Kommentar: Es geht auch ohne GT3 am Nürburgring

Kommentar: Es geht auch ohne GT3 am Nürburgring

Mein erstes 24h-Rennen am Nürburgring? Das war 1995 als Zuschauer. Ich kann mich noch gut erinnern. Wir kamen am Samstagabend in der Eifel an. Lagerfeuer brannten rund um die Strecke, der Geruch von Bratwurst lag in der Luft. Und ein weiterer Geruch mischte sich darunter. Süßlich. Mal beißend. Dazwischen immer wieder die Lichtblitze der Rennfahrzeuge auf der Strecke. Am Sonntag in der Früh, die Sonne ließ erste Blautöne am Himmel erkennen, mischte sich der Rauch glimmender Grillfeuer mit dem Nebel der Eifel. Dazwischen die Lichtblitze, weiß und rot, das Getöse der Rennwagen.

Am Pflanzgarten sah ich zum ersten Mal rot aufglühende Bremsscheiben, rot glühende Katalysatoren unter den Fahrzeugen. Das Kreischen der Bremsen, das Prasseln von Kieselsteinen. Über allem lag die Faszination des puren, des ehrlichen Motorsports.

Der Sieger 1995? Ravaglia, Duez und Burgstaller auf einem Bigazzi 320i. 1996 wiederholte sich der Ausflug in die Eifel. Auch 1997 und 1998. Und so weiter.

1998 siegte zum ersten Mal ein Dieselfahrzeug. Ein STW-BMW, umgebaut mit dem damals brandneuen 2.0 Liter Turbodiesel. Am Steuer? Unter anderem ein Hans-Joachim Stuck. Heute ist Hans-Joachim Stuck, den ich im übrigen aus der „alten DTM“ und hinter dem Volant des Audi V8 kannte und verehrte – der Präsident des DMSB.

DMSB – Deutscher Motor Marketing Sport Bund

Motorsport ist gefährlich und Motorsport fasziniert dennoch. Oder deswegen? Und es gibt prominente Stimmen, die eine schlichte Akzeptanz der Gefährdung fordern. Jürgen Alzen zum Beispiel. In seinem Facebook-Post schreibt Jürgen Alzen zum Beispiel:

Nachdem ich die neuesten Verordnungen zu „Erhöhung der Sicherheit auf der Nordschleife“ auf der VLN Seite gelesen hatte, ist mir jeder, aber wirklich jeder Spaß und Interesse an „RENNEN“ auf der Nordschleife vergangen. Unsere Familie betreibt bereits in der 2.Generation Motorsport, das aus Leidenschaft und nicht aus Geldgier.

Es war, als hätte man bei mir den Schalter von ON auf OFF umgelegt….

Damit hat er recht. Es läuft einiges massiv aus dem Ruder am Ring. Und damit meine ich nicht nur die Beton-Katakomben und Motorsport-Särge am Ring, sondern den Breitensport an sich.  Völlig über das Ziel hinaus schießt er jedoch mit dieser Aussage:

Machen wir uns nichts vor: es gibt und wird nie den absolut sicheren Motorsport geben, denn Fahrer und Fahrzeuge bewegen sich am physikalischen LIMIT!

Das Bewegen am Limit und das damit verbundene Risiko trifft übrigens auch auf alle anderen Sportarten zu.

Das ist es doch, was uns den Spaß und die Freude bereitet! Der Nervenkitzel.

Hier die Aufgabenstellung einer Rennveranstaltung, so wie sie in der Ausschreibung beschrieben ist: den Kurs schnellstmöglich umrunden!

So hart es klingt, leider gehören Verletzte und gelegentlich auch Tote zum Bild des Sports und nicht nur zu dem des Motorsports.

Akzeptieren, oder lassen!

Gut. Dann lassen wir es. Denn Tote gehören NICHT zum Motorsport.

Wir sind hier doch nicht bei den Gladiatoren-Kämpfen des alten Rom angekommen? Sicher, die Bauten in der Eifel könnten den richtigen Rahmen für einen „Circus Maximus“ bilden – aber Tote gehören zum „Brot + Spiele für das Volk“ nicht dazu. Wagenrennen nach Ben Hur Methode? Nein. Auch ein Jürgen Alzen akzeptiert Regeln des motorsportlichen Rahmens und ich finde die erste Regel sollte lauten: „Unnötiges Risiko“ wird ausgeschlossen, Tote und Verletzte unter Fahrern und Zuschauern sind nicht unser Ziel!

Wie sarkastisch und abgebrüht muss man sein, um das Leben Dritter zu riskieren? Hier geht es um Sport. Leistungsport. Wettkämpfe. Aber wir sind nicht zu Cäsars Zeiten in Rom und klatschen uns mit Werkzeugen auf die Köppe.

Motorsport in der Eifel – Breitensport – Langstreckensport

1998 traten 153 Teams das 24h-Rennen in der Eifel an. Ohne GT3 – und damit auch ohne das ganz große Kasperle-Theater der Hersteller.  Ohne bezahlte „Conchita Wurst“ und „Stratosphären-Springer“. Ja, mit Gentleman-Driver, die gehörten schon immer dazu. Aber mit einer völlig anderen Gefährdungslage der Zuschauer.

Bereits im letzten Jahr haben wir bei der Qualifikationsrunde des Dörr McLaren die Luft angehalten. Und auch im letzten Jahr hatten viele Fahrzeuge am „Flugplatz“ (woher kommt nur dieser Name?) massiv Unterluft.

Wilhelm Hahne schreibt, ein erfahrener Nordschleifen-Pilot lupft dort, um nicht später abzufliegen. Nun – Wilhelm Hahne widerspricht man nicht gerne – aber ich sage: Ein echter Racer lupft nicht. Ein echter Racer will nur eines, wie Jürgen Alzen das physikalische Limit finden.

Der tragische Tod eines Zuschauers vor über einer Woche, beim ersten VLN-Lauf der Saison 2015, war nicht die Schuld des Fahrers. Es war auch nicht die Schuld des Zuschauers. Es war nicht einmal die Schuld des Herstellers und des Teams. Es war die pure Tragik. Es war die Verkettung von logischen Schritten.

GT3-Fahrzeuge sind derzeit die groben Waffen für die Nordschleife. Ein Gesamtsieg? Ohne GT3 kaum mehr möglich. Der Fahrer, ein junges Talent, ein excellenter Fahrer. Natürlich ist seine Aufgabe, das Limit zu finden. Sich daran entlang zu hangeln. Schneller zu sein als Mitbewerber, schneller als seine Teamkollegen.

Lag es an der Nordschleife? An den Sicherheitsvorkehrungen? Eventuell.

Die einzige Lösung ist das Verbot der GT3 auf der Nordschleife

Der DMSB hat in seiner gestrigen Tagung ein „Sofort-Paket“ an Maßnahmen beschlossen, denn eines ist klar – auch wenn die GT3 zu schnell geworden sind für die Nordschleife, wie die Gruppe C, auch wenn nun die Hinterbliebenen eines Zuschauers am Grabe sitzen – die Werke müssen bei der Stange gehalten werden, die Show muss weiter gehen.

Und damit die Show stattfindet, man aber zugleich den moralischen Verpflichtungen nachkommt – denn wir sind hier nicht im Circus Maximus – wird unter anderem ein Tempolimit eingeführt.

Und auch hier findet Jürgen Alzen klare Worte:

Bisher war ich immer ein bisschen stolz, wenn wir zum Rennende einen guten Job auf der Nordschleife, der vielleicht schwierigsten Strecke überhaupt, abgeliefert hatten.

Ab sofort, will man mir vorgeben, welches Risiko ich gewillt bin einzugehen.

Nein, ich bin keine Conchita Bockwurst!

Haltet von mir was Ihr wollt, aber der Nonsens begann bereits mit Code 60 und der GPS Überwachung.

Auch hier setzten sich finanzielle Interessen, der „Anwender“ dieses Systems, gegen generierte Unfallschäden (in Millionenhöhe) der Teams und Fahrer durch.

Das hier ist nur die „erste“ Fortsetzung eines Macht und Geldrouletts, wartet mal ab, womit es weitergeht…

Ich finde, er hat grundsätzlich recht. Das nun erteilte Tempolimit und das allgemeine Showgebaren des DMSB sind lächerlich. Nur zieht er die falschen Schlüsse daraus.

Ja, der DMSB-Entscheid ist Schwachsinn. Tote und Verletzte als Gegebenheit zu akzeptieren aber auch.

Ein einfaches Verbot der GT3-Klasse wäre richtig. Ist richtig.

Und was machen dann die Top-Fahrer am Ring? Was macht ein Jürgen Alzen, was machen die echten Nordschleifen-Cracks, wenn man ihnen schlicht die Fahrzeugklasse wegnimmt?

Entweder sie stehen zu ihrem Wort und suchen das physikalische Limit eben nicht bei Sub8, sondern bei Sub9.

Kulturgut hin, Motorsport-Extreme hin – am Ende muss die Suche nach dem Limit einigen Gedanken zur Sicherheit unterstellt sein. Für die Fahrer, für die Zuschauer.
Aber ohne die finanziell motivierte Lösung, Rennfahrer unter ein Tempo-Limit zu stellen, nur damit die Werke dabei bleiben.

Werke, ihr wollt GT3-Kundensport?
Dann kauft die Nordschleife. Investiert massiv in die Sicherheit. Manipuliert das Kulturgut, bis es zur synthetischen Mickey Mouse Arena verkommt.

Oder erkennt:
Kundensport auf der Nordschleife kann auch ohne GT3 auskommen. Opel Astra OPC Cup, Toyota GT86 Cup, BMW M235i Cup. Alles Serien mit viel Spannung. Motorsport in purer Form. Fahrer gegen Fahrer.

Die massive Geldverbrennung in der GT3 war nie die richtige Lösung für den Breitensport. Nicht für die VLN, nicht für die N24h.

 

 

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2 Kommentare

  1. N24h – Das Rennen 2015 › Mein Auto Blog
    17. Mai 2015 zu 19:31

    […] auch – ja auch – wenn dieses Jahr nicht alles ideal lief. Das fragwürdige Tempolimit, die Diskussionen um die GT3-Fahrzeuge, der tragische Unfall beim ersten VLN-Lauf – und auch wenn die 200.000 Zuschauer nun einmal […]

  2. Am 8. April 2015 gefunden … | wABss
    9. April 2015 zu 02:59

    […] Kommentar: Es geht auch ohne GT3 am Nürburgring, gefunden bei mein-auto-blog.de (9.5 Buzz-Faktor) […]