Kritik am 24h-Rennen Nürburgring 2016

Kritik am 24h-Rennen Nürburgring 2016

Es soll Menschen geben, die waren noch nie am Nürburgring. Und es gibt Menschen, die waren schon einmal am Nürburgring, aber noch nie beim 24-Stundenrennen. Ich verstehe beide Sorten von Menschen nicht. Das Motorsport-Mekka Nürburgring ist eine gänzlich eigene Kulturstätte. Für mich seit über 20 Jahren ein Pilgerpunkt. Nicht nur jährlich zum 24-Stundenrennen. Für mich ist der Nürburgring und vor allem seine Nordschleife ein Magnet, der mich immer wieder anzieht. Ganz egal, wie schlecht das Wetter auch sein mag. Sonnenbrand unter dem Regenmantel und am Tag drauf mit Sonnenstich und Erkältung im Bett. Der Nürburgring verwöhnt nicht immer mit „prima Klima“. Vor allem aber ist das Klima am Ring nicht mehr das Beste. Der Wahnsinn der Expansion, die Träume vom großen Geld, der Bankrott, der Verkauf. Wäre da nicht ganz nebenbei noch ein Autorennen, man müsste den Ring einfach ignorieren. So traurig ist vieles, was dort passiert ist. Doch. Es ist eben die Nordschleife. Und mit dem 24h-Rennen ist dort zudem das größte Motorsport-Event, das wir in Deutschland haben, erwachsen.

N24h – 2016

24h-Rennen, wir müssen reden!

Das haben auch die Werke und Hersteller für sich entdeckt. Und wie so oft, folgt einer Professionalisierung auch ein „aber“. Sicher – die GT3-Brummer sind beeindruckende Sportgeräte, unfassbar schnell auf der Nordschleife – aber eben auch einfache „Kaufhaus-Ware“. Wenn auch geil. Und hier kommt der Punkt, an dem in meiner Brust die zwei Herzen, ach was – drei Herzen – schlagen. Ich schwelge gerne und oft in den Erinnerungen an damals. Als es noch keine Trillionen-Zuschauer waren, die als neuer Rekord vermeldet wurden. Als kleine Privat-Teams ihren Jahresurlaub beim 24h-Rennen verballert haben. Und die letzte Kohle. Und oft auch das letzte Hemd. Es war ein unbeschwerter Sportsgeist. Es war der gemeinsam erlebte und durchlebte Marathon. So perfekt unperfekt und wunderbar nahbar.

Doch dem Menschen ist es angeboren: Er will sich verbessern. Der Grund für den sportlichen Wettkampf finden wir auch darin versteckt. Der Kampf. Der Sieg. Und beim nächsten Mal: Höher, schneller, weiter. Mit der Professionalität kommen die Werke, das große Geld. Es wird am ganz großen Rad gedreht. Doch wo ein GT3-Pulk im Donnergewitter der Sub-8-Zeit über die Schleife pflügt, da wird der Platz für den Amateur knapp.

Die Faszination „Technik“ kann so ein GT3-Renner bestens befriedigen. Besondere Lösungen. Reglements-Fights um Vor- und Nachteile. Dabei fällt dann, ganz unmerklich, der Spaß hinten herunter und die Maske des Mammon erscheint am Tisch.

Mercedes-AMG hat in diesem Jahr gezeigt, wie Audi im Vorjahr, was es bedeutet – wenn sich Werke auf den Motorsport auf der Nordschleife konzentrieren. Der Mercedes-AMG GT 3 hat in eindrucksvoller Art und Weise seine „Dominanz“ am Ring etabliert. Ein Vierfach-Sieg? Eine Glanzleistung für Techniker und Rennfahrer. Der Kampf der Mercedes-AMG Kundenteams am Ring? Spannung pur. Gleiche Waffen – Profi-Rennfahrer und am Ende entscheiden 5.7 Sekunden über den Sieg. Nach 24-Stunden. Wer da sagt: Er findet GT3s langweilig, der lügt.

Doch darf einem die Faszination nicht die Augen vor den Konflikten und Problemen erblinden lassen. Das 24-Stundenrennen am Nürburgring hat, jetzt wo es am erfolgreichsten ist, ein großes Problem. 2016 hatte es das kleinste Starterfeld seit Jahren. Der Kampf um die Balance um Performance artet in einen Schattenbox-Wettkampf aus. Und während RTLnitro zum 24h-Senderekord eilt, saufen die Fans auf den nicht gepflegten Campingplätzen ab. Ertrinken förmlich in der Scheiße, die sich dort anstaut. Wer sich die Mühe macht und auf Facebook nach den Erfahrungen derer sucht, die sich in den Hagel des diesjährigen 24h-Rennens begeben haben – der liest von erschreckende Versäumnissen bei der Hygiene. Von einem Ungleichgewicht aus übermütigen Security-Hanseln und mangelndem Überblick bei der Kontrolle der „großen“ Party am Ring. Während sich in den Boxen selbst die akkreditierten Journalisten bei der Arbeit durch die Security stören lassen müssen – vermüllen die Campingplätze, verrohen die Sitten draußen, rund um die „schönste Rennstrecke“ der Welt. Vom Motorsport-Event zum Motorsport-Ballermann. Auch das ist ein Ergebnis des Wachstums. Und mangelnder Sichtweite bei den Veranstaltern. Die Müllberge nach dem Rennen? Bereits akzeptierte Bilder.

Auf der Strecke verlässt man sich als Veranstalter auf die Werke. Die „Kleinen“ fühlen sich vernachlässigt, die Regie der TV-Kameras findet sie erst gar nicht. Das Abwandern des „harten Kerns“ hat längst begonnen. Doch was passiert, wenn ein Werk sich verabschiedet? Wenn im nächsten Jahr auch BMW und Porsche das Engagement zurückfahren? So wie Audi in diesem Jahr. Wenn die Werke nicht mehr Ticket-Kontigente kaufen, die Glaspaläste aufbauen und sich mit viel Mediageld die notwendigen Reichweiten erkaufen? Ein tiefer Fall und eine harte Landung wäre das Ergebnis. Und so spielen alle Parteien ein Spiel ohne Netz und doppelten Boden.

Liebes 24h-Rennen, wir müssen dringend über Deine Zukunft reden! handeln!

 

 

..eigentlich sollte ein ganz anderer Artikel hier erscheinen, aber die Probleme müssen angesprochen werden. Man kann nicht so tun, als wäre alles in Ordnung. Der „andere Artikel“ ist unter „Abenteuer Nürburgring 2016“ zu finden. 

 

Fotos: SB-Medien: Stefan Baldauf und Guido ten Brink

 

Aktuelle Suchanfragen::

2 Kommentare

  1. Thomas
    6. Juni 2016 zu 12:51 Antworten

    das titelbild ist einfach nur unpassend.
    wenn du richtiger fan der nordschleife wärst, dann hättest du auch augen für die absolut kreativen und einmaligen bauwerke, die leute in ihrem jahresurlaub für 1 woche aufbauen.
    die stimmung ist friedlich und ausgelassen.

    ja, und manchmal sieht man ne gummipuppe. na und?
    und was heisst „motorsport-ballermann“? soll das eine beleidigung für die lieblingsinsel der Deutschen sein oder allgemein ein neues böses wort für die zeltlager direkt an der strecke, weit weg vom schicki-micki?

    • Bjoern
      Bjoern
      6. Juni 2016 zu 14:14 Antworten

      Das Titelbild stammt von einem der Campingplätze rund um den Nürburgring und ist Sinnbild des „Motorsport-Ballermanns“. Und damit Sinnbild für die Verirrung mancher „Fans“ an der Nordschleife. Den Schuh der Kritik kann sich der anziehen, dem er passt. Wenn es auf Dich nicht passt, dann ist alles gut und wir sollten gemeinsam zurück zur „Fan-Party“ kommen, aber immer ein Auge für die Rennstrecke und das Rennen haben.

      Die kreativen Werke von echten Fans habe ich auch gesehen – und weil ich differenziere, stehen genau die eben nicht für meine Kritik. …