Ferrari FF Fahrbericht

Italien im Juni, es ist heiß – das Thermometer lässt die 30° Marke hinter sich, die Sonne brutzelt die Bitumenschichten weich. Auf einem Plastik-Campingstuhl im Schatten vor einer kleinen Osteria sitzend, lasse ich die Eindrücke der letzten halben Stunde auf mich wirken. Ein Espresso und ein Glas mit kühlem Aqua naturale helfen dabei, meinen Puls wieder zu beruhigen.

30 Minuten die meine Einschätzungen über italienische Sportwagen mächtig auf den Kopf gestellt haben. Doch ich bin nicht alleine unterwegs und wir haben beschlossen, die Erfahrung „FF“ soll jeder für sich machen dürfen.

Ferrari FF Italien Roadtrip

Es ist Tag 2 des #iThunder Roadtrips und dieser Tag steht vollkommen im Zeichen des Cavallino Rampante.

Ferrari  FF  – Momentaufnahmen

Ob wir zu Besuch kommen könnten? Si. Ob wir die Ferrari Fabrik besichtigen könnten? Si. Ob wir auch ein wenig Ferrari fahren dürften? Si, si.  Ein Kindheits-Traum geht in Erfüllung. Ferrari, die rote Göttin aus Italien.

Vor dem Werk steht ein Ferrari FF für uns bereit. Ein roter Sportwagen-Traum mit 660 PS aus einem vorne längs montierten, 6.2 Liter großen V12. Der FF ist vermutlich der untypischste Ferrari aller Zeiten und zugleich ein grandioses Sinnbild für die Entwicklung, die der Marke Ferrari in den letzten 20 Jahren zuteil geworden ist.

Ferrari V12 FF Blog Fahrbericht#

Ein Ferrari für vier? Ein Ferrari mit Allradantrieb? Ein Ferrari der easy zwei Golfbags auf Tempo 335 km/h beschleunigt!

Ferrari fahren, in Italien – Glücksmomente für die Ewigkeit

In Italien ist „bella macchina“ der Begriff für schöne Autos und an jeder Straßenecke winkt ein Lächeln. Neid? CO²-Debatte? Der Italiener an sich diskutiert bei „bella macchina“ nicht über diese Themen, er erfreut sich am Design, am Klangbild, am sein.

Diese Freude geht im gleichen Augenblick auf den Fahrer über. Erleben was Auto fahren bedeutet, Glückshormone in der Großabnehmer-Packung einkassieren. Sobald der Finger den Knopf mit der Aufschrift „Engine Start“ gedrückt hat, öffnen sich die Schleusen der Glückseligkeit. Schnöde Physik geht in Kunst über.  Während sich der 660 PS Motor warm läuft, läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter. Das muss der Himmel für Automobil-Liebhaber sein – willkommen am Ziel.

Der Ferrari FF vereint alle für die Bedienung notwendigen Knöpfchen, sauber sortiert, auf seinem Lenkrad. Allen voran das Manettino, dieser kleine Drehhebel der auf Wunsch den Berserker im Sportwagenkleid loslässt. Als ich vom Ferrari-Hof rolle, ist meine Ehrfurcht noch so groß, dass ich gar nicht daran denke, etwas anderes als den „Comfort“ Modus und seine gezügelten Regelmechanismen für Motor, Getriebe und ESP einzuschalten.

Ferrari FF Innenraum

Spielerisch leicht lässt sich der 660 PS Sportwagen auf die Hauptstraße einfädeln. Star-Allüren sind ihm fremd.

Das Doppelkupplungsgetriebe schaltet im „Comfort-Modus“ mit der Nachsicht einer feinen Reise-Limousine. Der V12 dreht kaum mehr als 2.000 Touren und binnen eines Wimpernschlages liegt die Stadtgrenze hinter uns. Den Moment genießen, ich versuche mich immer wieder zu konzentrieren – ich will den Moment genießen doch in mir tobt ein Kampf. Je langsamer ich fahre, desto länger sitze ich auf diesen wundervollen Sportsitzen, lasse mich beeindrucken vom weichen Leder im Innenraum und träume vom Alltag in einem V12-Ferrari. Meine Benzin-Seele jedoch schreit um Vollgas, lass doch endlich die Symphonie der 12-Zylinder beginnen, höre auf zu träumen und inhaliere die volle Packung der automobilen Wollust. Jetzt und bis 8.000 Touren.

Zaghaft – der verantwortungsbewusste Teil in mir warnt vor der Unvernunft – lasse ich den Spieltrieb zu. Dritter Gang bis 5.000, ein zaghafter Zug am rechten, in kühlem Alu gefertigten, Schaltpeddal – der V12 mit dem Hubraum von 6 Fiat 500 springt durch die Drehzahlleiter und wirft den knapp 1.900 kg schweren Zweitürer erneut mit Wucht nach vorne. Vierter Gang 6.500 Umdrehungen.  Es bedarf keiner weiteren Beschreibung. Mit dem FF ist man immer und überall zu schnell unterwegs.

Ferrari FF Kurvenfahrt

Zu meinem Glück bin ich unterwegs im Heimatland der „bella macchina“ und so empfangen mich beim einfliegen in die kleinen Dörfer keine grimmigen Gesichter Tempo verdrossener Spießbürger, sondern ein von Faszination geprägtes Lächeln – mit diesem schauen einem die Menschen hinterher. Sie gönnen dem Fahrer seine elegant in Aluminium gehüllte Automobile-Schönheit.

Italien du bist zu beneiden um diese Kultur.

Meine Roadtrip-Kollegen folgen mir im Bentley GTC, in ihren Augen kann ich die Sehnsucht ablesen, die Sehnsucht diesen Zwölfzylinder-Sportwagen selbst zu fahren. Ich entscheide mich für eine akustische Dusche. Das Manettino auf Sport, am linken Paddel einen Gang hinunter geschaltet, Vollgas. Im zweiten Gang sieht sich mein Mittelohr ganz neuen Herausforderungen gegenüber. Wenn 660 PS auf welligen Asphalt treffen, sollte dann nicht wenigstens das Gefühl von vollständigem und nicht zu bändigendem Leistungsüberfluss einsetzen?

Nicht im FF. Beeindruckender als die einem Berserker gleiche Beschleunigung in 11 Sekunden auf Tempo 200 ist die Traktion des Grand Coupé.

Allradantrieb in einem Ferrari. Und dazu mit einem Transaxle-Getriebe? Ferrari ging bei der Entwicklung des FF besondere Wege. Damit von dem, an der Hinterachse montierten Getriebe keine zweite Kardanwelle wieder nach vorne gehen muss und der idealen Platzierung des Schwerpunkts, eines  tief und hinter der Vorderachse versenkten V12 Motors nichts entgegen steht (53% des Gewichtes liegen auf der Hinterachse) – hat der Ferrari FF ein zweites Getriebe an der Stirnseite des V12 Motors. Stirnrunzeln bei mir.

Diese von Ferrari entwickelte und patentierte Lösung umfasst ein Getriebe mit zwei Gängen, das bei Bedarf und gesteuert durch eine aufwendige F1 Regel-Elektronik, den einzelnen Vorderrädern genau so viel Kraft zuleitet wie benötigt. Das Ergebnis ist ein Allrad-Ferrari der auch aus engen Kehren heraus mit einer Traktion besticht, die man für unreal hält. Zugleich fährt sich der FF nicht wie ein Allradler. Die mit Pirelli P Zero bereifte Vorderachse greift sich jedes Asphalt-Atom einzeln, das Wort „untersteuern“ kommt in der italienischen Übersetzung nicht vor. Die mit 295er Pirelli bereifte Hinterachse pflügt eher knapp 30 Zentimeter breite Furchen in den Asphalt anstatt auch nur einmal unkontrolliert auszukeilen.

Ferrari FF Seitenlinie

Nie zuvor waren 660 PS so kontrolliert zu verwalten. Power ohne Ende. Traktion im Überfluss und dabei bleibt der Viersitzer spielerisch kontrollierbar. Das Ganze schien den Ferrari-Technikern so unspektakulär, dass Ferrari für die zweite Reihe sogar ein „Rear-Seat-Entertainment“ anbietet. Monitore für ein digitales Unterhaltungsprogramm? Der FF ist so völlig anders als ich das erwartet hatte.

Während ich beim Espresso dem Motorensound der davon stürmenden Kollegen lausche, die ihrerseits alleine, die Erfahrung „FF“ machen dürfen, lasse ich mir die Worte von Matteo Torre (Pressesprecher Ferrari Italia) noch einmal durch den Kopf gehen:

Der FF bietet im Kofferraum genug Platz für einen Kinderwagen. Oder für zwei vollständige Taucherausrüstungen.

Ferrari FF Kofferraum

Ich muss schmunzeln. Wie die Bedienung der Osteria als der nächste Kollege viel zu schnell über die Landstraße in die Ortschaft hinein geflogen kommt.

Ach Italien, du hast es gut!

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Die wichtigsten technischen Daten des V12-Frontmotor-Ferrari hier im Überblick:

Technische DatenFerrari FF
Motor65° V-Motor 12 Zylinder (front)
Hubraum6262 ccm
Bohrung/Hub94 mm x 75.2 mm
Leistung max.660 PS bei 8000 U/min
Drehmoment max.683 Nm bei 6000 U/min
Spezifische Leistung105 PS/L
Drehzahl max.8000 U/min
Gewicht1880 Kg
Gewichtsverteilung47% vorne, 53% hinten
Fassungsvermögen Kofferraum450 Liter
Räder und Bereifung
Vorne245/35 ZR 20 8,5 J x 20″
Hinten295/35 ZR 20 10,5 J x 20″
Antrieb und GetriebeFerrari Allradantrieb 4RM
7-Gang F1-Doppelkupplungsgetriebe
Fahrleistungen:
0-100 km/h3,7 Sekunden
0-200 km/h11 Sekunden
100-0 km/h35 Meter
Höchstgeschwindigkeit335 km/h
Verbrauch (Werksangabe)15.4 L/100 km
CO2 Emissionen360 g/km
Kaufpreis258.000 Euro

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