Fahrbericht: Audi A6 Allroad

Fahrbericht: Audi A6 Allroad

Im Handbuch steht es schwarz auf weiß: Der A6 Allroad ist kein Offroader. Nun denn, dann ignoriere ich den Offroader-Look des feschen A6 Avant Allroad, sehe über seine maskulinen Kotflügel-Verbreiterungen hinweg, beachte die metallisch wirkenden Schutzblenden an den Stoßfängern nicht weiter und lasse mich auch nicht irritieren vom üppigen Platz in den Radhäusern.

313 PS starker Wanderstiefel

Der A6 Allroad im Fahrbericht

Stattdessen öffne ich die Tür des großen Kombis, lasse mich überwältigen vom fein verarbeiten Interieur und atme die Perfektion ein, mit der man in Ingolstadt an diesem A6 Allroad gearbeitet hat. Das können die Jungs bei Audi so gut wie sonst kein anderer Hersteller. Da kann man das Haar in der Suppe suchen, man wird nicht fündig. Es gibt keine vernachlässigten Ecken in einem A6. Es gibt kein billiges Plastik und keinen traurigen Kunststoff. Keine Lederhaut, an der man nicht spürt,  mit welcher Kunstfertigkeit hier ein so schnödes Stück Technik – etwas anderes ist diese Ansammlung von V6 Diesel, Allradtechnik, Differentialen, Luftfeder-Elementen und Komfort-Featureja s ja eigentlich nicht – zusammengebaut wurde. Da passt einfach alles. Irgendwie wäre das alles für den Offroad-Einsatz ja auch viel zu schade. Am Ende steigt noch jemand mit Schlamm verschmierten Gummistiefeln in diesen Ingolstädter Bullen ein. Es ist also gut gewesen, das Handbuch zu lesen.

Audi A6 Allroad von hinten

Bei der ganzen grandiosen Verarbeitungs-Orgie darf man nicht vergessen zu erwähnen, mit welchem Motor der Allroad zum Test in die Redaktion kam. Ausgesucht hatte ich mir den stärksten Allroad – wenn schon, dann richtig – und der stärkste A6 Allroad ist ein Diesel. Und was für einer. Bullig wird oft und gerne verwendet, um motorische Leistung zu umschreiben. Aber so gut wie nie trifft der Vergleich wirklich zu. Im Gegensatz zu diesem Überzeugungstäter sind andere Motoren nur halbstarke Kälber. Mit 313 PS übertrumpft der stärkste Dieselmotor seinen V6-Benziner-Kollegen in der Leistung um maßvolle 3 PS, beim Drehmoment packt der Ölbrenner aber den Hammer aus und trumpft mit 650 Nm alles nieder, was sonst so im Angebot befindlich ist.

[one_half] [notification type=“notification_mark“ ]Die Basics:[/notification]
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  • 2 Wochen im Test
  • 3.000 Testkilometer 
  • Basispreis: 62.950 €
  • Testwagenpreis: 92.250 €

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[one_half last=last] [notification type=“notification_mark“ ]Der Testverbrauch:[/notification]
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Die Kraft des Bullen

Das Geheimnis der üppigen Potenz lautet: “Registeraufladung” und verhilft dem V6 zu einer Leistung, die vor einigen Jahren einem 5 Liter V10 Diesel vorbehalten war.  Gekoppelt wird dieses Triebwerk nicht mit dem zu sportlich agierenden Doppelkupplungsgetriebe von Audi, sondern mit dem sahnigen 8-Gang-Automatikgetriebe, dessen Ursprung bei den Experten von ZF zu suchen ist. Derzeit vermutlich einfach nur das beste Getriebe der Welt (wobei demnächst die neue 9-Gang Automatik von Mercedes bei mir im Blog zum Test antritt – also abwarten? Bleibt die ZF die Königin unter den Getriebeautomaten – es könnte spannend werden.) Die Kraft des Bullen wandert – ganz dem Vorbild like – natürlich über vier massive Hufe in Richtung Straße. Wir erinnern uns – für den Offroad-Einsatz ist der Allroad ja gar nicht gedacht. Gleichwohl lässt es sich mit der Luftfederung und der variablen Bodenfreiheit dennoch gefahrlos über Waldwege krachen. Der Allroad A6 besitzt keine Untersetzungsgetriebe oder eine Allradtechnik, die einen Eingriff von Hand notwendig machen müsste. Das höchste der Offroad-Gefühle ist der Taster für die Bergabfahr-Hilfe. Einmal gedrückt, robbt sich der leer bereits knapp 2 Tonnen schwere Kombi, von Geisterhand und Bordcomputer kontrolliert, den Berg hinab.

Audi A6 Allroad von der Seite

Dynamik statt Synthetik

Ende April im Test, die ersten warmen Tage des Jahres, aber der Testwagen rollte noch auf groben Winterreifen in feister Größe (235/55-18 / O bis O war noch nicht rum!). Das Fahrwerk des A6 ist, auch dank der aufwändigen Luftfederung. jedoch so gut abgestimmt, da merkt man lange nichts von der “falschen” Bereifung. Alleine der Fahrer verdient ein wenig Mitleid, wenn bei langen Autobahn-Etappen die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 240 km/h den Reiseschnitt versaut. Denn das muss klar sein: Mit dem Diesel-Ochsen unter der Motorhaube wird der A6 Allroad zum Reisemobil der Extraklasse. Verschliffene Gangwechsel, kraftvolles Drücken in jedem Gang. Motor und Getriebe verschmelzen zu einer kongenialen Einheit und lassen lange Autobahn-Etappen zu kurzweiligen Momenten unter dem Einfluss von feisten Akustik-Attacken werden. Wer sich im Menü des Entertainment und Bordcomputer-Systems (Audi nennt es MMI) verläuft, der landet im Bereich der Fahrspaß-Schalter (Audi nennt sie drive select) und kann dort die Akustik-Salven aus dem V8-Grenzbereich wieder deaktivieren. Denn auch wenn unter der Haube der Bulle zum Tango ansetzt, der Klang eines V6-Diesels wird nie so sexy sein wie der wollüstige Sound eines V8. Dachte man sich bei Audi zumindest. Das Ergebnis ist ein synthetischer V8-Sound, der aus dem Lautsprecher trommelt. Deaktivierbar. Und das ist auch meine Empfehlung. Selbst wenn alles auf “dynamisch” stehen darf, der Sound sollte ohne die künstliche V8-Welt auskommen. Brummiges Grummeln, wütendes Schnauben der beiden in Reihe geschalteten Lader und der derbe Sound des Selbstzünder passt viel besser zum Charakter des Allroad.  Falsche Reifen – Winterreifen bei 12° –  knapp 2 Tonnen Lebendgewicht und dennoch lässt sich der Allroad dank des optionalen Sport-Differentials handlich über Landstraßen wuchten. Die Dynamiklenkung trägt ihren Teil dazu bei, der Allroad lässt, vom Fahrerplatz aus gesehen, nicht nur seine Offroad-Schminke hinter sich, auch das Gewicht schrumpft auf Kompaktklassen-Niveau. Beeindruckend. Untersteuern? Ja, wer grob über die Tempolimits geht, der bekommt den Allroad natürlich zum Untersteuern. Doch dazu muss es hinter dem griffigen Dreispeichen-Lederlenkrad nicht kommen. Auch wenn die Keramik-Bremse für den Allroad nicht erhältlich ist – der 313 PS starke Über-Allroad fühlt sich auf der Bremse nicht überfordert an.

 

LED Matrix Scheinwerfer audi A6

Das Licht und so weiter

Weit beeindruckender als die Bremse ist die LED-Lichttechnik. Optisch fallen die LED-Matrixelemente bereits bei Tag auf, bei Nacht beweisen sie jedoch, das beste Licht hat man derzeit in Ingolstadt. Nicht nur im Werbeprospekt oder in der Entwicklungsabteilung, sondern – optional erhältlich – im Alltag.

Der Vollständigkeit halber müsste ich mich auslassen über das Platzangebot im Fahrzeug. Auch über die bequemen Sitze, die, wenn man genug Kreuze in der Aufpreisliste gemacht hat, nicht nur urig bequem sind, sondern auch tüchtig Seitenhalt bieten und sich dank der Lüftung mit wohligem Klima über den Leid geplagten Rücken hermachen. Massage? Natürlich kann er (der Sitz) das auch. Einfach nur das richtige Kreuzchen auf der bibeldicken Aufpreisliste setzen. Man könnte über den famosen Sound der Bang & Olufsen-Anlage (6.000 € Aufpreis!) und die Ästhetik der elektrisch ausfahrenden Hochtöner im Armaturenbrett philosophieren, aber das ist in etwa so wirkungsvoll, wie dem Papst die Vorzüge des Kamasutra zu erklären. Man muss es einfach hören. Satte Bässe, klare Höhen, bei geschlossenen Augen hat man Angst, bei der nächsten Bremsung im Orchestergraben zu landen. Aber zum einen fährt man nicht mit geschlossenen Augen und zum anderen wollte ich dem Papst nichts über das Kamasutra erzählen. Und ein Orchestergraben ist ebenso wenig vorhanden. Nicht einmal gegen Aufpreis. 

Audi A6 Allroad Innenraum Cockpit

Natürlich könnte man mit geschlossenen Augen fahren. Dank Spurhalte-Assistent und Frontrader würde das eine ganze Zeit lang gut gehen. Im Stau funktioniert es bereits prima. Im morgendlichen urbanen Umfeld übernimmt dieses „adaptive cruise control mit Stop & Go Funktion, inklusive Audi pre sense front“ schon fast die Funktion eines Chauffeurs. Einige Sekunden Stillstand akzeptiert das System, bis der Fahrer per sanften Druck auf Gaspedal oder Tempomat-Hebelchen wieder das Kommando zur Abfahrt geben muss.  Es funktioniert eigentlich alles so perfekt, man könnte sich veräppelt fühlen. Oder man versteht endlich diese Begrifflichkeit: „Premium“.  Denn genau dieses vollständige Problemlosigkeit in der Nutzung, ganz egal, wie viele Häkchen man in der Preisliste gesetzt hat, dieses wundervolle mechanische Feedback von Tastern und Drehrädchen – am Ende zählen diese haptischen Erlebnisse mehr als jeder Beschleunigungswert.

audi a6 allroad start knopf

Positiv-Liste:

[one_third]+++ Innenraum

Man muss es noch einmal und noch einmal betonen. Motor, Getriebe und Fahrwerk sind absolut gelungen, aber im Vergleich zur Qualität des Innenraums ist das alles nur Kindergarten.

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[one_third]+++ Motor

Der V6-Diesel mit der Registeraufladung ist ein Prachtbursche. Bullig, feine Manieren und dazu auch noch sparsam im Alltag. Besser wird es im Bereich Dieselmotoren nicht mehr.

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[one_third last=last]++ Licht

Die Front mit den LED-Elementen mag ein wenig merkwürdig dreinschauen, das Ergebnis ist jedoch über alle Zweifel erhaben. Dynamisch adaptiv, ideal für die Stadt und die Autobahn.

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Audi A6 Allroad Parkdeckfoto

 

Fazit

Fahrdynamik dank 313 PS Diesel. Ja, sicher – unter 6 Sekunden auf 100 ist auch ein Wort – 240 km/h wirken zudem wie „gerade angefahren“ – aber die echte Kompetenz, der Meilenstein aus Ingolstadt, das ist dieses überwältigende Gefühl von Qualität im Innenraum des Audi A6 Allroad.

Auch sicher: Das wird nicht billig.  Unter 62.950 € gibt es diesen A6 Allroad mit der an feiste Völlerei erinnernden Motor-Getriebekombination erst gar nicht. Und der Testwagen hatte, nachdem sich jemand an der Optionsliste ausgetobt hatte, bereits die 100.000 € Marke in Sichtweite. Dafür bekommt man anderweitig auch echte Offroader – nach 14 Tagen im Audi Allroad fragt man sich jedoch, ob man das wirklich will. Die Offroad-Schminke steht dem A6 Avant ganz gut und der Rest ist wirklich so perfekt, dass es fast schon absurd ist.

 

Audi A6 Allroad von hinten unten gegen die sonne

Und so fährt sich der kleine Bruder, der Audi A6 Avant mit dem 2.0 TDI-Motor. Und wer wissen will, wie sich 560 PS im A6 Avant anfühlen, der liest dies beim Audi RS6 Fahrbericht nach.

Zur umfangreichen Galerie, bitte hier klicken: Audi A6 Allroad Fotos.

Technische Daten: Verbrauch und Emissionen:
Leistung: 313 PS
Kraft: 650 Nm
Beschleunigung 0-100 km/h: 5.6 Sek. 
Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h 
Effizienzklasse: C 
Abgasnorm: EU 5
Normverbrauch komb.: 6.7 l/100km
CO²-Emission kom.: 176 g/km
Daten lt. Hersteller.
Anmerkung: Der Testwagen wurde mir kostenfrei von der Audi AG zur Verfügung gestellt.
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Bjoern
Autos und Motorsport - meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden. Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports. http://about.me/bhabegger

2 Comments

  1. Ich liebe das Design und das Fahrgefühl von Audi. Aber der Basispreis von 62.950 € ist aus meiner Sicht schon übertrieben. Das werden sich nur die wenigsten leisten können. Wobei man sagen muss, dass da noch ordentlich Marge des Händlers mit drin ist und die meist etwas runter gehen. Trotzdem bleibe ich – aufgrund des Preis-Leistungsverhältnisses – bei meinem Touran.