N24h – Die geilste Runde meines Lebens

N24h – Die geilste Runde meines Lebens

Um mich jetzt zu verstehen, muss man folgendes wissen: Seit 1994 komme ich an den Nürburgring, habe hier die DTM erlebt, habe hier die Formel 1 gesehen und dennoch mein Herz an den Langstrecken-Pokal, früher mal die Veedol-Serie, jetzt die VLN, verpfändet. Und als ich 1997 zum ersten Mal zum 24-Stunden Rennen kam, die Lagerfeuer sah, die Autos hörte, den süßlichen Geruch von verbrannten Bremsbelägen und unverbranntem Benzin roch, da war es endgültig um mich geschehen. Motorsport ist ein Teil meiner automobilen Leidenschaft und die Nordschleife kenne ich von einigen Runden im Touristen-Verkehr. Das 24-Stunden-Rennen gehört seitdem zu meinen absoluten Pflicht-Terminen. Seit 2011 gibt es mein-auto-blog und nach einer paar Experimenten in Teamnähe 2003 und 2004 habe ich meine Position im Presse-Zentrum gefunden. Eigene Fotos machen, nahe am Geschehen sein und dann darüber berichten. 

Das 24-Stunden Rennen 2015 und die vermutlich „geilste Runde“ meines Lebens über die Nürburgring Nordschleife

Einmal im Jahr wird aus dem Zirkus am Nürburgring ein unvergleichlicher Rummelplatz. Einmal im Jahr fahren Rennfahrer durch ein Spalier von Fans, klatschen aus den Rennwagen heraus die Fans ab, spüren hautnah, ungefiltert und nur wenige Minuten vor dem Start zum härtesten Langstrecken-Rennen der Welt die Emotionen der Zuschauer. Es soll Rennfahrer geben, die in diesem Moment „Pipi in die Augen“ bekommen. Dem Feld vorneweg fährt ein Führungsfahrzeug. Darin – 2015 – ich.

Bereits 30 Minuten, bevor es auf die Einführungsrunde geht, stehe ich nervös in der Startaufstellung. Habe mich durch die Zuschauermengen auf der Start- und Zielgeraden gekämpft. Nirgendwo auf der Welt, bei keinem anderen Rennen, egal, wie mistig die Entwicklung derzeit am Ring auch läuft – nirgendwo kommen Fans und aktive Motorsportler näher zusammen. Es ist ein Volksfest, es ist eine unfassbare Party. Es sind Emotionen, die man mit der Hand greifen kann.

einführungsrunde 2

Der Countdown zu 20 Minuten Glückseligkeit

Um Punkt 15:40 führen wir das Feld an. Rollen auf Kommando aus dem Sprechfunkgerät los. Ab jetzt haben wir unsere eigene „Fahrt gegen die Uhr“, sagt mein Fahrer. Gerd lenkt das Führungsfahrzeug. Seit zig Jahren. Jetzt haben wir 20 Minuten, in denen wir das Spitzenfeld, die Startgruppe 1, über die Grand-Prix-Strecke hinaus in die Hatzenbach, über den Flugplatz und die restliche Nordschleife bis zurück zur Start- und Zielgeraden anführen werden. Gerd erzählt mir von den Spielchen der Top-Fahrer. Stets muss er mit einem Auge im Rückspiegel die Fahrzeuge im Blick behalten. Lassen sich die Pole-Setter zurück fallen? Fährt er schnell genug? Zu schnell? Auf keinen Fall darf er vor 16:00 zurück auf die Grand Prix-Strecke einbiegen. Aber auch nicht zu spät.

Als klar wurde, ich würde die Einführungsrunde mitfahren, organisiere ich eine GoPro. Dieses Ereignis muss auf „Band“ festgehalten werden. Es muss kommentiert werden. Man sollte den Sound der GT3-Boliden mitbekommen. Die geliehene Kamera kommt von „echten Profis“ . Wir haben den „Haug-Haken“ noch nicht hinter uns, da macht es „piep,piep,piep“ – und das rote Lämpchen für die Speicherkarte leuchtet. Karte voll. Panisch überlege ich die Alternativen. Dem Typen, der mir die Kamera geliehen hat, dem will ich den Kopf abreißen. Geht nicht, Gerd lässt den Führungswagen am Grip-Niveau seiner Straßenreifen in Richtung Dunlop-Kehre fliegen. Er bremst hart- hinter uns hört man das metallische Kreischen von kalten Bremsbelägen an GT3-Rennfahrzeugen.

einführungsrunde

1.5 kg Wurfgeschoss – 700 Fotos

Bevor ich eingestiegen bin, habe ich mir noch überlegt, sollte ich meine „große“ Kamera, meine DSLR nicht besser zurücklassen? Kamera gegen Helm? Ich entscheide mich dagegen und fahre stattdessen die Seitenscheibe des „niegelnagelneuen“ Audi R8 V10 herunter.  Aus dem Fenster lehnen? Keine Option. Also blind die Kamera hinaus, nach hinten gehalten und den Auslöser gedrückt.

Am Ende werden es 700 Fotos, durch die ich mich arbeiten muss. Wirklich brauchbar sind nur knapp zwanzig. Erst, als wir auf der Döttinger-Höhe die erste Startgruppe in die „Grid-Formation“ führen, wird mir bewusst, was ich da gerade die letzten 15 Minuten getan habe. In meiner Hand eine gut 1.5 Kilogramm schwere Kamera. Ungesichert. Während wir das Starterfeld zum 24h-Rennen 2015 anführen. Was wäre passiert, wenn ich die Kamera aus der Hand verloren hätte? Was wäre passiert, wenn die Kamera dem führenden MarcVDS BMW Z4 GT3 in den Kühlergrill geflogen wäre?

Vermutlich hätte ich dann direkt aus dem Führungsfahrzeug schleichen können. Schauen, dass ich schnellstmöglich aus dem Fahrerlager komme. Doch der „Renngott“ hat Nachsicht walten lassen. Kein Journalist sabotiert das 24h-Rennen. Glück gehabt. Heikle Momente gibt es natürlich im Bereich des Kesselchen und am Pflanzgarten. Der Audi R8 ist ein Serien-Sportwagen, aber er bewegt sich eben nicht wie eine Sänfte. Mein Arm schlägt an die Fensterkante, verkrampft halte ich die Kamera fest und drücke weiter den Auslöser.

einführungsrunde startgrid

Und so schwelge ich heute – gut eine Woche nach dem Event – noch immer in diesen Glücksmomenten. 

Ich höre das Getriebe der GT3-Boliden heulen, als wir die Hatzenbach hinunter rollen, rieche das einzigartige Aroma des 24h-Rennens. Kann endlich verstehen, wovon die Rennfahrer sprechen, wenn sie diese Atmosphäre erwähnen. Da draußen stehen die Fans, sie winken ihren Idolen zu, die Daumen nach oben gereckt

Ich erwische mich dabei, wie ich den Fans zuwinke, merke an den Gesichtern aber sofort – die winken nicht dem überglücklichen Fatzke im Führungsfahrzeug (mir) zu, die winken ihren Helden zu.

Als wir den Bereich Tiergarten erreichen, wird es in der ersten Startgruppe ruhiger. Das wilde Wedeln, das Aufwärmen der Reifen hört auf. GRID – die Startformation wird eingenommen. Immer zwei nebeneinander. Da bleibt auf der schönsten Rennstrecke der Welt nicht viel übrig von der Fahrbahn.

Die Uhr zeigt 15:59, als sich die Führenden kurz zurückfallen lassen, nur wenige Meter bis zur Start- und Zielgerade – wir bremsen kurz, um den Abstand nicht zu groß werden zu lassen – dann biegen wir auf die Startgerade ein. Gerd beschleunigt den Audi R8 voll durch – unter dem Gebrüll des V10 toben wir auf die Grand-Prix Strecke, bis zu dem Augenblick, als der führende BMW das Rennen eröffnet und hinter uns das Armageddon ausbricht. Atemlos in diesem Augenblick. Dieses Geräusch, dutzende GT3 geben Vollgas, werde ich nicht mehr vergessen.

So wie diese eine Runde, diese ganz spezielle Runde … 

 

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Autos und Motorsport – meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden.
Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports.

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N24h2017: Der Renngott lief Amok!

Gibt es irgendeinen Superlativ, mit dem man die letzten 90 Minuten des 24-Stunden Rennens 2017 trefflich beschreiben kann? Unfassbar. Unbegreiflich. Purer Wahnsinn. Amoklauf des Renngottes? Wie auch immer, die letzten 90 Minuten des 24h-Rennens waren nicht für Menschen mit schwachen Herzen. 

Amoklauf des Renngott

Die wahnsinnigen N24-Stunden 2017

Es waren noch genau 91 Minuten und 40 Sekunden bis zum Rennende, als das Drama seinen Lauf nahm. Ein Elektronikdefekt nach dem vorletzten geplanten Boxenstopp liess das bereits dramatische Rennen vollends „explodieren“ – der Land-Audi mit der Startnummer #29 musste langsam über die GrandPrix-Strecke rollen, war ohne Leistung unterwegs. Und auch wenn der notwendig gewordene Boxenstopp nur Sekunden dauerte – aus einem Vorsprung von knapp 2 Minuten wurde ein Rückstand von gut 90 Sekunden. Und ausgerechnet der Teamchef vom dann führenden WRT-Audi R8 LMS GT3 sprach eine alte Rennfahrer-Weisheit gelassen aus: „Noch fast 1.5 Stunden Rennzeit und alles kann passieren“. Es ist die alte Weisheit: „To finish first, you have to finish first“.

Doch der Renngott fing gerade erst an, verrückt zu spielen

Während man bereits versuchte, das Drama des Land-Motorsport Audi R8 in Worte zu fassen, hatte der Renngott noch eine Menge vor. Es sollte das 24h-Rennen am Nürburgring werden, bei dem nur die Sonne schien. Ein neuer Rundenrekord schien am Horizont aufzutauchen. Und dann kamen doch noch die ganz dunklen Wolken. Und die Eifel zeigte in den letzten 30 Minuten, was „Motorsport“ in der Eifel wirklich bedeutet. Man muss immer auf das Verrückteste vorbereitet sein. Immer. Auch wenn man bereits seit Tagen einen Sonnenbrand kassierte, man Probleme hatte, weil es so heiß war, dass man keine Erfahrungen mit den Reifen besaß. 28 Minuten vor Rennende überschlugen sich die Ereignisse. Regen in Adenau. Regen in Breidscheid. Trockene Strecke auf der GrandPrix-Strecke.

„Land geht all-in“

20 Minuten vor Schluss entschied sich die führende Startnummer 9, der WRT-R8, für Slick-Reifen. Eine fatale Entscheidung, wie man Sekunden später feststellte. Und nein, eigentlich hatte die Land-Mannschaft nicht geplant, Regenreifen beim letzten Stopp zu montieren. Bis auch dieser Boxenstopp in die Hose ging. Eine zu frühe Freigabe des R8-Renners, zurückschieben, weiter tanken. Und das war der Augenblick, in dem die Land-Truppe alles auf eine Karte setzte: REGEN-REIFEN, wobei andere nur Sekunden früher, den letzten Stopp mit Slick-Reifen durchführten – RENNGOTT ohne Gnade.

Und diese Regenreifen waren genau richtig! In den letzten 17 Minuten pflügte der der grün-weiße R8 durch die Gischt, die mittlerweile große Teile der Strecke erreicht hatten. In den letzten 15 Minuten war das Regendrama auch für den Vorjahres-Sieger der Schlusspunkt. Der Mercedes-AMG GT3 mit der Startnummer 1 flog im Bereich Metzgesfeld ab.

15 Minuten, in denen Helden geboren werden

Es waren die letzten zwei Runden, gute 15 Minuten, in denen Kelvin van der Linde den Land-Motorsport Audi R8 GT3 wieder in die Führung fuhr. Vom Adenauer-Forst bis zum Kesselchen hat der Land-R8 dem bis dahin führenden WRT-R8 über 2 Minuten abgenommen. 11 Minuten vor Ende rutschte der Führende im Bereich Brünnchen von der Strecke und auch der Zweitplatzierte ROWE-BMW hatte zu kämpfen und 10 Minuten vor Ende zog der Land-R8 am ROWE-BMW vorbei. Eine Runde vor Schluss kommt der WRT-Audi in die Boxengasse und Land übernimmt die Führung.

Damit hatte der DUNLOP bereifte Land-Motorsport Audi R8 LMS GT3 die Führung inne – und dem Renngott ging endlich der Wahnsinn aus. Was ein Drama. Adrenalin bei allen Beteiligten. Und ein mehr als verdienter Sieg für die Mannschaft von Wolfgang Land! 

„Es ist un-fucking-fassbar. Sorry für das Wort, aber ich kann es nicht beschreiben. Eben noch in der Box gestanden mit zwei Minuten Rückstand, und die Jungs haben nicht aufgegeben, weiter gemacht, den Fehler gefunden, behoben. Vielen Dank an Land, an Audi, an meine Teamkollegen. Wahnsinns-Leistung, ich bin megastolz auf unsere Truppe!“

Christopher Mies (Land-Audi #29, Platz 1) auf dem Siegerpodest

Die anderen 23-Stunden waren aber auch nicht langweilig!

Hatte sich der Glickenhaus im Qualifying noch von der schnellsten Seite gezeigt und auch in den ersten 60 Minuten ein echtes Feuerwerk abgebrannt – so ließ der durstige Honda V6-Turbo die Gesamtperformance des SCG003 nicht in Richtung Gesamtsieg abdriften. Eigentlich schade, denn gerade die Truppe von Traum-Motorsport rund um den Ideengeber Jim Glickenhaus, sie hätten mehr als eine Pole-Position verdient gehabt.

AMG feierte 50-Jahre Historie

Auf der Rennstrecke war jedoch schnell klar: In diesem Jahr wird das AMG-Feststpiel nicht fortgesetzt. Die Dominanz der Audi R8 war zu heftig. Während der ROWE-M6 sich zwar am Ende den zweiten Platz sichern konnte, war dennoch sichtbar: Die Performance der R8 konnte man dort nicht mitgehen.

Die BMW haderten vor allem mit ihren Michelin-Reifen. Das bestätigte auch der einzige M6, der nicht mit Michelin bereift ausrückte: Der Falken BMW M6. Bei den Franzosen hatte das Verbot von „Entwicklungs-Reifen“ eine besonders schmerzliche Performance-Lücke hinterlassen. Ähnlich erging es wohl auch den Mercedes-AMG und den Porsche-Werksfahrzeugen.

Es war ein Drama. Es war geil. Es war die beste Werbung für das kommende Jahr! 

Die letzten 3.5 Stunden des Rennens:

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24h-Rennen am Nürburgring 2017: Die Top 10 im Überblick

Rang Fahrer Team-Auto Runden Differenz
1. Mies / De Phillippi / Winkelhock / Van Der Linde Land-Audi #29 158
2. Palttala / Catsburg / Sims / Westbrook ROWE-BMW #98 29.418
3. Müller / Fässler / Frijns / Rast WRT-Audi #9 50.622
4. Wittmann / Blomqvist / Tomczyk / Farfus Schnitzer-BMW #42 6:54.159
5. Engel / Christodoulou / Buurman / Metzger Black-Falcon-Mercedes #1 7:10.835
6. Christensen / Bachler / Siedler / Luhr Frikadelli-Porsche #31 157
7. Weiss / Kainz / Keilwitz / Krumbach WTM-Ferrari #22 1:35.339
8. Dumbreck / Imperatori / Dusseldorp / Seefried Falken-BMW #33 1:58.634
9. Alzen / Arnold / Götz / Van Der Zande Haribo-Mercedes #8 2:31.898
10. Eng / Sims / Martin / Basseng ROWE-BMW #99 3:28.817