Roadtrip: 4.043 Meilen quer durch die USA #mbc2c

Roadtrip: 4.043 Meilen quer durch die USA #mbc2c

USA: Coast2Coast in der Mercedes-Benz E-Klasse

Unterwegs im Drive-Pilot Habitat

Um ein Land zu verstehen, muss man es bereisen. Um ein Auto zu verstehen, muss man es fahren.  Soweit, so simpel. Die neue E-Klasse kenne ich bereits. Hier gab es die internationale Premiere für Journalisten, dann kam das T-Modell und derzeit fahren die Kollegen den AMG-Hammer der E-Klasse. Doch Presse-Fahrveranstaltungen sind zeitlich eng gesteckte Erlebnisse. So eine „full spec“ E-Klasse dabei wirklich zu „erfahren“ – eher schwierig. Und auch die ganzen Motorisierungen zu testen. Man lässt sich ja doch lieber zu E43 und AMG hin verleiten.

Unter der Oberfläche

Ähnlich sieht es bei den USA aus. Ein Land, das fasziniert. Eigentlich kenne ich es auch. Aber eben, nur oberflächlich. Und derzeit berührt mich das Land persönlich sehr. Was passiert dort? Was denken die Menschen, wenn man mal nicht die hippen Ost- und Westküsten-Städte besucht? Als die Frage kam, ob ich nicht mit der neuen E-Klasse von Miami nach Los Angeles fahren möchte – war meine Antwort klar, noch bevor die Frage zu Ende gestellt wurde. Ja – ich will. So unüberlegt und dennoch eindeutig war vermutlich nur  noch meine Antwort vor dem Standesbeamten.

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Und dieses Mal stand kein AMG zur Verfügung. Kein G63, kein SL63, nicht einmal eine feine S-Klasse 550. Nein, es sollte ein E300 4matic sein, in Buchhalter-Grau, oder wie es die Mercedes-Benz Experten nennen, in Diamant-silbern. Mit einem Vierzylinder. In den USA. Durch die USA. Den aufgeladenen „300er“ Vierzylinder und den Mercedes-Allradantrieb inklusive 9-Gang Automat gibt es in dieser Kombination im übrigen nicht in Deutschland. Spannende Wahl also allemal. Viel spannender war jedoch die Frage, wie sich der Drive-Pilot schlagen würde. Ist die Zeit reif für Stufe 2 auf den 5 Stufen zum autonomen Fahren?

Karibik-Buntes Ambientelicht

Die USA sind vielschichtig. Wie die Ausstattungskataloge des Mercedes-Benz Konfigurators. Der Start in Miami ein buntes Erlebnis. Launiges Karibik-Feeling mischt sich mit der Präsenz von Senioren und Winter-Flüchtlingen aus der ganzen Welt. Die ersten Meilen vergehen, während man sich in den Konfigurations-Möglichkeiten der Business-Class Limousine verirrt. Wo war noch einmal die Ambiente-Beleuchtung? Verflucht? Welche der 64 Farben passt denn nun zu Miami?

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Der Drive-Pilot wird bereits zum Start der Tour aktiviert. Unsicherheit. Erst einmal. Man kennt ja das TESLA-Fiasko. Aber es ist nun einmal kein „Autopilot“, wie es die anderen nennen, es ist und bleibt ein Assistenzsystem auf dem Level 2. Für die Navigation probiere ich also lieber die Sprach-Erkennung aus, damit bleiben die Augen auf der Straße und das „Schreiben“ auf dem Dreh-Drücksteller mag zwar auch funktionieren, ist aber eben nicht so intuitiv. Und überhaupt – was musste man bei den US-Adressen noch einmal beachten? Erst die Hausnummer? Dann die Straße? War der Zielpunkt der Tages-Etappe nun „South“ oder „North“? Dem Comand-System ist es egal. Meinen US-Slang akzeptiert es wohlwollend. Die Suche über die Sprach-Erkennung? Ein Segen. Die Ergebnisse, zu 99.9% auf den Punkt. So muss das mit dem „Assistieren“ laufen. Helfen, nicht nerven. 

Die Augen ermüden, der Drive-Pilot nicht

Nach 250 Meilen ermüden die Augen. Die Eindrücke entlang der Küste Floridas sind berauschend. Das Meer, Strandverläufe und immer wieder die ewig gleichen Kleinstädte. Hier eine Tankstelle von der Kette A, da ein Fastfood-Restaurant von der Kette B und da drüben, wieder ein Shop von Kette C. Bereits am ersten Tag wird klar: Die USA mögen ewig gleich strukturierte Prozessabläufe. Die USA, das Land der Ketten und der Systemgastronomie. Aber damit tut man ihnen unrecht, oder? Dem 300er ist es auf jeden Fall egal. Er schiebt uns, während sein Vierzylinder unter 2.000 Umdrehungen im 9.Gang vor sich hin brummelt, mit überraschender Effizienz in Richtung Tagesziel. Nicht erotisch, der Klang, aber effizient im Antrieb.

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Ja, Kaltstart ist nicht so sein Ding. Müssen wir Benzin tanken, oder nicht doch Diesel? Beim Aufbruch in Richtung Westen, der erste Tag ging an der Ostküste entlang in Richtung Norden, stellt sich die Frage zum ersten Mal. Der 300 mag sich als Effizienz-Wunder präsentieren, aber dafür erfordert er die Nachsicht beim Geräuschbild. Am Anfang dachte ich noch, da wäre das Hosenrohr gerissen. 

Effizient, aber rau

Die Meilen addieren sich. Der Verbrauch sinkt auf knapp 32 mpg. Beim Umrechnen im Handy klappt die Kinnlade herunter.

Die Landschaft verändert sich zum ersten Mal, als wir Texas erreichen und die Golf-Küste verlassen. Aus dem fast tropischen Bild wird ein etwas kargeres. Die Menschen verändern sich. Die Autos, mit denen wir uns die Interstate teilen, verwandeln sich. Aus SUVs und Limousinen werden Pick-Up Trucks. Nicht diese „kleinen Dinger“. Die großen. Mit Zwillings-Bereifung und derben Rußfahnen beim Beschleunigen. Feinstaub und Nox-Emissionen? Die Probleme der anderen. Sowie es so langsam eh mehr und mehr um „die anderen“ geht. 

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Noch den ersten 1.000 Meilen ist der Drive-Pilot zum besten Freund geworden. Keine Interstate vergeht, ohne die Wachsamkeit und Assistenz des Drive-Pilot zu nutzen. Er warnt dich vor Trucks, die unangekündigt die Spur wechseln, er hält dich sicher auf deiner Spur, während du im Satelliten-Radio zwischen Sendeplatz 85 und 179 nach neuer Musik suchst. Und natürlich entspannt er deine Körperhaltung. Die Hände lässiger am Lenkrad, leichte Führung, den rechten Fuß relaxed im Fußraum, weg vom Gaspedal. So gibt dir diese E-Klasse den Freiraum, deine Gedanken schweifen zu lassen. Die Augen auch mal über den Horizont wandern zu lassen. Die Eindrücke mental zu verarbeiten. Vom subtropischen Klima Floridas zur trockenen Landschaft Texas in Richtung Norden, in Richtung Wälder und weit greifenden Bergen. Colorado überrascht am meisten. Den Vierzylinder-Turbo geißeln die Aufstiege auf über 4.000 Höhenmeter. Jetzt, ja jetzt, wäre der E400 die deutlich lockere Wahl. Oder ein 350er Diesel? Doch die USA verstehen den Diesel nicht mehr. Zumindest dann nicht, wenn er ohne Rußwolken auskommt. Ein Diesel ohne Rußwolken – und überhaupt, ein Diesel, ja, doch nur ein Truck-Antrieb. Manchmal kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Bei den Motoren herrscht selige Übereinstimmung und trottelige Vergangenheitsliebe, aber wehe, du fragst nach French-Toast oder Kaffee, von beidem gibt es mehr Varianten als es dem eigenen Cholesterin-Spiegel oder der Magendrüse gut tut. Texas, New Mexico und Colorado sind so völlig anders als die Urlaubsorte an der Ost- und Westküste. Nicht, dass die Menschen nicht freundlich sind. Auf dem ganzen Trip haben wir nicht einen Menschen getroffen, der nicht freundlich war. Aber, es ist anders. Der mittlere Westen ist gläubig. Und manchmal glaubt man sogar die wenig nachvollziehbaren Versprechen eines Verführers mit orangener Haut und merkwürdigen Haupthaar. 

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Atemberaubend

Die anspruchsvolle Landschaft Colorados raubt mit ihrer dünnen Luft nicht nur mir den Atem. Auch der Verbrauch des E300 leidet. 30 mpg sind erst einmal Geschichte. Wie gesagt, „Rightsizing“ des Antriebes ist eine Frage, die mehrschichtig ist. Und manchmal ist mehr, eben gerade richtig. Notiz in der Ringmappe: E-Klasse für den nächsten USA-Roadtrip? Mindestens als 400er Benziner.

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Filmkulisse USA

Von Colorado führt der Weg nach UTAH. Das Land der Canyons. Und wieder ändert sich die Vegetation komplett. Endlose Highways führen in Richtung Horizont. Meile um Meile, geradeaus. Das Tempolimit wird großzügig ausgelegt, die Warnschwelle des Comand-Systems angehoben. Mittlerweile finden die Finger blind zum Untermenü für die Sitzmassage. Nach über 2.800 Meilen ist der Favorit hier klar gefunden. Die „Active Massage“ gewinnt. Der Sound der „kleinen“ Burmester-Anlage liefert das akustische Spektakel für die umwerfenden Eindrücke der Weite. So langsam wirkt das alles wie ein endloses Intro für einen Roland Emmerich Film.

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Aliens und Waffen

Immer wieder die Gedanken, wie das wohl war, als nicht der Stern gen Westen trug, sondern eine Kutsche. Ein Pferd. Die Einsamkeit muss brutal gewesen sein. Der „wilde Westen“? Keine einfache Kulisse, ein Sinnbild für die Anforderungen, die man meistern musste. Eine Historie, die Menschen prägt, eine Geschichte, die erklärt, weswegen man den „Amis“ nicht einfach das „Second Amendment“ wegnehmen kann. In Nevada soll es Aliens geben. Oder wenigstens einen „Extraterestrial Highway“. Wie vieles in den USA verläuft man sich schnell in Touristenfallen – aber abseits der Trampelpfade findet man immer wieder Stellen, an denen einem die Faszination der Weite jegliche Laute raubt. 

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Am vorletzten Tag lockt die Sünde. Las Vegas. Dieses Lichtermeer in der Wüste. Wer „Vegas“ besucht, sollte das mit dem Auto tun. Und er sollte am Abend ankommen. Vegas liegt in einem Tal-Kessel, lange, bevor man ankommt, schimmert der Himmel über der Wüste orange. Nach der endlosen Weite, der Einsamkeit, draußen – wirkt das überdrehte Las Vegas surreal. Überdreht. Zu grell. Wie einige der Lichtfarben der Ambiente-Beleuchtung, wie die volle Dröhnung aus der Burmester-Anlage bei überkommender Müdigkeit.

Vegas zu verlassen, ist so schön wie ankommen.

Noch ein letztes Mal lockt die Wüste. Auch nach über 3.300 Meilen spielen die Sitze in der E-Klasse den perfekten Gastgeber. Warum man sich so gerne auf die E-Klasse als Flottenfahrzeug einlässt? Vermutlich, weil sie auch in der jüngsten Generation ihre klassischen Tugenden nicht vergessen hat. Okay, zu dieser Erkenntnis hätte es vermutlich auch die Strecke Ulm-München getan. Nachdem man sich aber über die gesamte Breite des Nordamerikanischen Kontinent davon überzeugt hat – muss es nochmal erwähnt werden. 

Der Salzgeruch der Westküste überlagert das Beduftungsystem der E-Klasse, als das Ziel sichtbar wird. Die Pier in Santa Monica, Endpunkt der Route 66 durch die USA. Endpunkt einer Reise, die mir am Ende mehr Antworten über die E-Klasse lieferte als über die USA.

Welcome to Drive-Pilot-Habitat-Country, welcome to the U.S.

Die klassische Reise-Limousine ist, auch als 300er, Sieger der Herzen, nicht der Performance und nicht beim Geräuschbild – aber wenn es um die Tugend des „Ankommens“ geht, fährt sie einen klaren Punktsieg ein. Um die USA zu verstehen, gut, dazu muss ich vermutlich noch einmal zurückkommen. Eventuell beim nächsten Mal voll-autonom? Ost-Küste -> West-Küste? Das dürfte dann auch für den „Stern“ eine Herausforderung sein.

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