Leistung und Glück – McLaren 650S

Leistung und Glück – McLaren 650S

Es ist absurd. Schlichtweg absurd. Autobahn A9, kurz vor Ingolstadt.Drei Spuren, der digitale Tacho zeigt drei Stellen. Die erste eine 3. Es ist ein normaler Arbeitstag. Und der Beweis, die Aussage, man könne auf deutschen Autobahnen nicht mehr schnell fahren, ist falsch. Richtig ist: Man braucht nur genug Leistung.

Im Falle des neuen McLaren 650s sind es 650 PS. Und die reichen für ein absurdes Szenario. 200 -300 km/h ist der Tempobereich, in dem man sich aufhält in dem englischen Sportwagen. Und dem McLaren ist es egal. Er schüttelt diese Leistungswerte einfach aus dem Heck. Diva gleiches Verhalten? Nicht im Briten. Nie war ein Supersportwagen so „down to earth“.

McLaren 650s im Fahrbericht

Glück ist nicht messbar.

Man sagt gerne, man könne Glück nicht messen. Es gäbe keine Maßeinheit dafür. 150 km nach dem Start in München fällt mir eine Einheit ein: MCL. Das könnte für messbaren Spaß je Kilometer stehen.

Der McLaren steht mit einem Startpreis von gelinde über 250.000 € deutlich über dem für einen Durchschnitts-Porsche. Der Geldbeutel ist in diesen Gefilden einfach gesund. Es muss schon ein 911 Turbo S mit „einmal allem“ und einer Werksleistungs-Steigerung sein. Auf der Bahn hat aber auch dieser dann keine Chancen. Denn der Brite steht nicht umsonst in der natürlichen Ordnung von Fressen und Gefressen werden über dem Stuttgarter.

Schneller als ein 650s? Da wird die Luft eng. Ein P1, auch von McLaren, oder ein LaFerrari oder ein 918er eventuell. Aber das sind Supersportler, die üblicherweise als Staubfänger in klimatisierten Tiefgaragen enden. Das Sportmodell aus der Woking-Manufaktur ist anders.

Es beamt dir die Hirnzellen durch das Zeit-Raumkontinuum, dass dir die Ellipsen durchbrennen. Oder er trägt dich, kommod, Tempomat 130, durch die Welt. Der Spagat des 650s in der realen Welt ist zu groß für das simpel konstituierte Autotesterhirn.

Test Fahrbericht050 mclaren 650s

Foto-Box

Kurz hinter Nürnberg erledigt der Stop & Go Verkehr den entspannten Ausflug. Hart aus 260 km/h in ein Stau-Ende hineingebremst. Im Rückspiegel stellt sich der Heckspoiler als Airbrake auf. Von der Bremse gehen, ist der zweite Impuls. Der nachfolgende Verkehr soll die Chance bekommen, auch noch rechtzeitig zu bremsen. Und nicht über den orangen Keil bügeln.

Die Hitze trägt sich in flimmernden Wellen aus dem Heck. Eben noch 3.8 Liter von zwei Ladern mächtig eingeblasen bekommen, muss sich der Brite jetzt fragen, wohin mit den 678 Nm im Stau? Handys werden gezückt. Im Rückspiegel sieht man wilde Manöver von anderen Stau-Leidenden. Einmal am Vordermann vorbei. Diesen orangenen – ja, was? Man sieht es an den Blicken der Digital-Paparazzi. Ein Ferrari? Dafür wirkt er im Design zu sachlich. Ein Lamborghini? Nein, die Drama-Queen geht dem Briten völlig ab. Aber ein Porsche ist es sicher nicht – viel zu selten zu sehen. Man sieht den Menschen an, wie sie in den Tiefen ihrer Automobil-Quartette im Hirn kramen. Ein McLaren. Also!

Test Fahrbericht040 mclaren 650s

Der 650s erregt Aufmerksamkeit. Im Stau befinden sich vermutlich Foto-Updates des McLaren im Sekundentakt in Richtung Facebook.

Nach nicht einmal 200 Kilometern will der Brite zum ersten Mal an den Futtertrog der 100 Oktan-Fangemeinde. Aussteigen an der Tankstelle. Eine Show, die man den Mitmenschen gratis liefert. Einfach so an eine Zapfsäule heranrollen? Unmöglich. Das Motorengeräusch lässt an einer Schule gegenüber die Fenster hochgehen. Das Herausschälen wird von staunenden Pennälern begleitet. Während man den linken Fuß heraus fallen lässt, den Oberkörper durch die Schere stemmt, die durch die nach vorne oben geöffnete Türe entstanden ist – werden wieder die Foto-Handys gezückt. Sich jetzt nur nicht völlig zum Horst machen. Die Coolness des Briten irgendwie auf die eigene Körpersprache übertragen. Gar nicht so leicht.

Super-Plus reicht. Es müssen ja gar keine 100 Oktan sein. Und – der McLaren ist nicht durstig – wenn man sich an diese eine Grundregel hält: Fordere immer nur ein paar der 650 Pferde. Tempomat 130? Weniger als neun Liter sind machbar. Dem Porsche Turbo S Piloten zwischen München und Ingolstadt zeigen, wie schnell sich Zeit und Raum überbrücken lassen? 45 Liter. 200 auf 300 km/h ist der Part, der dem Stuttgarter wirklich weh tut. Der Brite klackt sich derweil mit mechanischer Präzision durch sein 7-Gang Doppelkupplungsgetriebe.

Es ist dieses Schauspiel. Diese leidfreie Perfektion. Wie kann ein Auto so widerstandsfrei die 329 km/h knacken und dennoch in der Tempo 30-Zone nicht nerven?

Für die restliche Heimfahrt wird der Umweg über Land genommen. Stauvermeidung. Lust mehren.

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Verliere nie die Ehrfurcht

Während es auf den sechs Spuren der A9 vor allem der Leistungs-Dämon des 3.8 Liter V8-Turbos ist, der einen in seinen Bann zieht, spielt hier draußen, auf den schmalen Straßen des Frankenlandes, die Schärfe , die Klarheit, diese Perfektion des Fahrwerks allen Bemühungen, sich an Tempolimits zu halten, einen Streich.

Die Gelassenheit, mit der hinter dem Lenkrad die Anweisung zum Vollzug vollständiger Dynamik erlebt wird, es ist nicht zu beschreiben. Bei einsetzendem Regen erinnert einen das um die Sicherheit besorgte Kleinhirn an die Mittelmotor-Bauweise des 650S. Viel Gewicht hinter den Köpfen der Insassen. Eine angetriebene Achse hinten. Dazu Reifen in wollüstiger Breite.

Hinterhältig sind andere. 650 PS lassen sich im „Snow-Modus“ auch bei einem Wolkenbruch im fränkischen Hinterland reiten. Vorhersagbar bei aktivierten Track-Modus fallen die Seitenschritte aus. Ansatzlos oder mit Ansage, es obliegt dem Fahrer. Die in eine Carbonwanne gepresste Intelligenz aus Woking, der Machtfaktor Präzision in allen Details, er bietet dir die beste Schnittstelle zwischen Mensch und Fahrmaschine an.

Test Fahrbericht030 mclaren 650s

Hör zu!

Um aus dem V8 des MP4/12C einen 650 S werden zu lassen, hat man in England ordentlich am Sportler gefeilt. 25 PS mehr? Machen andere per Motor-Steuergerät. So banal arbeitet man in Woking jedoch nicht. Neue Kolben. Veränderte Zylinderköpfe. Neue Steuerzeiten für die Nockenwellen und eine Auspuffanlage mit mehr Durchsatz. Was man in Woking in Angriff nimmt, macht man richtig. Da kann der optische Unterschied zum MP4-12 noch so überschaubar sein. Und auch wenn die Federraten erhöht wurden, die adaptiven Dämpfer wurden ebenso überarbeitet. Die Spreizung zwischen den drei Fahrmodi angepasst – der Spagat zwischen Alltag und Racetrack noch einmal optimiert. Das Navi ist Mist? Stimmt. Aber ernsthaft. Welche Rolle spielt schon das Navi? Da, wo dieser 650S hinfährt, braucht man kein Navi. Man sollte die Streckenführung kennen, die blinden Ecken, die Kuppen und auch die üblichen Stellen, an denen geblitzt wird. Bei dieser Planung hilft auch kein Navi.

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Glück kann man doch messen. Es sind 650 Kilometer im 650S.

Wer auch immer die Behauptung aufgestellt hat, man könne Glück nicht messen, hat sich noch nie mit einem McLaren 650s beschäftigt. Die schnellste Foto-Box diesseits des Kanals. Das schärfste Instrument zum Sezieren von Landstraßen außerhalb des FIA GT3-Reglements. Und die überwältigende Vorstellung von Dominanz. Ja – so kann man das fahrbare Glück beschreiben.

 

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2 Kommentare

  1. Video: McLaren 650s – English Breakfast › Mein Auto Blog
    29. Oktober 2015 zu 14:05 Antworten

    […] Fahrbericht und starke Fotos von Foto-Ralph findet Ihr hier! […]

  2. Fahrspassfrühstück: McLaren 650 S Spider | MotorOli.de – BETA Version
    23. Oktober 2015 zu 18:25 Antworten

    […] Bilder hat auch der FotoRalph geschossen. Klickt Euch mal hier. Wie sich 650 PS anfühlen lest Ihr hier. Ich bin heute mal […]