Die Ladesäulenverordnung, eine politische Bankrotterklärung

Die Ladesäulenverordnung, eine politische Bankrotterklärung

Am 28.10.2015 behandelte das Bundeskabinett die Verordnung über technische Mindestanforderungen an den sicheren und interoperablen Aufbau und Betrieb von öffentlich zugänglichen Ladepunkten für Elektromobile. Sie beinhaltet klare, verbindliche Regelungen zu den Steckerstandards und stellt eine Kontrolle der Vorgaben sowie die technische Sicherheit der Anlagen sicher.

Bis hierhin liest sich die Nachricht wie eine längst überfällige und notwendige Entscheidung, die lang ersehnte Planungssicherheit für Kommunen, Betreiber und Nutzer liefert. Es könnte das Ende der „Henne-Ei“-Diskussion sein. Endlich klare Strukturen, die dazu dienen sollen, den Markthochlauf in Richtung 1 Millionen-Ziel 2020 zu schaffen.

Doch weit gefehlt. Wieso sollte es auch anders sein als bisher.

Verbände wie der BEE, einige europäische Nachbarstaaten (Großbritannien, Finnland, Schweden und Dänemark), aber auch die betroffene deutsche Industrie selbst wehren sich seit letzter Woche massiv gegen den Entwurf der Ladesäulenverordnung. Es ist die Rede vom “politischem Kurzschluss beim Laden von Elektroautos” und der LSV als “Sargnagel sowohl für die Bestandserhaltung als auch den Ausbau der Elektromobilität“.

Rückblick:

Anfang 2010 bereits einigten sich die japanischen Hersteller Mitsubishi, Nissan und weitere Partner auf ein einheitliches Schnellladesystem namens CHAdeMO. Mit bis zu 50 kW sind schnellstmöglich 80% der Batterie in ca. 25 Minuten geladen. Auch die Normalladung war bereits damals standardisiert möglich. Über einen Adapter  kann man seitdem von dem sogenannten Typ 1 Stecker auf Schuko normalen Haushaltstrom laden. Es hätte so einfach sein können.

Dass sich die deutschen Hersteller nicht auf den existierenden Standard einließen, kann man mit Industriepolitik abtun. Im Vergleich mit anderen Branchen ist es aber nicht ungewöhnlich, dass man sich nicht auf Standards einigen kann oder will.

Somit entstand, ohne Fahrzeuge und Stecker auf dem Markt zu haben, sehr schnell Einigkeit darüber, dass man CHAdeMO nicht implementieren will und dafür einen eigenen Standard setzt. CSS – das Combine Charging System, das in einer Dose zwei Stecker für normales und schnelles Laden vereint. Zugegeben, technisch gut gelöst, weniger Platzbedarf an der „Tankklappe“, aber dennoch auch ein unförmiger schwerer und nicht leicht bedienbarer Stecker-Trum. Also nichts Neues. Seit fast zwei Jahren ist immerhin eine europäische Einigkeit darüber entstanden, mit welchem Stecker zukünftig öffentlich normal geladen werden soll. Der Typ 2, auch Mennekes genannt. Alle älteren Modelle behelfen sich mit einem schnell entwickelten Adapterkabel und sind somit nicht diskriminiert.

Heute, Jahre später, stellt sich die Situation allerdings so dar: Jeder, der aus eigenem Markt- und Marketinginteresse Schnellladestationen aufstellt, greift sinnvollerweise auf den technologieoffenen Ansatz eines Triple Charger zurück. Drei Stecker – drei Autos. „Japaner“ und „Deutsche“ laden schnell, aber für jedermann gibt es auch noch den dritten Stecker mit Typ 2. Diskriminierungsfreie Ladeinfrastruktur nennt man das. Aldi Süd, Tank und Rast, jetzt IKEA. Alle stellen Triple-Charger auf. Weitere werden folgen. Auch Städte wie Hamburg und Berlin gehen klar auf die offene Plattform.

Aber, sobald es sich um ein Projekt mit Beteiligung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) handelt, sieht die Sache leider anders aus. Und so entwickelte sich das ehemals industriepolitisch geprägte Thema der Ladesäulen-Verordnung und der angesprochene und seit Jahren andauernde Stecker-Streit (Typ 1, Typ 2, CHAdeMO, CCS), immer mehr zu einem Politikum und zu einer Farce.

Erst SLAM, das große Schnellladestationen-Projekt für deutsche Autobahnen und Metropolregionen, salopp mittlerweile in der Branche auch als SLAMassel bezeichnet, einer der bisherigen Höhepunkte an Diskriminierung, Borniertheit und Regungslosigkeit. Dann das A9-Projekt mit diskriminierender Ladeinfrastruktur zwischen München und Leipzig, bei dem nach Auslauf der Förderung Ende 2015 kein Projektpartner übernimmt. Und nun die LSV – die deutsche Ladesäulenverordnung, für die sich das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie verantwortlich zeigt. Scheinbar könnte man die Liste so unendlich und beliebig weiterführen. In erster Linie geht es bei der LSV um die Umsetzung der europäischen Richtlinie auf deutscher Landesebene. Dies aber leider weder technologieoffen noch betreiberfreundlich.

Hierzu eine kleine Zitatensammlung:

–          Praktisch zwangsweise Öffnung aller Ladesäulen für den öffentlichen Zugang bremst die Entwicklung von Ladeinfrastruktur im privaten Bereich (z.B. Hotel oder Restaurant) aus. (Freshfields Bruckhaus Deringer, Berlin).

–          Keine konkreten Vorgaben hinsichtlich der technischen Ausgestaltung für den Netzanschluss von Ladesäulen. (BEE)

–          Beim Aufbau der erforderlichen Ladesäuleninfrastruktur wird nicht auf den Markt vertraut, stattdessen ist die Schaffung einer neuen Registrierungsstelle vorgesehen. (BEE)

–          Hohe Hürden für private Investitionen in Elektromobilität. (VKU)

–          Weitere Hürden zum Ausbau einer öffentlich zugänglichen Ladeinfrastruktur durch neue Datenmeldeverpflichtungen und die bürokratischen technischen Prüfungen durch die Bundesnetzagentur mit Vorlauffristen. (VKU)

–          Nicht richtlinienkonform und verstößt  außerdem gegen EU-Recht als auch gegen Grundrechte. (TESLA)

–          Die LSV ist für private Betreiber von öffentlich zugänglicher Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge der Sargnagel sowohl für die Bestandserhaltung als auch den Ausbau von Ladesäulen und -Boxen. (BSM)

Man merkt, die Bundesregierung und ihre Gremien haben keinen Überblick über den aktuellen Markt und seine realen Zahlen und verlieren Tag für Tag den Anschluss an Europa.

Ein Schlag ins Gesicht aller, die die Elektromobilität nach vorne bringen wollen und Zukunft gestalten möchten!

Erneut ein Beispiel dafür, wie weder eine Energiewende noch eine Wärmewende noch eine Verkehrswende verstanden worden sind, geschweigen denn zielführend umgesetzt werden.

Es wird immer mehr zu einer Farce!

 

Ein Kommentar von Peter Siegert.

Peter glaubt nicht nur an die Elektromobilität, er ist sogar an vorderster Front dabei und berät als Key Account Green Mobility mit Mitsubishi die Bundesregierung. Wie das Kinde zur Jungfrau Maria ist Peter zur Autobranche gekommen: Begonnen hat sein Werdegang mit der Gestaltung wunderschöner Landschaften. Später verhinderte er in der Spielzeugindustrie, dass Kinder giftige Chemikalien an ihren Spielzeugen annuckeln. Nun bringt er auch die grüne Revolution in die Autobranche. Du glaubst nicht, dass man mit Autos auch Häuser mit Strom versorgen kann?

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