Formel 1 – einmal im Leben

Oder:  Letzte Ausfahrt Paul Ricard.

Le Castellet. Freitag der 13.Juni. 7.45 Uhr vor dem Eingang der Rennstrecke Paul Ricard.
Ich befinde mich mit einer Gruppe von Schweizern, Östereichern und Franzosen vor dem Eingang des HighTechTestTrack (HTTT) der Federation Automobile International (FIA), vulgo auch einfach die Rennstrecke von Paul Ricard. Alle wollen wir das Selbe, die Krönung unseres Autofahrerlebens in die Tat umsetzen. Einen Formel 1 selbst fahren. Abergläubisch von uns ist keiner, sonst hätten wir uns nicht Freitag den 13. als Termin geben lassen.

Formel 1 selbst fahren, wer veranstaltet so was?

Seit 1993 bietet das ehemalige französische Formel 1 Rennteam AGS diese Möglichkeit Kunden in aller Welt an. Dabei wird entweder auf der, dem Team eigenen Rennstrecke im südfranzösischen Le Luc, oder als Highlight eben in Paul Ricard gefahren. Der Fuhrpark besteht dabei aus Formel 1 Rennern der Jahre 1999 bis 2003, mit V8 und V10 Motoren, mit normaler sequentieller Schaltung, oder eben mit Formel 1 aktueller Lenkradschaltung.

650 PS bei den Motoren sind die Basis mit Streuung nach oben. 

Wer will kann auch Le Mans Siegerluft in einem Gruppe C Peugeot 905 aus dem Jahr 1993 schnuppern, dem Vorläufer und Gegner der aktuellen LMP1- Prototypenrenner von Peugeot.

Die Auswahl der Fahrzeuge bestimmt die eigene Geldbörse. Wir fahren das Programm 20 Runden , in jeweils 2 Turns mit dem Formel 3 ähnlichen Opel Lotus zum Eingewöhnen, und 4 Runden Formel 1, alle Fahrzeuge mit Lenkradschaltung, also state of the art.
Schulungsraum Rennstrecke Paul Ricard 9.00 Uhr

Nach dem Einkleiden mit Rennkombination, Helm, Handschuhen und Rennfahrerschuhen versammelt sich der bunte Haufen zum Briefing und zur Theorie.

Dabei durchlaufen alle das gleiche Prozedere, egal ob mit oder ohne rennsportliche Vorbelastung. Wir haben zum Beispiel einen aktuellen FIA GT 3 Aston Martin Werkspilot mit dabei, andere sitzen zum ersten Mal im Rennauto. Es geht jedoch bei AGS um das Erlebnis. Zeiten werden keine genommen, und bei Regen fällt Formel 1 fahren aus. Wer sich entdecken lassen will, ist hier fehl am Platz.

Der Chefinstruktor Patrick Gaillard, ehemaliger Formel 1 Pilot auf Ensign, beginnt mit den verschiedenen Kurventechniken, erklärt dabei, wie man durch das Bremsen bei einem Formel- Fahrzeug, das Fahrverhalten beeinflusst. Durch das so genannte degressive Bremsen, also hoher Pedaldruck am Anfang, nachlassend zum Scheitelpunkt hin, bestimmt der Pilot der Formelrenners, nämlich entscheidend, wie gut er ums Eck kommt, untersteuernd oder eben neutral. Wer untersteuernd in die Kurve schiebt muss nämlich länger warten bis er wieder Gas geben kann, Auch das Gasgeben hat progressiv-linear zu erfolgen. Wer den schweren Gasfuss ansatzlos niederfallen lässt, schaut sich den Kurvenausgang schnell noch einmal an, und hat dann die darauf folgende Gerade eher im Rückspiegel als vor sich.
Sprich, er hat sich gedreht. Solche Missgeschicke kommen vor, doch dazu später mehr.

Noch zu erwähnen ist die völlige Abwesenheit von Fahrassistenzsystemen.

ABS,ESP,DSC und wie sie alle heißen mögen, Fehlanzeige. Einzig eine Traktionskontrolle regelt den gar zu ungestümen Umgang mit dem Gaspedal.

So, aber jetzt auf die Piste. Wir besichtigen den Kurs mit dem Teambus, während die Opel- Lotus Renner von den Mechanikern aufgewärmt werden. Dabei haben unsere Instruktoren zur Orientierung, Brems- und Einleckpunkte mit Pylonen, zur Orientierung, markiert. Die Markierungen sind von Anfang an auf den Formel 1 ausgelegt, der eine andere Linie erfordert als die im Vergleich doch etwas schwachbrüstigen Opel-Lotus Renner, stehen hier doch 650 gegen 180 PS.

Wir befahren im Übrigen eine 2,54 Kilometer lange Variante des Kurses von Paul Ricard, die ultralange und legendäre Mistralgerade inklusive. Im Formel 1 im 6.Gang, bis zu einem leichten Knick der Courbes des Signes, der im 5.Gang genommen wird. Paul Ricard bietet im Übrigen seit dem Kauf und Umbau durch Bernie Ecclestone, dem Formel 1 Paten, circa 160 verschiedene Streckenvarianten und weitläufige Sturzräume an, und wird deshalb von der Formel 1, den Le Mans Rennern, und der Autoindustrie intensiv genutzt. Auch die Boxenanlagen und anderen Einrichtungen der auf einem Hochplateau gelegenen Rennstrecke sind Resortlike-luxuriös ausgestattet. Zum Beispiel befindet sich hier auch das Driving Center für Mercedes SLR Besitzer, die ihren automobilen Pretiosen, hier einmal standesgemäß und unbeobachtet die Sporen geben wollen. Abgerundet wird das Areal, durch einen anschließenden Privatflugplatz für Business Jets und Golfplatz. Nebenbei mussten wir auch umfangreiche Sicherheitschecks passieren, um ins Innere zu kommen.

Aber jetzt wird gefahren. Teil 1 Opel Lotus

Formel 1 fahren Le CastelletDie Opel Lotus stehen bereit und jeweils 6 werden gleichzeitig auf die Piste gelassen.
Überholen nur unter blauer Flagge auf der Start- und Zielgeraden also Nachwuchs-Schumis müssen ihre Agression zügeln, und sich ihre Session einteilen, sonst können sie hinter ihren nicht so zügig unterwegs herfahrenden Kollegen, das Rücklicht betrachten.

Marcel, ein Schweizer Speditionsunternehmer und ich sind noch nicht dran, schauen
uns das Treiben der Kollegen an, hören die Schaltübungen, denn die Schaltung ist gewöhnungsbedürftig, man darf nicht zögerlich sein.
Raufgeschaltet wird ohne den Fuß vom Gas zu nehmen, also ohne Zugkraftunterbrechung und runtergeschaltet durch einfaches Ziehen an der linken Schaltwippe. Die Elektronik regelt das Runterschalten dann noch per automatischem Zwischengaseinschub. Die Älteren uns werden sich noch an die selige Spitze-Hacke Technik erinnern, aber das ist Schnee von gestern.

Nach jeder Serie werden wir durch die Instruktoren korrigiert und auf unsere Fehler hingewiesen. Ich sei zum Beispiel etwas zu brutal mit dem Gas meint Patrick. Ich habe aber auch ein bisserl Gewöhnungsschwierigkeiten mit dem Opel Lotus.

Ich bin schon früher nie so richtig mit den Dingern warm geworden. Aber auch das ist Schnee von Gestern. Marcel , mein Schweizer Kollege ist von seiner ersten Ausfahrt in einem Rennfahrzeug, obwohl selbst Porsche-Fahrer, speziell von der Unmittelbarkeit und Direktheit des Fahrgefühls sehr überrascht. Kein Wunder, sein Porsche wiegt ca. 1 Tonne mehr und hat gegen den Opel Lotus nicht den Hauch einer Chance.

Mittagspause. Wir genießen einen vorzüglichen Lunch in einer der Lounges der Boxenanlage. Es wird ein bisserl geratscht, aber noch ist ja nix Ernstes passiert. Man kann also noch ein bisserl ausspannen.

13.15 Uhr Formel 1 Briefing

Jetzt wird´s ernst, wir versammeln uns wieder im Briefingroom. Dort erklärt uns Patrick das Startprozedere mit dem Formel 1 und weist noch einmal auf die Sicherheitsbestimmungen hin. Rote Flashlights an der Strecke bedeutet zum Beispiel-Sofort an die Box-da verstehen die Jungs von AGS keinen Spass.

Teil 2 The real McCoy- Formel 1 Fahren

14.00 Uhr die Motoren laufen warm. Marcel und ich müssen warten, wir sind noch nicht dran und schauen wieder zu. Unser Aston Martin Werkspilot hat heute anscheinend seinen talentfreien Tag, und wird auf Grund seines asymetrischen Fahrstils nach 2 Runden hereingeholt und von Patrick sehr intensiv ins Gebet genommen. Es scheinen sehr eindringliche Worte zu sein, denn Patrick hat vorher alle, auch das Filmteam, weggeschickt. Patrick scheint in diesem Fall Wert auf intensiv-intime Betreuung zu legen. Nach dem Abschluss seines Turns trollt sich unser Aston Pilot, etwas verknautscht, hinter die Boxen. Ich komm ins Grübeln. Scheint nicht so einfach zu sein, dieses Formel 1 Fahren.

einmal formel 1 fahrenMarcel fährt als Erster. Er wird in den AGS-02 geschnallt, und man beginnt ihn an
die Kupplung zu gewöhnen, in dem man den Formel 1 hin und her bewegt, und Marcel den Druckpunkt erfühlen lässt. Dann rauscht Marcel ab, verschwindet aus der Boxengasse, und ist mit dem Formel 1 allein. Als er wiederkommt, ist er erst mal sprachlos, aber schaut happy aus. Er berichtet, dass er in den Schikanen eher hat rollen lassen, aber dass er auf der Geraden mal richtig durchgerissen hat, und die Beschleunigung der Wahnsinn ist.

Schau mir in die Augen, Grosser.

Nun bin ich an der Reihe. Der 99er Arrows von Pedro della Rosa, aktuell McLaren Mercedes Testpilot, rollt vor. Schon lustig, gegen den Burschen bin ich vor 15 Jahren Mal ein Formel 3 Rennen in Nogaro/Südfrankreich gefahren und jetzt wird ich in seinem Formel 1 festgeschnallt, allerdings komme ich in den Formel 1 mit 10 Jahren Verspätung. Naja, alles im Leben braucht seine Zeit, und so schließt sich der Kreis.

Jetzt wird es aber auch bei mir Ernst. Kupplungsrollübung beendet, der Motor wird gestartet. Wie im Briefing besprochen, schau ich auf Patrick. Er bedeutet mir die Drehzahl anzuheben, und zeigt mir dann an die Kupplung kommen zu lassen.
Diese Prozedur geht übrigens leichter, wenn man die Beine vorher trainiert hat, die Vorspannung der Kupplung ist nämlich brutal. Aber egal, nach ein paar Metern Schleifweg greift sie, und ich rolle die Boxengasse runter. Formel 1 Anfahren ist eigentlich ganz easy, und jetzt brauch ich die Kupplung ja nicht mehr, dachte ich.

Ride with the wind- und der Mistral pfeift ein Lied dazu.

Die erste 2. Gang Schikane am Ende der Gerade. Ich bin natürlich aus der Boxengasse heraus noch nicht voll unterwegs. Runterschalten, Einlenken, fühlt sich gut an – das Biest. Dann zum ersten Mal die Mistral-Gerade, ich zappe mich durch die Gänge. Ja bist du behämmert?. Ich versuch den Kopf gerade zu halten-keine Chance. Als ich zum ersten Mal auf die Start-und Zielgerade komm, leg ich den Kopf einfach gegen die Kopfstütze und zappe wieder durch.

2. Runde

Das Vertrauen in das Biest steigt, ich beginne richtig Rennauto zu fahren. Erstaunlich wie easy alles  funktioniert, speziell die Schaltung. Der Formel 1 lässt sich punktgenau platzieren und ist trotz seiner grösseren Ausmass gegenüber dem Opel Lotus, auch in den langsameren Ecken viel präziser zu bewegen.
Das ist eben ein richtiges Rennauto  und wo wir schon einmal beim Loben sind:
Es ist das Rennauto schlechthin. Die Spitze. Eine andere Welt.

3. Runde

Ich werde warm mit dem Ding. Beim Anbremsen zur Schikane nach Start-und Ziel verschwimmt mir schon die Optik durch Vibrationen. Durch die folgende Kurvenkombination geht´s mit einem sauberen Strich. Dann wieder kurze Beschleunigungsphase bis zur Kurvenkombination vor der Mistral-Gerade. Hm, ich glaub ich könnt die Schikane davor noch mehr attackieren. Jetzt wieder Mistral. Zapp,zapp,zapp. Kurz anbremsen,5. Gang, Courbes des Signes. Phänomenal, wie dieses Ding sich auf die Strasse saugt, speziell jetzt in den langgezogenen Kurven nach der Courbes des Signes. Um so schneller du mit dem Ding fährst, um so besser liegt es. Das macht richtig Spaß und hab ich in der Form noch nicht erlebt. Theoretisch kann man mit einem Modernen Formel 1 auch an der Decke entlangfahren, soviel Anpressdruck entwickelt er.

4. Runde

Ok. die letzte Runde. Maximum Attack. Ich bin im Rhythmus. Anbremsen nach Start und Ziel. 2.Gang. Dritter Gang. Durch die Kurvenkombination nach der Schikane. Hoch beschleunigen zur nächsten Kombination vor der Mistral. Später Bremspunkt, sehr später Bremspunkt !!!!. Pfiiiiihhh,quietsch-Stille. Das Biest hat zurück gebissen  Ich steh rückwärts. So schnell hab ich mich auch noch nicht gedreht. Ich glaub, ich hab noch nicht mal die Chance zum Gegenlenken gehabt, so schnell ist das gegangen.
Ich hab das Auto unterm Bremsen verloren, weil der Anpressdruck an dieser Stelle, auf Grund der relativ geringen Geschwindigkeit gering ist. Kurz überbremst, Hinterachse entlastet – und der Dreher war perfekt. So gewinnt man keine Rennen, es gilt der Spruch  „Um als Erster anzukommen, musst du erst mal ankommen.“

Die Jungs von AGS lassen mich gnädigerweise den Rest der Runde noch an die Box zurückfahren und ich komm noch mal zu einer zusätzlichen Anfahrübung im Formel 1.

Ich schau noch ein wenig den anderen Formel 1 Piloten zu. Bewundere den Le Mans Peugeot von 1993 bei seinen Runden und wundere mich mal wieder einmal, was die Franzosen sich so alles trauen. Der Peugeot ist nämlich ein diffiziles Teil und wird mit dem Laptop ans Laufen gebracht. Aber es geht. Aber um 17.00 Uhr ist Schluss, es gibt Diplome und den ersten Alkohol des Tages. Ein Schluck Champagner, wie das so in Frankreich üblich ist. Ich krieg noch einen Rüffel von Patrick, wegen meines Drehers, aber trotzdem ein Diplom, so dass ich mich jetzt einen Ex- Formel 1 Fahrer nennen darf 😉

 

 

PS.: Der Autor ist von der Rennsportlichen Materie nicht ganz unbeleckt und hat sich in diversen Formelrennserien und Ländern über Formel Ford, Formel 3 und Formel Atlantic, sowie wie als Instruktor in Rennfahrer-Schulen, ausgetobt. Und er bleibt ungenannt 😉 Der arme Autor.

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Bjoern
Autos und Motorsport - meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden. Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports. http://about.me/bhabegger