Ford Focus ST TDCI – It´s a Diesel!

Der Ford Focus ST: Nicht mehr ganz taufrisch, aber fahraktiv, wie eh und je. Egal ob nun als übersportliches Modell Ford Focus RS mit 350 PS oder als Einstiegsbenziner mit 85 PS: Die sportlichen Gene liegen dem Kölner einfach im Blut. Dennoch vermutet man beim Anblick des gelben Knallbonbons nicht gerade einen schnöden Vierzylinder-Diesel. Aber ist die Kombination aus Focus ST – also einem sportlichen Kompakten – und einem sogenannten „Vernunftsaggregat“ wirklich so schnöde, wie man denkt?

Ich stehe als erster an der Ampel. Auf der rechten Spur. Neben mir hält ein sportlicher Kompakter, rund zehn Jahre alt, knallrot und lässt den Motor aufheulen. Ich drehe mich zu ihm um, schaue in den Wagen und erblicke zwei halbstarke Jungspunde. Der Ford Focus ST zieht die Blicke auf sich, gerade im knalligen Sunset-Gelb-Metallic. Ich zwinkere dem Jungspund zu, nicke einmal verheißungsvoll und deute ihm an, dass ich sein Angebot zum Ampelrennen annehme. Die Ampel springt auf Geld, ich setze den Blinker und biege in aller Ruhe ab, während der rote, turbo-aufgeladene Kompaktsportler mit quietschenden Reifen davonstürmt. Als ob ich mich auf ein Ampelrennen einlassen würde…

Design – Sportlichkeit zum Ausdruck gebracht

Die 17-Zoll-Winterbereifung wirkt etwas schmächtig. Serienmäßig rollt der Focus ST auf 18 Zoll.

Die geschilderte Situation ist nicht erfunden, sondern spielte sich tatsächlich so ab. Was heißt das aber in Bezug auf den Ford Focus ST. Nun: Als unauffälliges Fluchtfahrzeug dient der sonnengelbe Kompakte nicht, da man kaum missachtet wird. Entweder schauen die Leute, weil sie denken, dass man ein oben genannter Halbstarker auf dem Weg zur Diskothek ist, weil ihnen der Sommer fehlt oder weil sie wissen, dass der ST zu den Kräftigen in seiner Klasse zählt.

Zugegeben: Würde man eine andere Farbe wählen, wie etwa „Panther Schwarz“, würde man nicht mehr so stark auffallen. Dabei steht dem Focus „Sunset-Gelb“ außerordentlich gut. Gerade in diesem Ton kommen die sportlichen Insignien des Kompaktsportlers gut zur Geltung. Da wären etwa der weit aufgerissene und sportlich vergitterte Kühlergrill oder die tief heruntergezogene Frontschürze. Seitlich unterstreichen konturierte Schweller den dynamischen Charakter, der durch die schmalbrüstigen 17-Zoll-Leichtmetall-Felgen aber arg leidet. Andererseits muss man dem Focus ST aber zugutehalten, dass er ab Werk auf 18-Zoll-Felgen ausgeliefert wird und die abgebildeten 17-Zöller der Winterbereifung geschuldet waren. Am Heck gibt sich der Sportler im Focus am ehesten zu erkennen: Der ausladende Dachspoiler, die breite Heckschürze und das mittige Auspuffrohr entlarven das dynamische Potential schnell.

Innenraum – Sein und Schein

Kommandozentrale: Das Cockpit gibt sich leicht zu bedienen. Dem ST vorbehalten: 3 Zusatzinstrumente.

Mit sportlichem Potential nimmt es der Innenraum teilweise zu deutlich, andererseits aber wiederum überhaupt nicht so genau. Da wären etwa die Recaro-Sportsitze. Rein optisch machen sie viel her und schmücken den Innenraum hübsch aus. Einmal Platz genommen, sieht man davon aber herzlich wenig und blickt auf ein mächtig in das Interieur hineinragendes, schwarzes Cockpit. Leider fehlt es hier an sportlichem Zierrat: Hübsche hochglanz-schwarzen Blenden, Carbon-Optik oder sonstiger Zierrat glänzen durch Abwesenheit. Hier hätte es etwas mehr sein können.

Weniger wäre bei den Recaros mehr gewesen. Ja, sie packen ordentlich zu. Und ja, so gehört es sich für einen Sportler. Aber im Alltag zwicken die Sessel arg und geben einem das Gefühl, besonders am Allerwertesten zu beleibt zu sein. Das sagen nicht nur der stämmige Autor dieser Zeilen, sondern auch schlanke Frauen. Zudem sind die Sportsitze – seltsamerweise nur fahrerseitig – zu hoch eingebaut. Gerade bei einem dynamischen Kompakten möchte man sportlich tief sitzen, was der Focus ST aber nicht erlaubt. Hinzu kommt das Fehlen einer Lordosenstütze, was wohl der voll elektrischen Verstellung geschuldet ist.

Die packen zu: Die Recaros sind arg eng und hoch montiert.

Beim Platzangebot überzeugt der Focus ST ebenfalls nicht so, wie man es von seiner stattlichen Außenlänge erwarten würde. Zwei (großgewachsene) Erwachsene reisen in der ersten Sitzreihe gut, wenn auch nicht mit übermäßigem Platzangebot. Schuld daran ist das weit in den Innenraum ragende Armaturenbrett, das das Raumgefühl einschränkt. In Reihe zwei geht es ebenfalls nicht gerade fürstlich zu, da die massiven Vordersitze viel Platz für die Knie beanspruchen. Dafür reisen die Hinterbänkler ebenfalls auf von Recaro entworfenen Sitzen, die wirklich angenehm gepolstert sind. Über den Kofferraum kann man indes nicht klagen: Die 363 Liter entsprechen guten Standard, setzten aber zugleich keine Benchmark. Nettes Detail: Alle vier Türen sind mit kleinen Kunststoff-Schienen ausgestattet, die ab einem gewissen Öffnungswinkel der Türen automatisch ausfahren und die eigenen Türkanten, wie auch die Türen anderer Fahrzeuge vor Beulen und Kratzern schützen.

Beim Infotainment gibt es ebenfalls nicht viel zu kritisieren. Das große FordSync-System zeigt sich klar strukturiert und lässt sich schnell durchdringen. Vorbei die Zeiten, in denen Tasten doppelt belegt und in großer Anzahl über die Mittelkonsole verstreut waren. Schön überdies, dass die Klimaregelung über ein separates Panel erfolgt und nicht erst über das Infotainment vorgewählt werden muss – das zeugt vom Praxisnutzen.

Fahreindrücke – Hart aber herzlich

Gut für 185 PS und 400 Nm: Der 2.0 TDCi des Focus ST.

Bislang mimt er den Sportler, der Ford Focus ST TDCI. Schafft er es aber auch, fahrdynamisch zu überzeugen? Die Antwort ist ein klares: Es kommt ganz darauf an! Und zwar darauf, was man sucht. Die Fahrwerksabstimmung macht nämlich auf den ersten Metern klar, dass der Focus ST ein wirklich harter Hund ist. Gerade bei niedrigen bis mittleren Tempi gibt die Feder-Dämpfer-Abstimmung die Fahrbahnbeschaffenheit glasklar wieder – mit allen Nachteilen. So wirkt die Abstimmung bisweilen etwas unwirsch und holpert über Straßen, von denen man nie vermutet hat, dass sie wellig oder gar kariös seien. Bei höheren Geschwindigkeiten wird dieses Verhalten indes besser. Der Kölner gibt sich zwar immer noch straff, teilt aber keine Prügel mehr aus. Dementsprechend deutlich fällt die Empfehlung bezüglich des Fahrprofils aus, sollte man sich für den ST entscheiden. Ist man häufig auf Autobahnen unterwegs, passt diese Abstimmung. Fährt man hingegen häufig in der Stadt, nervt das arg steifbeinige Ansprechverhalten hingegen.

Die Lenkung ist allerdings über jeden Zweifel erhaben. Nicht zu leichtgängig, gibt sie stets sauber Rückmeldung und lässt einen im Klaren, was die Vorderräder gerade machen. Gerade auf winkligen Landstraßen macht sie richtig Spaß und erlaubt mit der geringen Wankneigung der Karosserie eine flotte Partie. Übertreibt man es in Kurven und lupft zudem das Gaspedal, lässt der ST ganz sachte sein Heck agilitätssteigernd ausfahren. Im ersten Moment erschrickt man, um im nächsten Moment gegenzulenken und den angedeuteten Drift mitzunehmen. Irgendwann greift schließlich das ESP nach dem Ford Focus ST und mahnt zur Vernunft. Das geschieht allerdings angenehm spät, enorm feinfühlig abgestimmt und weit entfernt von gefährlich.

Das leuchtende Sunset-Gelb zieht die Blicke auf sich.

Kommen wir zum Antrieb, dem 2.0 TDCI. Der Vierzylinder-Diesel generiert 185 PS und liefert ein maximales Drehmoment von wirklich kräftigen 400 Nm. Sie stehen bei 2.000 U/min bereit und sind mit ein Grund dafür, dass die Vorderräder des Kompaktsportlers leicht durchdrehen. Mitverantwortlich für dieses Verhalten sind wohl auch aufgezogenen Winterräder im schmalen 205er Format. Hat man sich erstmal mit dem Doppelkupplungsgetriebe arrangiert, kann man die Kraft des Kölners in ordentlichen Vortrieb ummünzen. Von null auf 100 km/h geht es in 7,7 Sekunden, Schluss ist bei 217 km/h. Allerdings ist es nicht gerade einfach, sich mit dem Powershift-Getrieb zu einigen. Anstatt auf der satten Drehmoment-Woge zu surfen, schaltet es hektisch runter und hält die Drehzahl unnötig hoch – was gerade bei einem Diesel, der im oberen Drehzahlbereich an Kraft verliert, unnötig ist. Außerdem passt ein knackiges Handschaltgetriebe wohl besser zu einem sportlichen Fahrzeug, das einem mit seiner Anmutung und Fahrwerksabstimmung zweifelsfrei suggeriert, wie der Hase läuft.

Praktisch: Der elektrisch ausfahrende Türkantenschutz.

Dennoch: Vielfahrer werden sich damit zurechtfinden, schließlich stellt die Kombination einen Komfortgewinn dar. So fahren sich Autobahntempi von 170 bis 180 km/h fast von selbst, während der Diesel vernehmlich, aber nicht störend knurrt. Gewöhnungsbedürftig ist allerdings der Soundsymposer, der künstliche Motorengeräusche in den Innenraum leitet und Sportlichkeit verbreiten soll – das braucht es beim Diesel nicht. Ansonsten kann man dem Focus ST TDCi bescheinigen, dass er hält, was sein Äußeres verspricht. Beim Zwischenspurt meint er es ernst, hält bei Geschwindigkeiten von über 200 km/h sauber die Spur und verbraucht – bei sinnvoller Fahrweise – recht wenig.

Fazit – Darf es etwas weniger sein?

Ein Diesel, der Inbegriff des Sparens. Und schenkt man dem Datenblatt Glauben, verbraucht der Kölner nur 4,2 Liter auf 100 km. In der Realität werden daraus eher 6,9 bis sieben Liter, was angesichts der Leistung vollkommen in Ordnung geht. Bei einer längeren Autobahnetappe mit aktiviertem Tempomat bei 140 km/h stellten sich schnell 5,9 Liter ein – was noch respektabler ist. Interessant ist zudem, dass der Focus ST TDCI bei langer Vollgasfahrt nicht mehr als 8,5 Liter nimmt – und das ist wirklich erstaunlich.

Der Focus ist gerade aufgrund seines Fahrwerks ein harter Hund.

Das Aggregat passt also, gibt sich dynamisch, aber genügsam. Nur mit dem Rest haben es die Entwickler etwas zu gut gemeint. Die Abstimmung gelang zu hart, die Sitze zu eng und das Powershift-Getriebe zu hektisch. Hier wäre weniger mehr gewesen. Die Abstimmung passt besser zum Focus RS, ist bei einem Alltagssportler vom Schlage eines ST aber zu rabiat – gerade in Verbindung mit dem Dieselantrieb. Dementsprechend darf der 2.0 Liter Turbo-Benziner mit 250 PS als Empfehlung für den ST gelten, der bessere Fahrleistungen bietet. Außerdem sollte man zur Handschaltung greifen, die besser zum sportlichen Charakter passt. Und wenn es ein Diesel sein soll – was dieser Tage aufgrund von politischem Aktionismus und Dieselaffären kritisch hinterfragt werden muss – dann ohne den Namenszusatz ST. So passt die Kombination.

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Adam Meyer
Ich bin vernarrt in Autos, seit ich denken kann. Bereits im Alter von vier konnte ich alle Autos mit Marke und Typ benennen. Eine Krankheit, die mich begeistert und meine Umwelt auch mal zu Tode nerven kann... :) So hat es sich schließlich entwickelt, dass ich zum Schreiben über die blechgewordenen Träume gekommen bin. Von SUV bis zum Kleinwagen, vom Supersportler bis zum Vernunftsdiesel – ich halte Euch mit News und Fahrberichten auf dem Laufenden und freue mich über Eure Anregungen, Wünsche und Kritik! Lebensmotto: Hubraum ist durch nichts zu ersetzen als durch noch mehr Hurbaum!