Zehn Gründe gegen einen Neuwagenkauf

Zehn Gründe gegen einen Neuwagenkauf

Neuwagen werden überschätzt. Zehn Gründe gegen einen Neuwagen – eine Kampfschrift.

Ja der Geruch eines Neuwagen ist toll und außerdem gab es Kaffee und Plätzchen im Autohaus. Ja. Autos sind toll. Sie stehen für Individualität, Freiheit und Mobilität. Die Firmen und Konzerne dahinter versprühen aber eine ganz andere Botschaft. Sie sind, bei allem Marketing-Buhei, auch nur Global Player auf Renditesuche. Emotional entsprechend aufmunitioniert kommt hier die Streitschrift: Zehn Gründe gegen einen Neuwagenkauf.

1) Wie das Auto, so sein Fahrer.
Porsche soll als Paradebeispiel in Sachen „Image“ dienen. Denn die Marke hat einen erstaunlichen Wandel hinter sich. Was als Sportwagenmanufaktur begann, baute Wendelin Wiedeking zu einem Hedgefonds mit angeschlossener Autoproduktion um (Stichwort: mehr Gewinn als Umsatz). Heute ist Porsche die Geländewagen-Abteilung im VW-Konzern; Cayenne und Macan sind für 70 Prozent der Produktion verantwortlich. Das Problem ist, dass niemand mit einem Porsche ins Gelände fährt. Auf die Rennstrecke aber eben auch nicht. Und plötzlich fährt man eine Marke, die zerrissen zwischen China-Ambition und Streicheleinheiten für die Stammkunden, überhaupt nicht mehr weiß, wie sie sich eigentlich darstellen soll.

2) Der Wert meines Autos.
Da steht er also, der neue Cayenne im Gegenwert von 119.000 Euro. Naja, oder was von diesem Geld eben im Auto steckt. Denn 19.000 Euro gehen direkt ans Finanzamt, 17.000 Euro schöpft Porsche als Nettogewinn pro Auto ab und 25.000 Euro dematerialisieren sich, sobald der Zündschlüssel aus dem Neuwagen einen Gebrauchtwagen macht. Das sind in Summe 61.000 Euro – oder 51 Prozent des Rechnungsbetrages –  die der Kunde nicht vom Hof des Händlers mit nach Hause nehmen kann.

3) Sie glänzen, also sind sie.
Haben Sie sich schon einmal gefragt, woher die 35 Millionen Euro kamen, die der VFL Wolfsburg für Julian Draxler bezahlt hat? Oder die 500 Millionen Euro, die man in München für die BMW Welt übrig hatte? Oder die zehn Milliarden Euro, die Hyundai für ein Grundstück in Gangnam bezahlt hat? Das Geld für derartige Prahl-Projekte, Protz-Bauten und Prestige-Pläne kommt von Neuwagen-Kunden. Wer also trotz VW in der Garage kein VFL-Fan ist, noch nie in der BMW-Welt war, obwohl er einen 3er besitzt und wer noch nie auf dem Grundstück in Gangnam gecampt hat, obwohl er einen i30 fährt, der hat auf dem Weg hinters Lenkrad irgendwo Geld verloren.

4) Der mündige Verbraucher.
Shitstorm reiht sich an Shitstorm. Oft, weil Usern langweilig ist, manchmal aber auch, weil tatsächlich etwas im Argen liegt. Die Autohersteller haben sich von dieser Shitstorm-Endlosschleife bisher mehr oder weniger fern gehalten. Gut für sie, aber ungerecht. An Gründen gibt es keinen Mangel. Wie wär es mit folgendem: Konzerne dürfen sich bekanntermaßen eine eigene Zielgröße vorschreiben was die Frauenquote im Aufsichtsrat betrifft. Die Porsche Automobile Holding SE entschied sich dafür, die Quote auf eher weniger ambitionierte „null Prozent“ festzulegen. Bis Mitte 2017.

5) Verkauf
Autohäuser sind für viele Menschen überflüssig. Und sie werden in Zukunft nicht wichtiger werden. Besuchten Autokäufer früher fünf und mehr Verkaufsstellen, sind es heute im Schnitt nur noch 1,4. Den Rest an Informationsbedarf decken Online-Konfiguratoren ab. Bezahlt werden müssen die Ausstellungsräume und das entsprechende Personal aber trotzdem. Apropos  „Händler“. Fragen Sie doch mal einen, nachdem er ein paar Bier hatte, wie gut er sich von seiner Marke betreut und verstanden fühlt, oder ob er sich vielleicht nicht auch als Melkkuh fühlt.

6) Anspruch und Wirklichkeit.
Jeder verdient das Beste. Aber kriegt er es? Nein. Jeder kriegt, was das Gehalt so hergibt. Außer auf dem Gebrauchtwagenmarkt, wo jeder ein König ist. Wer beim Bentley-Händler nach dem Preis fragen muss, der kann ihn sich nicht leisten. Wer beim Kompakten überlegen muss, ob sich die Lederausstattung lohnt, der wird vom Leben um Luxus betrogen. Vor allem letzterem sei angeraten, auf den einschlägigen Gebrauchtwagenseiten nach einem vollausgestatteten VW Phaeton zu suchen. Wer 10 Kilo hinlegt kriegt genug raus, um ein langes Wochenende am Gardasee zu bestreiten.

7) Dann fahre ich halt Taxi.
Sollten Sie in der Stadt wohnen erübrigt sich nicht nur die Frage nach einem Neuwagen, selbst der Gedanke an ein Auto ist überflüssig. Es sei denn, Sie wollen von München nach Ingolstadt. Die Milchmädchenrechnung geht dann so: Die Taxifahrt kostet 135 Euro – diese Strecke könnten Sie also 881 Mal fahren, bevor sich oben angesprochener Cayenne allein in den Anschaffungskosten amortisiert hätte. Das Geld für Sprit, Versicherung und einen Parkplatz ist dabei aber noch nicht einkalkuliert.

8) Wenn das Leiden beginnt.
Es hat etwas Erhebendes in der Autostadt in Wolfsburg die Menschen zu beobachten, die sich Ihren Neuwagen abholen. Es macht Spaß zu sehen, wie sie sich freuen und es ist ein kurzweiliges Spiel zu raten, welcher Kunde (oft samt Familie) zu welchem Auto gehört. Die Freude ist so groß, das Leuchten in den Augen so einnehmend, dass sich niemand vorstellen mag, wie apokalyptisch die Stimmung sein wird, wenn der erste Lackschaden entdeckt, die erste Felge zerkratzt und die erste Parkdelle selbst eingefahren wird. Es soll sogar Leute geben, die den ersten kleinen Schaden an ihren Neuwagen selbst und bewusst herbeiführen, nur um sich später nicht ärgern zu müssen. Sie wollen „Herr über ihr Schicksal“ sein. Klingt nach Euthanasie, sind aber normale Neurosen von Neuwagenkäufern.

9) Der grüne Daumen.
Einen Neuwagen zu produzieren kostet enorm viel Energie. Stahl muss produziert, Lack gemischt, Rohstoffe abgebaut und Leichtbaumaterial herbeigezaubert werden. Je nach Modell werden pro Auto zwischen vier und sieben Tonnen CO2 ausgestoßen. Wie gesagt: allein und ausschließlich für die Produktion. Bei einem Gebrauchtwagen ist das CO2-Kind schon in den Schadstoff-Brunnen gefallen. Oder anders ausgedrückt: Wer einen Neuwagen kauft, stößt mit seiner Unterschrift unter dem Kaufvertrag so viel CO2 aus, wie in den kommenden 58.000 Kilometern zusammen. PS: Eine ähnliche Rechnung gilt auch für Möbel, Kleidung und Kinderspielzeug.

10) Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Sollten Sie nicht gerade im Begriff sein einen limitierten Ferrari, ein McLaren-Sondermodell oder einen exzentrischen Bugatti zu erwerben, so wird ihr Neuwagen in den kommenden Jahren an Wert verlieren. Bei einem Gebrauchtwagen könnte das anders sein. Mit etwas Glück ist der Wagen in fünf Jahren noch genauso viel Wert wie jetzt und mit etwas mehr Glück machen Sie sogar Gewinn. Aber Vorsicht. Die Phrase vom „Oldtimer als Anlageobjekt“ haben zwei Sorten von Menschen im Duett erfunden. Die einen wollen ihre Partnerin davon überzeugen, dass es sinnvoll ist noch ein weiteres Auto zu kaufen. Sie durchschaut die Scharade sowieso, ist aber froh, wenn er mehr Zeit in der Garage als im Wohnzimmer verbringt. Die andere Sorte hat genau jenen Oldtimer bereits in der Garage stehen, die er Ihnen als Anlageobjekt empfiehlt.

 

Und Sie? Was machen Sie jetzt? Erst recht einen Neuwagen ordern? Sagen Sie es mir.

Aktuelle Suchanfragen::

5 Kommentare

  1. Bernd
    Bernd
    30. März 2016 zu 21:32 Antworten

    Sehr kurzweilig geschrieben. Ich stimme zu, für was steht Porsche eigentlich außer „auf dem Chefparkplatz herum“? Da gratuliert man dem oft kritisieren S. Marchionne doch zu seiner Entschlossenheit, bei Ferrari nicht auf Viertürer und SUV zu setzen.

    Aber dass ein profitorientiertes Unternehmen Gewinn erwirtschaftet und sich davon Erlebniswelten, Grundstücke oder eben einen Fußballclub kauft, kann und will ich nicht verteufeln.

    Dann dürfte ich ja auch keine Versicherungen abschließen. Die kaufen von meiner Kohle doch eh nur Immobilien, die ich dann am Ende noch von denen miete!

    Ohne den Neuwagenkäufer gäbe es keine guten Gebrauchten, denn abgerockte Ex-Sixtschüsseln braucht keiner. Aber der Reiz eines 10k € – Phaeton ist sicherlich da – bis zum ersten Service.

    Daumen hoch für den Beitrag.

    • Bernd Kirchhahn
      7. April 2016 zu 21:54 Antworten

      Danke für das Lob und die Anmerkungen. Beides werde ich gleichermaßen berücksichtigen.

      Es ist eh klar, dass Firmen Gewinn machen dürfen und das Geld auch für Prestige-Projekte ausgeben dürfen. Gerade in unserer Zeit scheint aber oft nicht darüber nachgedacht zu werden, woher der eine oder andere Euro eigentlich kommt. Zu mehr wollte ich mit diesem Gedanken gar nicht anregen.

      Und vielleicht – nur vielleicht – springen irgendwann die Mehrheitsbesitzer von Firmen nachdem sie Milliardäre geworden sind, über ihren Schatten und schrauben die Renditeerwartung zu Gunsten der Kunden nach unten. *räusper* *zwinkerzwinker*

  2. Markus
    26. März 2016 zu 18:56 Antworten

    ?? Na, wenn keiner mehr Neuwagen kaufen würde, dann wärst Du ja wohl arbeitslos. Einen Autoblog ohne neue Produkte ist ja wohl überflüssig wie ein Kropf.

    Außerdem, wenn es keine Neuwagenkäufer gäbe, dann würde es auch keine Gebrauchtwagen geben ??.

    • Bjoern
      Bjoern
      27. März 2016 zu 17:16 Antworten

      Ich mag aber die polarisierenden Artikel meiner Autoren ;)
      Frohe Ostern!

    • Bernd Kirchhahn
      7. April 2016 zu 21:57 Antworten

      Ein Autoblog ohne neue Produkte würde sich Oldtimer-Seite nennen.
      Aber grundsätzlich gebe ich Ihnen natürlich Recht. Es braucht neue Produkte und Weiterentwicklungen. Nur sollte eben ab und an mal durchgeatmet und pausiert werden. Zum einen. Zum anderen muss grundsätzlich immer erst einmal das Unmögliche gefordert werden. In der Realität kann man sich dann immer noch auf einen Kompromiss und Abstriche einigen.