Erste Fahrt im Mercedes-Benz F015

Erste Fahrt im Mercedes-Benz F015

Wenn mir eine Firma eine automobile Zukunftsvision vorstellen will, dann werde ich immer skeptisch. Die Zukunft? Über welchen Zeitraum sprechen wir da? Über 5 Jahre? 10  oder gleich 100 Jahre? Gibt es wieder Konzepte mit Flügeln, mit Atom-Fusions-Reaktoren oder gleich ein Elektrofahrzeug mit einer Antriebstechnik aus einem Märchenbuch der Gebrüder Grimm? Nein – in diesem Fall wird es gleich noch eine ganze Nummer komplexer.

Immerhin besteht die Firma seit bald 90 Jahren und kann in diesem Zeitraum ganz konkrete Erfolge über die eigene Innovationskraft vorweisen. Warum also nicht einfach mal zuhören? Sich diese Sache anschauen? Und mitfahren?

Hier hat 08/15 keine Zukunft

Mercedes-Benz F015 – Eine Diskussion über die Zukunft auf Rädern.

Zugegeben, der F015 ist kein klassisches Konzeptfahrzeug. Der F015 ist eher eine Frage, eine gänzlich offene Frage zum Thema „Mobilität der Zukunft“. Anders als man es bei anderen Automobil-Herstellern erlebt, will der F015 die Antwort nicht gleich selbst geben. Er überrollt einen nicht mit einer festgefahrenen Ansicht – er will sich der Diskussion stellen, zum Nachdenken anregen. Gemeinsamkeiten finden.

Ich persönlich kann ja am besten beim Autofahren nachdenken. Da passt es gut, dass der F015 auf einem Ex-Flugfeld in der Nähe von San Francisco zu einer ersten Ausfahrt Denkfahrt bereit stand.

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Was macht das Design des F015 aus?

Blasphemie bereits zu Beginn. Aber als ausgewiesener Nicht-Lifestyler und Technik-Fetischist erkenne ich im Design des F015 gar nichts. Null. Keinen Mercedes, keinen Benz. Eine stromlinienförmige Hülle, die am ehesten an einen automobilen Zeppelin erinnert. Aber verflucht – wenn die Zukunft die CO2-Emissionen über das Design erhebt, dann wird es nur eine Form geben. Die eines Blech-Ei. Sei es also darum. Die Nase mit dem illuminierten Stern im Kühlergrill bildet das kommunikative Front-End. Die Seitenscheiben des F015 sind verspiegelt wie der Rest des Fahrzeuges. Er bildet für die Insassen einen Kokon. Und er packt sie ein in eine virtuelle Welt. Ein realer Raum mit virtuellen Grenzen. Das Ganze wird über eine vollständige Auskleidung von Bildschirmflächen geschafft.

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Im Inneren – der Raum, ein Alptraum?

Wir schauen ständig auf Displays. Auf Handys, auf Tablets, auf TV-Geräten, auf Bildschirmen bei der Arbeit und selbst im Auto werden die Displays immer größer. Der F015 treibt die Idee auf die Spitze und stellt uns vor die Frage: Wie viel virtueller Raum darf es denn sein?

Mit den Möglichkeiten von heute kann man die Chancen der Zukunft nur teilweise abbilden. Auf die virtuelle Reise gehen? Im Prinzip ja. Sich das Elend des Berufsverkehrs ausblenden lassen? Machbar. Ist es richtig? Wird es gewünscht? Der Mercedes-Benz F015 lädt zur Diskussion darüber, wie viel Virtualität sinnvoll erscheint. Und er gibt uns eine Idee davon, wie wir in der Zukunft unsere Rückzugsmöglichkeiten gestalten können. Schon heute ist das Auto für viele Menschen der einzig private Raum.

Dass man per Gestensteuerung die Videostreams der Freunde auf die XXL-Monitore der Türen streamen kann – geschenkt.  Viel spannender wird die Frage sein, wie die Menschen auf die Idee reagieren, nicht einfach nur das Lenkrad los zulassen, sondern auch den Stuhl gegen die Fahrtrichtung zu drehen. Denn erst in dieser 2 versus 2 Sitzanordung wird das Loungegefühl des F015 spürbar. Erst so wird aus der silbernen Blechhülle eine völlig neue Idee zur Mobilität.

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Wie fährt es sich, wenn man nicht selbst fährt?

Bereits bei der Premiere des Forschungsfahrzeugs auf der CES 2015 im Frühjahr war meine erste Frage: Wie fährt es sich wohl, wenn man den Rücken in Fahrtrichtung dreht? Jetzt auf dem Flugfeld in Alameda bei San Francisco ist es soweit. Es ist ein erfreulich warmer Frühlingstag und die Sonne brennt vom kalifornischen Himmel herab. Der F105 steht unter einem Sonnendeck, dem simulierten Parkplatz und wird per Smartphone-App zur Abfahrt gerufen. Nicht ganz so cool wie damals der Hasselhoff und sein K.I.T.T., aber ausreichend abgefahren. Summend setzt sich der silberne F015 in Bewegung, per App wurde ihm der Standort übermittelt. Wie gesagt, eigentlich steht er nebenan unter einem Sonnendeck und wir auf einer Terrasse. Für die Zukunftsvision ist das aber zu nah an der Funktion des „autonomen Einparkens“, also fährt der F015 in Sichtweite eine Ehrenrunde.

Punktgenau seine Landung. Die Türen gehen auf, die vier Sitzplätze im Innenraum stehen bereit. Per App hat man dem Forschungsmobil gesagt, wer, wo und vor allem wie sitzen will. Ich nehme zum ersten Mal im Leben auf einem Beifahrersitz meinen Platz ein und schaue nicht durch die Frontscheibe, sondern in die Gesichter der Kollegen. Wie in einer hyperspace-Lounge hocken wir nun auf Captain-Future-Stühlen und schauen fasziniert den großen Portal-Türen zu. Sie öffnen und schließen sich elektrisch. Auf Knopfdruck natürlich.

Unser Pilot drückt den Knopf zur Abfahrt. Nein, eigentlich ist es kein Knopf. Es ist ein virtueller Touchpoint auf seiner Seite der zur Monitorwand umgeformten Türverkleidung. Ein leichtes Rucken, Surren, Summen. Der F015 setzt sich in Bewegung. Sofort fühlt man sich an einen ICE erinnert, der den Bahnhof verlässt.

Hier auf dem ehemaligen Flughafengelände ist die Umgewöhnung gar keine. Man fährt einfach „mit“. Man fährt nicht selbst, man nutzt die digitalen Schnittstellen und sagt dem Auto, wo man hin will. Wo man später wieder abgeholt werden will. Das ist so simpel. Binnen Sekunden vergisst man die zuvor so sensibel gepflegten Ängste.

Doch die autonome Fahrt ist nur der Beginn völlig neuer Fragestellungen. Wie kommuniziert ein Auto mit Menschen? Wie erklärt es Fußgängern oder Radfahrern, was es vorhat? Der F015 tut dies mit Laserprojektion und virtuellen Zebrastreifen – und natürlich mit einem Leuchtband im Heck. Zukunft, du kannst kommen.

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Welche Antriebstechnik schlägt uns Mercedes-Benz für die Zukunft vor?

Der F015 wurde vorgestellt als „Plug-in“ Wasserstoff-Fahrzeug. Also mit Akku für die Steckdosen-Ladung, aber auch mit Brennstoffzelle für die Langstrecke. Mercedes schwärmt von der Antriebstechnik des SLS Elekctric Drive, zwei E-Motoren mit ordentlich Power (so 250 bis 280 PS dürfen es sein), eine Batterie mit knapp 30 kW/h Kapazität. In unter 7 Sekunden auf Tempo 100 und locker bis zu 180 km/h schnell. Traumwerte. Fabeldaten.

Das Forschungsfahrzeug wird indes von der Technik des smart ED bewegt. Was auf dem Flugfeld von Alameda auch ausreicht – aber bis es soweit ist, ist die Frage nach der Antriebstechnik vermutlich drei Mal über den Haufen geworfen und neu gedacht worden. Wir stehen erst am Anfang der Elektro-Revolution und ganz egal, ob Brennstoffzelle, Akkus oder künstliches Benzin, der F015 wird einen Antrieb bekommen.

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Der F015 – denken Sie noch einmal nach!

Dieses Forschungsfahrzeug muss man ernst nehmen, ohne es selbst zu ernst zu nehmen. Es ist eine Einladung zum Nachdenken. Es soll uns dazu animieren, über die Mobilität der Zukunft nachzudenken. Es ist auch ein Gegenentwurf zum „Google-Mobil„, nur viel fantastischer.

Dass der F015 in der Zukunft nicht nur selbst – also autonom fahren wird – sondern auch selbst die Kommunikation mit der Umwelt gestalten wird, das ist vermutlich die noch größere Science-Fiction als das „autonome Fahren“ an sich.  Das Forschungsfahrzeug F015 ist auf jeden Fall eine Diskussion wert …

 

 

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3 Kommentare

  1. 5 Thesen zum „Automobilmarkt der Zukunft“ › Mein Auto Blog
    8. Oktober 2015 zu 19:56

    […] im virtuellen Raum verknüpfen. Sie werden Arbeitsplätze und „second home“ werden. Im F015 hat Mercedes-Benz eine sehr prägnante Vision vom „Automobil der Zukunft“ präsentiert. Allerdings sollte man in dieser „Vorhersage“, bei dieser These, auch mal […]

  2. #MBQualityTime – wie Mercedes Familienzeit interpretiert | FREDERICKEN
    13. Juli 2015 zu 20:52

    […] des autonomen Fahrens strahlen. Um dies zu belegen, hatte man ja auch jüngst Journalisten wie auch Blogger und Youtuber nach Los Angeles eingeladen, damit sie sich von den Eigenschaften des F015 auf einem […]

  3. Am 8. April 2015 gefunden … | wABss
    9. April 2015 zu 02:59

    […] Erste Fahrt im Mercedes-Benz F015, gefunden bei mein-auto-blog.de (0.2 Buzz-Faktor) […]