Detroit 2016 – PHEV auf der NAIAS auf dem Vormarsch

Ohne Stecker geht fast nichts mehr: Die Autobauer auf der Detroit Motor Show feiern ein Festival neuer Plug-in-Hybrid-Modelle. Gerade in der Diesel-Krise soll das der Königsweg aus emissionsarmer Fortbewegung und ausreichender Reichweite sein. Ganz freiwillig setzen die Hersteller aber nicht auf diesen Trend.

Volvos neues Flaggschiff S90 hat die Kraft der zwei Herzen. Fords runderneuerter Fusion (bei uns: Mondeo) zieht ebenfalls bei Bedarf den Stecker heran. Und die VW-Premiere des Concept-Cars Tiguan GTE gibt schon einen Ausblick auf die baldige Ankunft eines Plug-in-Hybrid-Allradlers, der mit seinen zwei Elektromotoren bei Bedarf auch ohne Abgasschwaden über Gebirgswaldwege kraxelt.

“Plug-in is the new pink” würde es wohl in der Modebranche heißen. Die Autos mit Verbrennungs- und Elektromotor sowie einem Anschluss zum Aufladen an der ganz gewöhnlichen Steckdose in der heimischen Garage: Sie scheinen für die Hersteller der Königsweg zu sein, um mit möglichst wenig Emissionen möglichst weit zu kommen. Und manchmal auch längere Strecken vollelektrisch unterwegs zu sein. Das kann der normale Hybridmotor nämlich nicht.

Das ist aber immer öfter notwendig, wie Franz Nietfeld erklärt. Der Mercedes-Experte für elektrische Antriebe sagt: „Städte wie London oder Stockholm werden schon bald nur noch Privatwagen in die Cities lassen, die dort vollkommen abgasfrei unterwegs sind.” Und das bedeutet bei der Ausdehnung der englischen Metropole: Eine zweistellige Kilometerzahl vollelektrisch muss drin sein – sonst bleibt der Wagen draußen. Das aber schaffen außer reinen Stromern eben nur Plug-in-Hybride.

Auch Daimler-Chef Dieter Zetsche hat darum für die neue E-Klasse bereits eine Plug-in-Variante angekündigt. Und auch S-Klasse, C-Klasse und GLE sind mit der Kombination und zusätzlichem Stecker am Start. Nächstes Jahr sollen es schon zehn Plug-in-Hybride in der Palette sein. Porsche, BMW und Audi stehen dieser Invasion kaum nach. Allein VW-Konzernchef Matthias Müller hat für die kommenden fünf Jahre gleich 20 neue Plug-in-Modelle oder reinelektrische Fahrzeuge angekündigt.

Dass gerade die Premium-Hersteller so eifrig auf Plug-in setzen, ist allerdings keine wirklich freiwillige Maßnahme. Denn zum einen steckt die ebenfalls verbrauchsarme und reichweitenstarke Alternative Diesel gegenwärtig in der Vertrauenskrise. Zudem haben es die Dieselfreunde aber auch in den vergangenen zwanzig Jahren nicht geschafft, etwa US-Amerikaner oder Chinesen in Massen zu Fans der Selbstzünder zu machen.

Und zum dritten steigt den Autobauern schlicht der Staat auf die Füße – und das geradezu diktatorisch. Die angekündigten Beschränkungen mancher europäischen Stadtoberhäupter sind geradezu ein Kuschelkurs gegen die chinesischen Umweltschützer. Dort gibt es die Vorgabe des Gesetzgebers, innerstädtisch 50 Kilometer komplett emissionsfrei fahren zu können, um als sogenanntes „new energy vehicle“ Vorteile bei Steuern, Zulassung und Alltagsbetrieb zu erlangen. Wessen Auto das nicht erreicht, der wird künftig gerade in Megacities wie Shanghai oder Peking gar nicht mehr die Zulassung erhalten.

Kein Wunder also, dass etwa Audi die Plug-in-Version seines Q7 zuerst in China eingeführt hat. Im Land der Mitte ist zudemein Gesetz fast fertig, das schon in vier Jahren nur noch eine gewisse Höchstgrenze an Emissionen erlaubt – und zwar pro Auto, nicht nur für eine Flotte des Herstellers. Der kleine Smart kann dann nicht mehr die Gesamtemissionen einer Mercedes S-Klasse herunterrechnen.

Solche drakonischen Regelungen gelten für alle Anbieter – also müssen jetzt in allen Klassen auch Plug-in-Hybride her. Wichtiger Nebeneffekt: In je mehr Fahrzeugen die aufwendigen Doppelherz-Motoren angeboten werden, desto höher die potenzielle Stückzahl. Und das bedeutet wiederum: Der Plug-In-Hybrid wird erschwinglicher. Und das muss er auch.

Denn gegenwärtig ist das größte Hindernis an weiterer Verbreitung des Stecker-Hybriden der Mensch hinterm Steuer. Dem ist der Aufpreis für den Plug-in meist zu hoch. Ein Golf GTE etwa wird bei mindestens 36.900 Euro Kaufpreis sicher noch lange ein Nischenprodukt bleiben. Selbst im umweltbewussten Deutschland erreichen alle Plug-in-Hybride darum nicht einmal ein halbes Prozent Marktanteil. Auch in China oder den USA ist das nicht anders.

Da verblasst auch der Jubel von Bill Ford auf der Detroiter Messe, der seinen Fusion gerade wegen des Plug-in-Hybriden „weit vor der Konkurrenz” des dortigen Erzrivalen Toyota sieht, der in dieser Klasse einen solchen Motor nicht hat. Vielleicht ja, weil den eh kaum jemand kaufen würde?