreflektiert in der AutoBild wiederholt wurde, nicht finden.

Lange Rede kurzer Sinn:

Hätte man journalistisch gearbeitet – dann wäre der Platz in beiden Print-Publikation wohl frei geblieben. Peinlich ist die Nummer vor allem für AutoBild.  Im übrigen hat Carglass kein Werbe-Budget für Print-Kampagnen, nur mal so als Information. (Nicht das ich hier irgendwas, irgendwem unterstellen wollte.)

 

Edit: Roberts Artikel zum Carglass Besuch.

 

 

Information: Dieser Artikel wurde nicht von Carglass bezahlt, gekauft oder direkt beeinflusst in Text oder Inhalt. Und nein, Carglass hat auch bei mir keine Werbung gebucht!

 

 

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27 Kommentare

  1. ocelot152
    18. Juli 2016 zu 11:44 Antworten

    Okay das ist gut

  2. BoB 2015: Wenn Windschutzscheiben ihren Meister finden › Mein Auto Blog
    16. November 2015 zu 18:53 Antworten

    […] Mehr als 200 Bewerber aus ganz Deutschland haben sich auch in diesem Jahr um die Krone des besten Autoglasers bemüht. Es ist bereits eine gute Tradition, den „Champion“, den „Best of Belron“ zu küren. Belron? BoB? CARGLASS? […]

  3. Carglass repariert. Carglass tauscht aus. ~ Iconic Cars
    6. Oktober 2015 zu 14:31 Antworten

    […] natürlich schon lange online: – Robert Basic: robertbasic.de – Björn Habbegger: mein-auto-blog.de – Marco Stoehr: […]

  4. MatzeLoCal
    10. Juli 2012 zu 07:29 Antworten

    Dass das keine Werbeveranstaltung gewesen sein soll kann ich nicht so ganz glauben… oder warum ist da auf dem Bild auch Robert Basic? Ich damit will nicht sagen, dass Robert Basic eine wandelnde Werbeveranstaltung ist, aber es wäre schon sehr grosser Zufall wenn er auch gerade da gewesen wäre… oder macht ihr alles im Doppelpack?

    • Bjoern
      Bjoern
      10. Juli 2012 zu 08:11 Antworten

      Hallo Matze,

      Robert Basic, Jens Wilde, Marco Stoehr und ich – wir waren zu viert. Wie das in der Presse-Arbeit so üblich ist, sichert man sich durchaus damit ab,
      keinen einzelnen Journalisten / Blogger zu bevorteilen. Ebenso üblich: Im eigenen Netzwerk abklären, wer noch Interesse an „Thema XYZ“ hat.

      Blogger leben frei, ohne Redaktionsdruck und Verlagshauszwänge und behandeln nur die Themen, die sie wirklich interessieren. Für mich war Carglass nach der AutoBild-Meldung interessant.

  5. mk
    9. Juli 2012 zu 12:13 Antworten

    Hmm. Also, da hat die FAS und in Folge auch die AutoBild vergessen, sich die Frage „Cui bono?“ zu stellen und sich möglicherweise vor den Karren des Autoglaser-Verbands spannen lassen. Und sofort spurtet eine gute Handvoll Blogger zur Ehrenrettung von Carglass los? Respekt.

    Was ich hier wie da vermisse: Zahlen und Fakten. Wie groß ist der Gesamtmarkt. Wie hat er sich entwickelt. Wer sind die Wettbewerber. Wie sind tatsächlich die rechtlichen Vorgaben zur Reparatur – ohne die von unterschiedlichen Interessenslagen geprägten Infobildchen mit unterschiedlich bunten Windschutzscheiben zu nutzen. And so on.

    Und doch bitte nicht den zur werblichen Veranschaulichung überzeichneten Darstellungen zu viel Aussagekraft beimessen. Menstruationsflüssigkeit ist ja auch nicht blau.

    • Bjoern
      Bjoern
      9. Juli 2012 zu 12:15 Antworten

      Nun, wir sind nicht losgespurtet. Für mich wurde die Sache interessant, als die AutoBild den FAZS Artikel so unreflektiert kopierte.

  6. Stefan K.
    9. Juli 2012 zu 12:12 Antworten

    Mich würde bei dem FAS-Artikel mal interessieren, ob zu den angedeutenden Sachverständigenorganisationen auch die DEKRA gehört, die sich immerhin im Besitz der Versicherer befindet und bei dem Thema kaum neutral ist.

  7. Andreas
    9. Juli 2012 zu 11:21 Antworten

    Ich bin ja immer wieder überrascht, mit was sich die Nation beschäftigt…
    Dabei stellen sich mir schon wieder 2 verdammte Fragen:
    1) Ist Werbung realistisch und objektiv?
    2) Hinterfragt jeder Schreiberling (egal welches Medium) seine information bis ins Detail?

    • Bjoern
      Bjoern
      9. Juli 2012 zu 11:51 Antworten

      Zu 2) kann ich für mich nur sagen: Ich hinterfrage so lange, bis meine Neugier gestillt ist und die Informationen für mich nachvollziehbar sind – ob dies der Maßstab ist? Keine Ahnung. Eine Journalisten-Meta-Ebene kenne ich nicht, vermutlich bin ich deswegen auch nicht damit betraut.

  8. Torsten
    9. Juli 2012 zu 10:53 Antworten

    Blöde Frage: Woher weißt Du, dass Du mit einem nicht-gecasteten und maulkorbfreien Mitarbeiter sprichst?

    • Bjoern
      Bjoern
      9. Juli 2012 zu 10:59 Antworten

      Weil das dann eine Station voller „gecasteter“ Mitarbeiter hätte sein müssen. Und ganz nebenbei, so ein wenig vertraue ich da schon auf mein Bauchgefühl. Man merkt es den Menschen an – das ist wie mit Lügner, die entlarven sich auch durch Körpersprache.

  9. mike
    9. Juli 2012 zu 10:37 Antworten

    Kommt ganz schlecht:
    Kritiker kritisieren, und dann auf eine Werbeveranstaltung von Carg. gehen und danach erzählen wie toll die sind.

    Disclaimer hin oder her – für mich sieht das hier sehr wohl nach Carglass Werbung aus.

    • Bjoern
      Bjoern
      9. Juli 2012 zu 10:42 Antworten

      Der Unterschied ist: Ich habe die Berichte gelesen und dann um das Gespräch gebeten. Ich wurde nicht auf eine Werbeveranstaltung eingeladen – ich habe bewusst den Kontakt gesucht um mir eine Meinung bilden zu können. Was zumindest die AutoBild ganz klar nicht getan hatte! Und die konstruierte Kritik des Verbandes scheint nun wirklich zu schäbig in der Begründung. Wer hier wo konstruiert, das darf sich jeder selbst ausmalen. Ich bin froh – keine Redaktion im Rücken zu haben, der ich a) Skandale und Headlines liefern muss und b) keinen Verlag der nach Werbe-Kunden sucht!