Zeitreise: Unterwegs mit 7 Generationen Mercedes-Benz E-Klasse

Zeitreise: Unterwegs mit 7 Generationen Mercedes-Benz E-Klasse

Na, wer weiß es? Seit wann trägt die Mercedes-Benz E-Klasse ihren Namen? Richtig, seit Mai 1993, als Baureihe 124 ihre Mopf, also Modellpflege, bekam und das E vor die ach so typische dreistellige Zahlenkombination geschoben wurde. Doch nicht erst das E davor machte den Benz der oberen Mittelklasse zum „Executive Car“, nein, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts reichen die Wurzeln der E-Klasse zurück, die so gerne von Wirtschaftslenkern ohne Drang zur Luxusklasse bewegt wurde und auch zukünftig sicherlich häufig bewegt wird.

Damit dies so bleibt, haben die Schwaben im April dieses Jahres ihre neueste E-Klasse als Limousine in die Verkaufsräume geschoben. Doch wo die Zukunft beginnt, lohnt sich auch der Blick zurück. mein-auto-blog.de bekam daher die wunderbare Gelegenheit, rund 60 Jahre dieser Erfolgsgeschichte selber erfahren zu dürfen und lädt daher seine Leser ein, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen.

Los geht es im W213, mit dem wir den Berufsverkehr rund um das Werk Sindelfingen entspannt hinter uns lassen. Der brandneue OM 654 murmelt dabei unaufgeregt, selbstzündend und genügsam vor sich hin, denn um im Gänsemarsch seinen sechs Vorfahren zu folgen, kommt der E220d kaum über die Leerlaufdrehzahl hinaus. Wie sich diese State-of-the-Art Limousine in rund  60 Jahren anfühlen wird? Man weiß es nicht, doch es könnte sicherlich ein ähnlicher Kulturschock sein, wie für uns, als wir die Klinke der Selbstmördertüre des W191 von 1952 drücken, um uns hinter das riesige Bakelit Lenkrad zu klemmen. Im Vergleich zum aktuellen Interieur Design wirkt diese gute Stube mit ihrer durchgehenden Sitzbank in der ersten Reihe und den zierlichen Chromschaltern auf ganz charmante Weise putzig.

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Der 170er legt nach dem 2. Weltkrieg den Grundstein für den Erfolg in dieser Klasse

Auf dem Kofferraumbuckel dieser Vorkriegsentwicklung prangt stolz 170DS, wobei das S diesen 170er als besonders geräumig adelt (was er aber aus heutiger Sicht nicht ist) und das D als Selbstzünder mit 1,8 Liter Hubraum und 40 PS. Werte, über die man im 21. Jahrhundert nur noch schmunzelt, die damals aber eine bis dahin ungewohnt kommode Fortbewegung garantierten. Oel-Motor 636 glänzte nämlich mit rund 100 Nm Drehmoment, was ihn gemächlich, aber stetig über jeden noch so steilen Berg bugsierte. Auch heute noch kann man die Kraft aus dem Drehzahlkeller an den kernigen Anstiegen des Nordschwarzwaldes spüren. Doch so sehr der Antrieb auch an eine robuste Landmaschine erinnert, man sollte mit diesem Benz behutsam umgehen und mit viel Gefühl und etwas Zwischengas, den filigranen Lenkradschalthebel durch die Schaltkulisse führen. Langsam wird uns klar, was unsere Vorfahren mit „Autowandern“ meinten, als die Verkehrsdichte noch gering war und man mehr reiste, anstatt zu rasen.

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Moderner Automobilbau made in Schwaben: der Ponton aus aus den 50ern

Doch auch damals war der Glaube an den Fortschritt groß und die Kunden wünschten sich zunehmend mehr Komfort und Leistung. Für den schwäbischen Autobauer bedeutete dies die Abkehr von der althergebrachten Konstruktion aus Chassis und unabhängiger Karosserie, hin zum selbstragenden Blechkleid. Und diesen Fortschritt spürt man im W120 nicht nur sofort beim Fahren, sondern sieht es dem als „Ponton“ in die Geschichtsbücher eingegangenen Daimler auch sofort an. Keine freistehenden Kotflügel erinnern mehr an die Vorkriegszeit. Was bei unserem 180er zusätzlich überrascht: er ist keine ehemalige Droschke mit Selbstzünder, sondern hat einen willig drehenden 1,9 Liter Benzinmotor mit 65 PS. Damit kommt auf den kleinen Sträßchen des Schwarzwaldes durchaus so etwas, wie Fahrfreude auf.

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Die Heckflosse aus den 60ern: American way of drive meets Neckartal

Selbst der Nachfolger kann da nicht ganz mithalten. Das hat aber auch damit zu tun, dass der von Mercedes-Benz Classic zur Verfügung gestellte W110 überraschenderweise mit einem Automatikgetriebe aufwartet. Der Sprung in die 60er ist nämlich vor allen Dingen durch Design (die Heckflossen Mode ging selbst an den konservativen Schwaben nicht spurlos vorbei) und einem Hauch Luxus geprägt, in Form eines elfenbeinfarbenem Lenkrades und eben dieser für die damalige Zeit hochmodernen Viergang-Automatik samt Kick-down. Leider scheinen jedoch etliche der 95 PS in der Flüssigkeitskupplung des Getriebeautomaten verloren zu gehen. Also zurücklehnen, Ellbogen auf die Türauflage, das riesige Stahlschiebedach aufziehen und zuschauen, wie sich der Bandtacho langsam hochdreht bei dem Versuch mit durchgedrücktem rechten Fuß Tempo aufzubauen. Hach, unsere 200er Heckflosse ist einfach nur lässig und eigentlich wollen wir bei den vorherrschenden sommerlichen Temperaturen gar nicht mehr aussteigen. Alleine schon, weil die ausstellbaren Dreiecksfenster völlig zugfrei ein perfektes Klima im Innenraum schaffen.

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Das Erscheinungsjahr 1968 gibt ihm seinen Namen: der „Strich-Acht“

Doch im Innenspiegel drängelt sichtbar schon die Zukunft: ein /8 der feinsten Sorte, wie ihn sich nur ein stilsicherer Italiener in den 70ern bestellen konnte: Außen weiß, innen mit blauem Stoff und Leder ausgekleidet, dazu getönte Scheiben mit Grünkeil und unter der Motorhaube den stärksten Antrieb der Baureihe W114: der unverwüstliche Reihensechszylinder mit satten 185 PS. Doch die Krönung dieses ursprünglich nach Italien ausgelieferten Wagens lautet: Schaltgetriebe. Damit fühlt man sich, wenn man aus dem Vorgänger umgestiegen ist, regelrecht sportlich unterwegs. Man hat sogar das Gefühl, dem Erstbesitzer kam es genau darauf an, denn es handelt sich regelrecht um ein Lightweight Topmodell, denn dem 280 E fehlen sowohl ein Schiebedach, ein langsam in Mode kommende Klimaanlage oder gar die mittlerweile standesgemäßen elektrischen Fensterheber. Also Fenster per Hand runterkurbeln, Gas geben und dem herrlichen Sound des Dopplenockers lauschen.

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Baureihe 123: der Millonenseller für sie 80er

Von all dem kann unsere Generation W123 nur träumen. Natürlich gab es auch in dieser den den 2,8l Reihensechszylinder, aber heute sind wir sehr spartanisch in einem 230 ohne dem Leistung bringendem E (für „Einspritzer“) hinter der Zahlenfolge unterwegs, aber dafür mal wieder mit Automatik. Das Sahara-gelb außen und der Tabak-braune Stoff im Inneren symbolisieren daher exakt die Dynamik des 109 PS starken Benziners: Wie eine Wanderdüne. Entsprechend betrübt schaut die Limousine aus ihren Ochsenaugen (ein wenig charmanter Kosename für die vier Rundscheinwerfer eingebettet in Lamellen). Eigentlich zu Unrecht, denn bis heute gilt diese Baureihe als eine der erfolgreichsten in der Geschichte von Mercedes-Benz und Wegbereiter für die heute gängigen Edelkombis dieser Klasse oder schlicht „die T-Modelle“.

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W124: Mit Aerodynamik, Hightech und dem „Bonanza Effekt“ in die Geschichtsbücher

Und damit kommen wir auch schon zum eingangs erwähnten W124, der Dank zahlreicher Qualitätsprobleme zum Beginn seiner Karriere eher für negative Schlagzeilen sorgte, doch Dank einer Qualitätsoffensive wird diese Baureihe von vielen als der letzter echter Benz tituliert wird. Unser silberner 300 E unterstreicht dies mit ein paar außergewöhnlichen Sonderausstattungen: Multikontursitze mit einstellbarer Lordosenstütze, Standheizung, elektrischen Spiegel und Fenster, sowie dem aus heutiger Sicht skurril anmutenden (und extrem selten georderten) Reiserechner. Dieser Vorgänger der heute fast überall serienmäßigen Bordcomputer versorgt uns mit zwölf Informationen rund um den Fahrzeugzustand und war damals prohibitiv teuer. Doch auch ohne diesen mühsam zu bedienenden Rechner spürt man noch heute die Souveränität, die speziell von unserem Testwagen ausgeht. Der Zweiventiler Reihensechszylinder harmoniert hervorragend mit der Viergang Automatik und macht den W124 auch im heutigen Straßenverkehr noch zu einem souveränen Reisewagen.

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Qual der Wahl: Welche ist „unsere“ E-Klasse?

Und wenn wir uns für einen der sieben gefahrenen E-Klassen entscheiden müssten? Schwierig, denn alle Autos dieser Zeitreise haben ihren ganz eigenen und nahezu unvergleichbaren Charakter. Am meisten beeindruckt hat uns wahrscheinlich der W191, denn was ehemals Stand der Technik war und Begehrlichkeiten weckte, wirkt heute so herrlich archaisch, dass man am besten die Entwicklung über die Jahrzehnte wahrnimmt und trotzdem auch erkennt welche Bedeutung damals, wie heute Mobilität hat..

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Unberücksichtigt: die Generationen von 1995 bis 2016

Der Kenner merkt natürlich sofort: da fehlen noch drei Generationen (W210, W211, W212), doch diese Sternenkreuzer waren sowohl uns, als auch dem Gastgeber zu jung, um sie auf unsere Runde in den Schwarzwald mitzunehmen.

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