Erste Fahrt: Mercedes-Maybach S600

Erste Fahrt: Mercedes-Maybach S600

Es sind nur 50 Kilogramm mehr an Gewicht, aber immerhin 20 Zentimeter mehr an Länge. Beides beeindruckt mich. Beides sorgt für ein Gefühl der Vollkommenheit, ein Gefühl des Überflusses. Luxus wird darin geformt. Ausgeformt.

Mit dem neuen Mercedes-Maybach S600 öffnet Mercedes-Benz das Kapitel „Luxus-Chauffeurslimousine“ noch einmal. Über den Erfolg der ersten Maybach-Reanimation wollen wir an dieser Stelle nicht mehr philosophieren. Lasst die Toten ruhen. Oder so.

Dieses Mal machen wir alles anders, dieses Mal machen wir alles besser. So wird man es sich gedacht haben im Herzen der Daimler-Zentrale.

„Dieses Auto ist, so wie es hier steht, der Konkurrenz überlegen“.

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Zitat: Dr. Storp, Chefingenieur der S-Klasse, Foto aus dem Video-Clip von 5komma6

Erste Fahrt im neuen Mercedes-Maybach S600

Schlaftrunken

Man kennt dieses Gefühl. Ich hoffe, der Leser kennt es, sonst wird es jetzt schwierig. Diese wohlige Schwere. Dieses befriedigte Herunterklappen der Augenlider nach dem vierten Glas Wein, einem langen Flug und langen Tagen voller Arbeit. Man will sich umdrehen, schlafen. Weil der Körper alle Signale sendet, nun endlich zur Ruhe kommen zu wollen.

Die „Testfahrt“ mit dem neuen Mercedes-Maybach S600 war die erste Testfahrt, die nicht vorne links hinter dem wohl belederten und noch wohliger temperierten Volant des Testwagens stattfand. Stattdessen hinten rechts, im vermutlich bequemsten Einzelsitz der Welt, der nicht nur nach Leder riecht, sondern auch massieren kann und das auch bei Tempo 120 auf der Autobahn. Wobei die Autobahn und deren Einflüsse außen vor bleiben. Aber das liegt nicht so sehr am Sitz, das liegt unter anderem an den 20 Zentimetern mehr Außenlänge und den 50 Kilogramm mehr Gewicht.

Und in meinem Fall waren es auch keine vier Glaserl Wein, es war nur eines. Aber JetLag und Reisezeit taten ihr übriges. Eventuell lag es auch einfach nur an den Sitzen und der Ruhe. Aber nach dem Einsteigen dauerte es kaum mehr als 45 Sekunden, bis die Augenlider schwer wurden, der Kopf sich zweimal heimelig in das Kissen wog und ich in meinen Gedanken nur schwer bei den Fakten bleiben konnte.

Wie war das? Der Maybach ist auch „nur“ eine S-Klasse?

Ja, aber eben rund 20 Zentimeter länger. Das kann dann schon den Unterschied zwischen beeindruckend und sehr beeindruckend ausmachen. Die 50 Kilogramm mehr Gewicht kommen von den „kleinen“ Ideen mit den großen Effekten. Türdichtungsprofile, die vom klassischen Lippenprofil auf dicke Schlauchprofile umgestellt wurden, damit auch wirklich kein Windgesäusel den Schlaf der Schönen und Reichen stört.

Zusätzliche Dicht- und Dämmfolien unter der Sitzanlage im Fond, eine Motorraum-Kapselung für den V12-Turbobenziner, mit der man sonst den Dieselmotor zum Schweigen bringen will. Oder spezielle Dämpfungen in den Felgen, damit man auch die lästigen Schwing- und Dröhngeräusche aus dem Reifen eliminiert. Montiert wird der Goodyear Eagle F1 und mit dem zusätzlichen Geräuschdämpfer wird das gesamte Fahrwerk zum Flüsterwerk.

Viel Aufwand im Detail für den zweiten Maybach-Versuch. Dieses Mal wird kein neuer Aufwasch in zwei Radstand-Varianten die schwarze Null bringen, dieses Mal wird Mercedes aus der „Marke Maybach“ eine eigene Luxus-Linie für die Luxus-Welt der Mercedes-Automobile formen. Einen Maybach-SUV? Ja, warum nicht? Einen Maybach ohne Dach? Ja, vermutlich auch.

mercedes maybach s60021 testfahrt usa

Einen Maybach ohne V12? Gibt es schon!

Wer auf die 830 Nm des Bi-Turbo V12 im aristokratisch anmutenden S600 Maybach verzichten kann oder wer seinen Chauffeur einfach nicht zu sehr in Versuchung führen will, der kann sich die kultivierte Freiheit und den Luxus von Raum und Ruhe auch mit einem Achtzylinder gönnen und den S500 Mercedes-Maybach ordern. Doch dann fehlt ein elementarer Baustein. Das typischer Anlassergeräusch des Zwölfzylinders. Kennen Sie nicht? Puh. Das sagt viel über Sie aus! Denken Sie da mal darüber nach. 

Aber egal, ob 455 PS im V8 oder 530 PS im V12, egal, ob 7-Gänge im V12 oder 9 im V8,  der Luxus des Mercedes-Maybach ist sein Fahrkomfort, seine Ruhe, sein edler Charakter.

Das darunter „nur“ die S-Klasse steckt, lässt sich am Kaufpreis ablesen. Ein Mercedes-Maybach fängt bereits bei 134.053,50 € an. Das klingt nach einem Schnäppchen. Nicht? Nun – es ist auf jeden Fall ein klares Zeichen. Mit dem neuen Maybach wird man die Fehler des „alten“ Maybach nicht wiederholen, denn vom „Geld ausgeben wurde noch niemand reich„.

mercedes maybach s60020 testfahrt usa

Schnarchend bei 200 km/h

Der Geruch von Leder, die unfassbar gute Geräuschdämmung, die effektvolle Wirkung des Magic-Body-Control Fahrwerks und die anheimelnde Massage des Rücksitzes verfehlen ihre Wirkung nicht. Anstatt den Mercedes-Maybach wirklich zu testen, lasse ich mich in das Traum-Wunderland entführen und jage dem Sandmännchen hinterher.  Meine Füße ruhen derweil in einem Lammfell. Natürlich ohne Schuhe.

Die silbernen Kelche und die Champagner-Flasche im Kühlfach zwischen den Rücksitzen habe ich nicht mehr gebraucht. Sanft schlummernd genieße ich die wohl luxuriöseste Testfahrt aller Zeiten. Gleichzeitig übertrifft der Liegekomfort die Business-Class der Lufthansa, über die First der Deutschen Bahn denkt man hier hinten derweil nicht nach. Bahn-Card-Fahrer dürften sich in den Fond vermutlich nicht verirren. Schon eher Menschen, die auch gerne mal im Privat-Jet nach Vegas einfliegen. Das ist das Level.

In meinen Träumen passt das alles gut zu mir … 

Weltpremiere006 Mercedes-Maybach S600

Ampel-Aspirin

Der Chauffeur lenkt, der Passagier schnarcht. Bis wir in Santa Monica ankommen. Um uns herum ist es dunkel geworden. Das leise „poff“ der Massage-Stempel im belederten Chef-Sessel, vier Meter hinter dem V12, dringt langsam durch die Aufwachphase zu mir. Ein Ruck vor einer roten Ampel. Unser Chauffeur will uns wohl sagen, er hätte die mehr als 500 PS gerne anders genutzt, anstatt uns hier durch die Weinregion Kaliforniens zu kutschen. Da ergibt sich dann doch endlich der Sinn einer solchen Testfahrt.

Da stehen fast 200.000 € (S600 Maybach) vor dem Pier in Santa Monica und Mercedes-Benz vergisst das ultimative Maybach-Assistenzsystem. Nein, es ist nicht der Aspirin-Spender im Handschuhfach für die Rotwein-Kopfschmerzen nach der Weinprobe. 

Aufgabe erfüllt, Testfahrt beendet, Mangel gefunden. Der ewig kritische Motor-Journalist in mir wischt sich den Schlaf aus den Augen, streckt sich und überlegt sich, wie er seine Kritik wohl in Sätze formen soll …. 

 

 

 

Lese-Tipps: voice-over-cars, GTspriti (engl.), 5komma6

 

 

 

 

 

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Bjoern
Autos und Motorsport - meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden. Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports. http://about.me/bhabegger