Der e-Golf. Voll doof. Oder?

Der e-Golf. Voll doof. Oder?

Tom wieder. Wieder einmal Tom. So langsam habe ich das Gefühl, der Tom foppt mich. Erst will er die 18-Zoll Räder Idee von Formel 1-Reifenausrüster Pirelli mit aller Macht doof finden (hier lang zum Artikel) und jetzt behauptet er, die bei VW würden gar kein „richtiges Elektroauto“ bauen. Und weil sie das nicht tun, brauchen sie auch nicht mit Vorurteilen aufzuräumen.

Hm. Da finde ich gleich zwei Denkfehler.

Warum der e-Golf das Beste ist, was der Elektromobilität passieren konnte

Volkswagen e-Golf, die VW-e-Golf-Kampagne und Tom

Volkswagen hat vier lustige Spots auf Youtube gestellt. Das jeweilige Script sieht einen „Mythbuster“ vor, der mit den gängigen Vorurteilen zum Thema Elektromobilität aufräumen soll. Okay, der Schauspieler ist in seinem CI-blauen Anzug ein wenig affig – aber der Rest der Werbung ist extrem gut pointiert.

Es sind diese vier Vorurteile die man, in der Tat, häufiger hört. Sobald es um die e-Mobilität geht, haben die Menschen Berührungsängste. Und wer Berührungsängste hat – der sucht sich Ausreden. Argumente nennt er diese Ausreden dann. Im Falle der E-Mobilität-Angst geht es allerdings wirklich nur um Ausreden. Und die vier von Volkswagen thematisierten Punkte sind genau die, um die es sich immer wieder dreht.

In den Werbespots hat sich VW den Ausreden angenommen und schön widerlegt. Finde ich. 

Tom sieht das anders. Vor allem findet er, ausgerechnet Volkswagen dürfte sich nicht zum „Erklärbär“ für die e-Mobilität hervortun, den deren e-Golf ist ja nur ein „nachträglich elektrifiziertes konventionelles“ Auto. Er versteht den e-Golf gar als „verpassten Schritt“ in die Richtung Zukunft und führt stattdessen den BMW i3 ins Feld. Ein e-Auto, konzipiert, nur als e-Auto. Das wäre der Fortschritt den wir brauchen?

Ist das so? Ist der e-Golf kein echtes Elektroauto?

Quatsch. Ich bin den e-Golf gefahren und bin zu einem völlig anderen Ergebnis gekommen:

Auch der e-Golf ist nur ein Golf aber genau deswegen steht ihm die größte Aufmerksamkeit im E-Auto-Segment zu! Volkswagen demonstriert mit dem e-Golf, wie pragmatisch die Elektrifizierung eines Massen-Mobils sein kann.  Sie sind mit dem e-Golf spät dran und der Patriarch hat dem e-Mobil eigentlich erst vor kurzem eine Abfuhr erteilt. Dennoch, der e-Golf ist schlicht das beste Elektroauto das ich bisher gefahren bin. Ein Wolfsburger Meilenstein.

Fahrbericht e-Golf März 2014

Viele Automobil-Hersteller haben sich bislang am Elektromobil versucht. Viele sind gescheitert. Einige haben sich als Pioniere hervorgetan. Mitsubishi zum Beispiel. Der i-MiEV hat trotz furchtbaren Namen und einem gewöhnungsbedürftigen Design, den Sprung in mein Herzen geschafft. Er war das erste e-Mobil für Endkunden, ganz einfach zu bestellen, beim bekannten Mitsubishi-Händler vor Ort. Keine Extravaganzen im Vertrieb. Einfach in Serie.

Oder der Nissan Leaf. In Europa das erfolgreichste Elektroauto. Das Design war gewöhnungsbedürftig, orientierte sich aber ganz klar am C-Segment (Golf-Klasse).

Und dann gibt es den Pionier, den Tom meint. Diese designtechnische „Audi A2 Kopie“ in Karbon und mit einem – speziell für die E-Mobilität – geschaffenem Design, aus München. Den i3. Tom bezeichnet diese Gattung als „echte Elektroautos“.

Echte und falsche Elektromobilität

Der Weg von BMW ist effekthaschend. Eine teure Carbon-Karosserie, ein Fahrzeug speziell konstruiert für den Elektroantrieb. Dazu ein Design mit klaren Verfallsdatum. Lustige Ideen, aber viel zu kompliziert gedacht. E-Autos sollen als E-Autos erkannt werden und ein E-Auto müsse rund um seinen Antrieb konzipiert werden. So sieht es Tom.  Und andere (einer, da auf Facebook) stimmen ein und sagen es wäre viel, viel klüger, ein E-Auto so zu bauen wie es BMW macht. Oder Tesla.

Ich sehe das völlig anders.

Wenn wir Elektromobilität endlich in der Breite nutzen wollen, dann müssen zwei Punkte angegangen werden:

  1. Kontakthürden
  2. Produktkosten

Die Kontakthürden müssen niedergerissen werden. Wir hatten das Experiment mit dem E-Auto, das als E-Auto erkannt werden muss. Mitsubishi, Citroën und Peugeot haben den i-MiEV vermarktet, der Erfolg bleibt überschaubar. Der Twizy ist ein Reinfall. Der Renault ZOE und der Nissan Leaf Punkten mit einem Design, dass sich an der aktuellen Mode orientiert.

Der i3 bekommt derzeit nur den Bonus der Extravaganz zugeschrieben. Aber er ist teuer. Und deswegen müssen, neben den Kontakthürden aufgrund des Designs, die Produktkosten gesenkt werden. Ein E-Auto muss im Wettbewerb zu den klassischen Antriebsformen stehen und bestehen.

Da ist die Entwicklung eines Nischenmodells jedoch kontraproduktiv. Auch die Fertigung von Fahrzeugen in Sonderwerkstoffen ist kontraproduktiv. Der richtige Weg kommt aus Wolfsburg. (Ist halt einfach so)

Eine bekannte Hülle und eine Plattform-Technik ist die Lösung!

VW e-Golf und e-Up! sehen aus, wie ihre Benzin-Brüder. Das nimmt den Menschen die Hemmungen. Und die Entwicklung auf Basis einer Plattform (e-Golf) senkt die Kosten für die neue Technik.

Tom spricht davon, dass ein Elektroauto um seinen Antrieb herum konstruiert werden muss. Ich behaupte ja, dass trifft auf jedes Auto zu. Bevor ich ein Auto konstruiere, überlege ich mir – wo sitzt der Motor und welche Achse wird angetrieben.

600x400+-+Antriebssysteme+im+MQB+-++dt.+DB2012AL00070_smallDem MQB-Baukasten nun vorzuwerfen, er würde auch Diesel, auch Benzin, auch Hybrid, auch Gasantriebe – neben dem Elektroantrieb – ermöglichen und sei deswegen keine E-Mobil-orientierte Lösung, ist schlicht nicht fair. Ach, es ist einfach falsch! Den MQB-Baukasten des VW-Konzerns kann man sich vorstellen, wie ein Lego-Bausatz. Die Hülle bleibt, aber die Technik darunter wird angepasst. Und zwar auf einer Fertigungslinie in der Fabrik. Und nur dieser Ansatz wird die Kosten für Elektromobile so weit senken, dass überhaupt ein wirtschaftlicher Erfolg machbar wird.  Und genau deswegen ist es wesentlich klüger, was in Wolfsburg entwickelt wurde. Denn mit dieser Technik wird man die sehr unterschiedlichen Ansprüche der kommenden Käufergenerationen befriedigen können. Und man darf nicht vergessen: Der MQB des VW-Konzerns skaliert einmal quer durch die Produktpalette. Einen e-Beetle, ein e-Golf Cabrio, einen e-Golf Variant, einen e-Passat, einen e-CC, einen … usw wird es bei VW dank dieser Technik innerhalb von wenigen Monaten geben. Ohne das man hierfür die Carbon-Hülle und das ganze Layout neu erfinden muss.

Der Weg von Tesla und BMW ist der teure Weg, für ein Modell. VW hat die Plattform entwickelt und packt die Hülle darum, die der Kunde wünscht – das ist der wirklich clevere Weg!

Was man VW vorwerfen kann ist nur die Tatsache, dass sie dazu ewig gebraucht haben und das man, nüchtern wie die Wolfsburger sind, die Show vernachlässigt. Aber hey – genau das finde ich gut!

 

Will ich Show, oder will ich Funktion?

Und der zweite Denkfehler ist die Frage, wer die „Kunden“ aufklären soll. Aus Sicht der Mitbewerber erlaubt sich VW hier einen Bärendienst. Denn 3/4 der Werbe-Kampagne gilt für alle e-Auto-Hersteller. Ist also keine Werbung die nur VW nutzt, sondern eine, die der gesamten E-Auto-Mobilität nutzt! Umso besser!

 

 

 

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Bjoern
Autos und Motorsport - meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden. Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports. http://about.me/bhabegger

4 Comments

  1. „Show oder Funktion“ – ich glaub ja nicht, dass Autos emotional gekauft werden und nicht nach den 1000-Punkte-Tests. Die sind Post-Rationalisierung. Und dann haben wir i3 (Show, ob man sie mag oder nicht) und Golf (no Show). Für ungefähr den gleichen Preis.

    1. Und dann vergleichen wir den Nutzwert. Und wenn es nach Show geht, oder no Show, dann wird auf Dauer der siegen, der die besseren Argumente (Funktionen, Möglichkeiten, Varianten) hat. Und das ist dann eben keine sündig teure Carbon-Karosse für jedes Modell.