Bentley Continental GT3-R: Lockruf aus Le Mans

Bentley Continental GT3-R: Lockruf aus Le Mans

Heute gibt es nichts besseres, um zum 24-Stunden-Rennen nach Le Mans zu kommen, als einen Hubschrauber. Doch wer Stil hat, der reist auf eigener Achse an die Sarthe. So haben es die Rennsportfans schließlich schon gemacht, als der Hubschrauber noch gar nicht erfunden war. Und so machen sie es noch heute, vor allem wenn sie aus England kommen. Dabei zeigen die Flotten von Ferrari, Rolls-Royce oder Bentley auf den Campingwiesen um die Rennstrecke, dass die Autos für dieses Abenteuer gar nicht teuer genug sein können.

Wenn im Juni die nächste Auflage des Langstrecken-Klassikers startet, dürften sich deshalb auch ein paar neue Autos aus Crewe in den Pulk in die französische Provinz mischen. Denn speziell für die Fans der FIA-Langstreckenmeisterschaft hat Bentley jetzt in einer Kleinserie von 300 Exemplaren den Continental GT3-R aufgelegt. Inspiriert vom ausgesprochen erfolgreichen Rundstrecken-Renner versteht er sich als die sportlichste und schärfste Variante des Coupés und mischt so ein bisschen Benzingeruch in den Duft von Lack und Leder.

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Damit beschwören die Briten den Geist der Bentley Boys herauf, die in den Zwanzigern mit ihren halsbrecherischen Rekordfahrten Geschichte geschrieben und den sportlichen Ruf der Marke begründet haben. Und natürlich zitieren sie in ein paar Details wie den Nüstern auf der Motorhabe, dem Flügel auf dem Heck und den Schriftzügen auf den Kotflügeln den echten Rennwagen.

Doch wer sich auf den GT3-R einlässt muss deshalb trotzdem nicht darben. Man sitzt noch immer auf klimatisierten Ledersesseln und bedient bleischwere Lüfter, die so nobel wirken wie die Register einer Kirchenorgel. Das Leder ist samtweich und aufwändig gesteppt, es gibt elektrische Helfer für jeden, aber auch wirklich jeden Handgriff. Und natürlich surrt beim Einsteigen von hinten der Gurtbringer heran. Erst beim Blick in den Spiegel stellt man fest, dass die Ingenieure dem Leichtbau zumindest die Rückbank geopfert haben. Aber das ist selbst bei einem Luxusauto dieser Couleur kein Verlust. Denn wer will schon im Fond mitfahren, wenn vorne einer dem Lockruf aus Le Mans folgt. Da meutert selbst der stärkste Magen.

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Wie es sich für ein sportliches Sondermodell gehört, hat Bentley für den GT3-R auch noch einmal am Motor geschraubt. Weil sich der sechs Liter große Zwölfzylinder aus Gründen der Balance von selbst verbietet, fährt auch der zivile GT3 mit dem V8-Motor aus Ingolstadt. Leistet das Vierliter-Triebwerk im V8S schon 528 PS, kommt es im Rennlivrée dauerhaft auf 425 kW/580 PS und 700 Nm. Beim Kickdown sind für 15 Sekunden sogar 441 kW/600 PS und 750 Nm abrufbar.

Das klingt imposant und ist es natürlich auch. Aber mal ganz ehrlich: Schon der gewöhnliche V8S ist so potent, dass man den Unterschied selbst bei einem Dickschiff von knappen 2,5 Tonnen auf normaler Strecke nicht ernsthaft spüren kann. Und wer treibt so einen Luxusliner schon über die Nordschleife, bloß weil er den Smoking gegen einen Trainingsanzug getauscht hat.

Dabei würde sich der Wagen dort nicht einmal schlecht machen. Immerhin dämpft die Luftfederung jetzt ein bisschen bestimmter, der Allrad verteilt die Kraft etwas dynamischer und das Getriebe ist für schnellere Sprints ein wenig kürzer übersetzt. So wirkt der GT3-R fast schon behände, wenn man ihm tatsächlich mal die Sporen gibt und ein paar Kurven etwas schneller nimmt. Klar gibt es schneidigere Sportwagen und welche die leichter ums Eck gehen – aber für ein Auto mit dem Gewicht eines Elefanten und der Statur eines Nilpferds macht der eilige Engländer dabei eine überraschend gute Figur.

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Allein, es wird kaum je jemand herausfinden. Denn die Zeiten der Bentley Boys sind ein für alle Mal vorbei, und selbst die Cannonball-Rennen als moderne Neuinterpretation der alten Wettfahrten sind mittlerweile Marketingshows von Selbstdarstellern geworden, mit denen man sich lieber nicht sehen lässt.

Deshalb genießt man auch den GT3-R am besten als potenten Powercruiser, lässt den V8 leise im Drehzahlkeller brabbeln und freut sich am Wissen, dass man ja könnte, wenn man nur wollte. Den Unterschied zum Serienmodell merkt man dann allerdings allenfalls beim Blick ins Datenblatt. Denn nicht nur Leistung und Drehmoment sind unerreicht. Auch ein Spitzentempo von 304 km/h ist nicht schlecht. Und mit seinen 3,7 Sekunden von 0 auf 100 ist der GT3-R der schnellste Sprinter in der Geschichte der Bentley-Serienmodelle. Und falls man sich doch mal rückvergewissern möchte, muss man nur mal kurz aufs Gaspedal steigen – zur Not sogar im Leerlauf. Denn sobald die Drehzahl über 3.000 Touren klettert, rotzt und sprotzt der V8 so unflätig durch den neuen Titan-Auspuff wie es sich eben doch nur ein echter Sportwagen erlauben kann.

Ein bisschen leichter und ein wenig stärker als das Serienmodell, außen und innen mit jeder Menge Karbon auf Krawall gebürstet aber trotzdem noch luxuriös und komfortabel ohne jede Einschränkung – damit ist der GT3-R genau das richtige Auto für die Bentley-Boys von heute. Zum Snobismus und zum Benzin im Blut braucht man für dieses Auto allerdings noch etwas anderes, was schon die Herren Barnato, d’Erlanger & Co einte: ein gewisses Vermögen. Denn wo schon der normale V8S für 184.450 Euro kein billiges Vergnügen ist, schlagen die Briten beim GT3-R noch einmal 50 Prozent auf und verlangen stolze 282 625 Euro.

Autor: Benjamin Bessinger/SP-X

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