FORurteil – Der neue SMART

FORurteil – Der neue SMART

FORfreude.

Viel Tamtam im überhitzen Tempodrom in Berlin. Draußen knallt die Sonne nieder. Beach-Vollyeballer hämmern sich vor der Halle, in einem eigens angekarrten Sandkasten, die Bälle zu. Der Schweiß fliest.

smart hat nach Berlin geladen. Den neuen smart wollen sie präsentieren. Im hippen Berlin. Im trendigen Berlin. Auf dem Programm steht die Präsentation des FORtschrittlichsten Stadtmobils, des FORzeige Kleinwagens, des FORreiters für neue clevere Ideen im Rahmen der urbanen Mobilität. Die FORteile des smart-Konzepts prasseln in der Form von einzelnen Themen-Workshops, innerhalb der aufwendig vorbereiteten Ausstellungshalle, auf die Besucher ein. Der neue fortwo und der Viersitzer forfour warten derweil hinter der Bühne auf ihre Premiere.

smart fortwo n och verhüllt

Journalisten sind viel gewöhnt. Doch in diesem Fall kämpft man mit den viel zu vielen denglisch-Vokabeln, es gibt Club-Mate und Himbeer-Brause, Hot-Dogs, Eis-Creme und diese Beach-Vollyeballerinnen. Für Testosteron geladene Motor-Journalisten könnte das zuviel Sex-Appeal und zu wenig Auto werden.

for a new urban joy

smart hat vorgesorgt. Es gibt Touren zu den Prinzessinen-Gärten, einem Öko-Fleckchen mit der Atmosphäre eines Selbstversorger-Bauernhofes und einer 68’er Kommune und das mitten in Berlin. Hier zwischen alternativer Landwirtschaft, Urban-Gardening und noch mehr Club-Mate wandert der klassische Motor-Journalist hilflos umher. Thymian, Zwiebeln, Schnittlauch, Kresse und Pfefferminze werden in ausgemusterten Kunststoffkörben angebaut.  Alternativer, urbaner-Lifestyle mit Trendwirkung für die Zukunft soll es sein. Ich finde mich eher bei den hilflos mit den Achseln zuckenden Motor-Journalisten wieder.

smart – das ist für mich ein Auto. Zugegeben, ein kleines. Aber auch ein ewig unterschätztes Mobil. Trendig und in der Tat, FORtschrittlich für wohl. Fuhr ich doch selbst mal einen smart. Ich habe ihnen geliebt, nicht weil er wirklich für die Stadt die cleverste Lösung war, sondern weil er anders war. Nie zuvor war ein Auto so, auf einen Einsatzzweck, fokussiert konstruiert. Das war einfach gut. Nein – diese bescheuerte Automatik, ein manuelles Getriebe das per Aktuatoren automatisiert wurde, mochte ich auch nie. Auch die Federung, das war immer ein Krampf, ein Kampf. Gullydeckel sollte man besser meiden. Das lernten neue smart-Fahrer recht schnell. Dennoch, wer einen smart fährt, der liebt ihn. Die Fan-Gemeinde ist riesengroß.  Aber anscheinend war sie dennoch nie groß genug um die Produktion des Kleinwagens profitabel genug werden zu lassen. Drum musste – damit der smart überhaupt einen Nachfolger bekam – ein Partner mit ins Boot geholt werden. Irgendjemand mit dem Bedarf an einem Kleinwagen.

smart heckleuchte seite

FORtbildung smart fortwo / forfour

Ausgerechnet Renault wurde als Partner auserwählt. Das Ergebnis der deutsch-französischen Zusammenarbeit wurde als Twingo bereits in Genf präsentiert. Der smart nun erst in Berlin. Während die Franzosen nur die „lange“ Version anbieten, den Viertürer, wird smart beide Versionen verkaufen. Den neuen FORstadt-smart und den smart für Menschen mit dem Wunsch, im Alltag zu 90% wieder drei leere Sitzplätze durch die Gegend zu kutschen.

FORzeige Lösung

Heckmotor und Heckantrieb, die Basis-DNA des smart blieb erhalten. Sowohl der fortwo als auch der forfour werden so gefertigt. Damit gehört der neue forfour smart zu den echten Exoten auf der Straße. Ungeahnte Dynamik im Segment der Kleinwagen, überzeugende Wendigkeit und ein Antriebsstrang der so nicht ein drittes Mal gebaut wird.

Er ist weiterhin extrem kurz, 2.69 Meter müssen reichen. Dafür wuchs er in die Breite, mit 1.66 Metern ist er nun breit genug, damit man ihn als forfour um 80 Zentimeter in die Länge ziehen konnte, ohne dass er optisch zu einem mageren Schlauch verkümmert. Das Breitenwachstum tut dem neuen fortwo richtig gut. Von hinten wirkt er bullig. Steht ordentlich auf der Straße.  Von vorne tue ich mir schwer. Von vorne tuen sich viele schwer. Das ehemalige One-Box-Design wurde zu einem One-Box mit Bierbauch-Design. Und das obwohl die Länge völlig identisch blieb. Auch der Vorgänger war 2.69 Meter lang.  Der Fußgängerschutz und die dazugehörenden Vorschriften im Bereich der Crash-Sicherheit haben zu diesem Design-Wandel geführt. Ob die echten smart-Fans diese neue „Nase“ mögen? Man wird es die Tagein Cascais erleben. Dort treffen sich in diesem Jahr die Hardcore-Fans der Marke.

der neue smart fortwo

FORtrieb

Die smart-Ingenieure, zum großen Teil echte Daimler-Jungs, reden nicht allzu offensiv über den Ursprung der „neuen Motoren“. Denn diese stammen aus dem Regal des neuen Partners. Sie sind zwischen 60 und 90 PS stark, haben knapp einen Liter Hubraum ohne Turboaufladung, oder knappe 900 ccm³ in der 90 PS-Version mit Turboaufladung.

Das automatisierte Schaltgetriebe wurde dorthin geschickt, wo es niemand vermissen wird. In Rente. Stattdessen bietet smart (und auch Renault) nun ein manuelles 5-Gang Getriebe an, oder ein 6-Gang Doppelkupplungsgetriebe. Während man „beim Daimler“ üblicherweise bei der Fertigung des Getriebe nur sich selbst traut, wird das Doppelkupplungsgetrieb von smart und twingo nun von GETRAG gefertigt. Die manuelle 5-Gang Box kommt vom französischen Partner.

Dennoch: Der smart bleibt bei seinem Antriebskonzept. Das ist eine erfreuliche Nachricht, eine wichtige Nachricht. Die konsequente Auslegung als Heckmotor-Version verschafft ihm immerhin die Möglichkeit eine Vorderachse mit extremen Lenkwinkel zu verwenden und so wird der smart zum wendigsten Stadtauto, „forever“. Mit 6.95 Wendekreis (Bordstein zu Bordstein) dreht man fast auf der Stelle. Zumindest bleibt der Wendekreis mehr als übersichtlich.

smart neue nase

FORne sitzen

Der Innenraum wirkt auf den ersten Blick extrem gut gelungen. Die Netz-Optik über den Kunststoff-Bauteilen, die schwebende Konsole, der smartige Tacho. Ernsthaft. Auf den ersten Blick so richtig gut. Auf den zweiten Blick wundert man sich über einige Schalter die so gar nicht mehr smart sind, fragt sich ob die späteren Modelle eine besseres Kunststoff-Finish unterhalb der Schattenkanten erhalten und ob man wirklich dieses Multimedia-System von Renault übernehmen musste. smart fährt bei Multimedia und der Integration des smart-phones zweigleisig. Das „große“ System mit Touchscreen und TomTom-Navigation ist die „bessere“ Variante. Sagt man. Aber weder Mirror-Link noch Carplay fähig. Eine Schande. Zumal Mercedes zur Carplay Alliance rund um Apple gehört. Stattdessen bietet man für den smart eine eigene App-Lösung an. In Verbindung mit dem „kleinen“ Multimedia-System bekommt man dann eine universal-Cradle zur Handy-Befestigung, koppelt via Bluetooth und lädt über ein herumfliegendes USB-Ladekabel. Eigentlich könnte ich mit dieser Lösung gut leben. Das smart-phone ist schon lange mein first-screen und eine Multimedia-Einheit im Auto völlig überbewertet.  Aber die Universal-Cradle und die nicht gelöste Ladekabel-Problematik sind frustrierend und überhaupt nicht smart.  Die smart-App wirkt indes cool, hipp und durchdacht. Echt schade dass es an anderen Problemen scheitert. Es ist der Kostendruck den man in diesem Segment aushalten muss. Dieses Auto muss günstig angeboten werden, die 10.000 € Schallmauer für das Basis-Modell darf nicht allzu weit entfernt sein und dennoch muss der neue smart nun auch Gewinne einfahren. Die bisherigen Stückzahlen sollen das nicht erreicht haben.

smart fortwo front

FORsicht

Doch auch nach der Präsentation und den ersten Gehversuchen mit dem Multimediasystem im Trockendock, endetet die Enttäuschung nicht.  H4-Scheinwerfer müssen in der Zukunft reichen. Mehr Licht gibt es nicht. Für einen Renault Twingo wäre das akzeptabel, für einen smart nicht. smart ist das Licht, dessen Premiere 1966 stattfand nicht. LED-Technik, Projektsscheinwerfer und Xenon sind die Lichttechniken für einen smarten Kleinwagen des Jahres 2014.  Die Argumente klingen „einleuchtend“ – ein Stadtwagen kommt mit H4 aus, mag sein. Aber bereits der Vorgänger besaß zwei H7-Scheinwerfer und leuchtete mit getrennten Leuchtmitteln für Abblendlicht und Fernlicht. Ein klarer Rückschritt, ganz klar auch ein Kompromiss dem Partner Renault gegenüber. Dort dürfte der Erfolgsdruck des neuen Twingo nicht kleiner sein. Und in Zeiten von Tagfahrlicht-Fackeln zählen die Show-Effekte mehr, als die technischen Daten. Schade.

smart fortwo von hinten breite

FORurteil

Am Ende war es wohl eher die Hitze, die wirklich beeindruckend war.  Der neue smart an sich, scheint in den Disziplinen Fahrverhalten und Komfort massiv gewonnen zu haben. Doch der Preis der Kooperation hat dem einstigen FORzeige-Projekt den Charakter – nun, nicht geraubt – aber der neue smart ist eher Diplomat, denn deutlicher Botschafter. Er vermittelt zwischen Kostendruck und Raumangebot, zwischen Lifestyle und Technologie-Transfer, er muss Gewinne abwerfen und hat sich dafür von einigen seiner schrulligen, aber liebenswerten Eigenheiten verabschiedet.

Er ist umgezogen, aus einer Technologie verliebten Heimat im Schoss der Konzermutter-Daimler, hinüber in das trendige und hippe Berlin. Hier zählt trotz alternativer Ansätze und urban-gardening der Style mehr, als der Charakter.  Immerhin wird er weiterhin in Hambach gebaut. Der fortwo bleibt seiner Geburtsstätte treu, der forfour, immer schon ein Kind der Kooperationen, wird im Renault-Werk in Slowenien vom Band laufen.

 

 

Voll vermessen!

 

 

Anmerkung: Okay, wer es bis jetzt nicht verstanden hat, der braucht die FORtbildung. FOR steht für die Marke, für Menschen die nicht immer gegen etwas sind, sondern für etwas. Für das Auto. Für den smart. Für den Viersitzer, für den Zweisitzer. fortwo, forfour. Eigentlich einfach. „FORstanden“?

Um das noch einmal klar zu sagen: Ich mag den smart, aber ich zweifle ob einiger Grundsatz-Entscheidungen (Licht, Multimedia, Renault-Motoren) am Charakter des neuen smart. Ja, ich konnte bereits im neuen smart mitfahren, aber nein, ich bin mir noch nicht sicher ob auch der neue smart, mir dieses „smarte Gefühl“ zurück bringen wird. Abwarten also. Abwarten bis man den neuen smart zum ersten Mal selbst fahren kann. Dann geht es hier weiter – bis dahin sollte das „smart-spezial“ ausreichen ;)

 

 

Mal kein Auto-Blogger: Sandra Schink über ihre Eindrücke von der smart-Präsentation

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3 Kommentare

  1. Sandra
    25. Juli 2014 zu 18:13 Antworten

    FORzügliches Review ;)