Fahrbericht: Mercedes-Benz CLA 45 AMG

Fahrbericht: Mercedes-Benz CLA 45 AMG

Downsizing ist noch immer ein aktueller Trend in der Automobil-Industrie. Motoren werden kleiner, der Spritdurst soll es damit auch werden und natürlich wird dies alles nur im Sinne der heiligen CO²-Emissionen getan. Doch wo bleibt der Fahrspaß, wenn die Motoren immer nur kleiner werden? Downsizing auf Affalterbacher Art lässt die Angst um den Fahrspaß ganz schnell verschwinden. Denn Downsizing bei AMG bedeutet vor allem eines: Die Eroberung eines neuen Segments.

 

CLA 45 AMG im Fahrbericht

So etwas ähnliches wie Downsizing

 

Als Testwagen gehörte der CLA 45 AMG im noch jungen Jahr 2014 bereits zu den besonderen Highlights. Üblicherweise bin ich kein großer Freund von Downsizing, aber im Falle des sportlich gezeichneten Viertürers will ich eine Ausnahme machen. Muss ich eine Ausnahme machen. Denn der CLA wird als 45 AMG zum spektakulären Einstiegsmodell in das Segment der sportlichen Kompakten.

Natürlich gibt es da noch den Bruder ohne Kofferraum und mit steiler Heckklappe, den A45 – aber so richtig sexy sieht doch erst der CLA 45 AMG aus. Mit seiner Länge von 4.63 Metern gehört der CLA nicht gerade zu den “kleinen” Autos. Dank der fließenden Formen und der sanft über das klassische “Three-Box” Design gestülpten Blechhaut wirkt er schon sehr verführerisch. Das geschwungene Dach, die flachen A- und C-Säulen und die “Dropping Line“ getauften Seitenlinie lassen den CLA gleichzeitig sportlich, elegant und irgendwie erwachsen wirken.  Und das trotz des überschaubaren Radstandes von nur 2.69 Metern.

Mercedes-Benz CLA 45 AMG gefahren bild von hinten

[one_half] [notification type=“notification_mark“ ]Die Basics:[/notification]
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  • 2 Wochen im Test
  • 2.300 Testkilometer 
  • Basispreis: 56.673,75 €
  • Testwagenpreis: 73.077,90 €

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[one_half last=last] [notification type=“notification_mark“ ]Der Testverbrauch:[/notification]
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Einsteigen – weder in der ersten noch in der zweiten Reihe ein besonderes Vergnügen. Der CLA sitzt knapp wie ein in die Jahre gekommener Konfirmationsanzug. Den Haken auf der langen Optionsliste korrekt gesetzt, pressen sich die AMG Performance Sitze um den Rücken und das Hüftgold des Fahrers. Schmaler dürften die Sitze nicht mehr ausfallen.  Dafür bleiben die Schultern später, auch bei Führerschein-unfreundlicher Gangart, direkt dort, wo man sie haben will. Die Rücksitzbank ist für Kinder und Menschen mit wirklich kurzen Beinen gedacht. Wobei auch der Rumpf nicht zu lang ausfallen sollte. Lange Strecken zu viert? Mit Freunden, die längst erwachsen sind? Besser nicht in diesem Fahrzeug. Der CLA mag so lang sein wie die alte C-Klasse, sein Innenraum ist auf A-Klasse Niveau geblieben. Eben auch eine Form des Downsizings. Irgendwas ist halt immer.

Cockpit CLA 45 AMG

So fährt er sich

Stolz und steil steht der Mercedes-Stern im Kühlergrill. Dahinter das pochende Herz des “kleinen” AMG. Ein zwei Liter großer Vierzylinder-Turbomotor mit unfassbaren 360 PS Leistung. Eine Leistung von 180 PS pro Liter Hubraum. Bevor AMG mit der ganz eigenen Auffassung von Downsizing auf den Markt kam, war diese Leistung pro Liter Hubraum dem Motorsport vorbehalten. Jetzt drücken die 450 Nm des potenten Vierzylinders mächtig in die sieben Gänge des Doppelkupplungsgetriebes.

Nach dutzenden Launch-Control Starts, einer Nacht Dauer-Vollgas auf der Autobahn und mächtig flott vollzogenen Etappen durch den Spessart verwundert nicht mehr die Leistung des Aggregates, sondern seine Alltagstauglichkeit. Handzahm im Comfort-Modus der Automatik, brüllend, rotzend und frech wie ein jugendlicher Hooligan im Rausch, sobald man im manuellen Modus die Grenzen der Physik überwinden will.

Im tiefen Bariton seines Auspuffklanges schwingt die Zuversicht, zu jeder Zeit überzeugend angasen zu können. Wer die Automatik im Comfort-Modus belässt, lässt sich vom grummeligen Sound der Abgas-Anlage beruhigen – im Sport-Modus des Doppelkupplungsgetriebes spürt man dann die Nervosität eines veritablen Sportlers. Wer den manuellen Modus des Getriebes bemüht, erlebt die pubertäre Seite des sonst so elegant wirkenden Viertürers. Bratzelnd frech entlässt die Abgasanlage das verbrannte Gemisch.

Wie eine Fleischwurst im Ledermantel liegt das Dreispeichen-Lenkrad in den Händen. Die Schalt-Paddels dahinter laden zum Flippern ein. Einen Gang hoch, einen runter. 

CLA 45 AMG Mercedes Rückenlehne

Performance-Paket

Noch einen Haken in der Aufpreisliste richtig gesetzt und der CLA 45 AMG lässt Porsche-Fahrer auf der Autobahn nervös in den Rückspiegel blicken. Das AMG Performance Package setzt die elektronische Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit von 250 auf 270 km/h und das sorgt im Alltag bereits für eine natürliche Auslese auf der Autobahn. Der Nachdruck, mit dem sich der CLA 45 AMG von Tempo 200 in Richtung 250 bewegt und der nicht endende Schub bei 250  meißelt dem Fahrer ein Grinsen in sein Gesicht. Die zwei Techniker im Porsche 991 mit LB-Nummernschild waren sichtbar beeindruckt und konnten sich auf der A7 mehrmalig davon überzeugen, dass selbst der kleinste AMG mit ordentlich Druck über die Bahn fegt.

 

CLA 45 AMG Motor 360 PS

Alltagsnutzen

Kofferraum? Hat er. Doch ist dieser Punkt wirklich wichtig? Nein.

Verbrauch? Hat er auch. Wer dem 360 PS Motor die letzten Pferde aus den Kolben presst, muss bereit sein, an der Tankstelle mit einem Express-Zuschlag konfrontiert zu werden. Wer im Alltag auf dem breiten Drehmomentbuckel des Zwei-Liter Turbos reitet, kann einen akzeptablen Verbrauch von unter 12 Litern erleben. Mit narkotisiertem rechten Fuß und dem Performance-Wunsch einer Diesel-Droschke lassen sich sogar Verbrauchswerte von weniger als 9 Liter auf 100 Kilometer in die Realität retten. Ob das Spaß macht? Nicht ganz soviel wie der Vollgasritt.

 

Der CLA 45 AMG kennt keine Traktionsprobleme

Dank seines 4matic-Allradantriebes verpufft die Leistung nicht in blauen Gummi-Rauchwolken. Obwohl die Vorderachse im Alltag erst einmal die Kraft alleine auf die Straße bringt und der Allrad erst bei Schlupf die Kraft zur Hinterachse schickt, fährt sich der CLA 45 AMG erfrischend neutral. Wie bei allen Allradfahrzeugen empfiehlt sich jedoch ein Fahrstil, der sich mit “langsam in die Kurve” und “schnell aus der Kurve” beschreiben lässt. Wer kurz vor dem Kurven-Scheitelpunkt die volle Kraft abruft, zoomt sich wild fauchend aus Biegungen aller Art. Dabei wirkt das Fahrwerk zu keiner Zeit überfordert. Die Lenkung könnte natürlich noch einen Ticken sensibler wirken, aber angesichts der Kraft, die auf die sie einwirkt, verzeiht man leichte Ungenauigkeiten.

CLA 45 AMG Hinterachse

Brachial in die Eisen

Rote Bremssättel bremsen nicht besser als schwarze – der Aufpreis von 380,80 für die rot lackierten Beißer wird dennoch von vielen in Kauf genommen werden. Spiegelt doch erst die Farbe Rot die volle Dynamik der Bremsanlage wieder. Fading ist ein Fremdwort – bissfest auch bei “herzhafter” Ausfahrt und maximaler Belastung.

 

Positiv-Liste:

[one_third]+++ Druck

Mit 1.8 bar Ladedruck presst der Twinscroll-Lader die Luft in die Brennräume. Dieser Zweiliter-Motor ist eine Wucht in Aluminium gegossen. Ob er lange hält? Mercedes sagt: So lange wie jeder andere Mercedes-Motor!

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[one_third]++ Fahrgefühl

Sehr handlich. Sein Leergewicht von fast 1.6 Tonnen merkt man dem CLA nicht an. Erst bei längerer Kurvenhatz spürt man ein leichtes Untersteuern, wenn die Reifen auf der Vorderachse zu warm und damit weich werden.

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[one_third last=last]+ Emotionen

Geschmack und Design sind nicht zu diskutieren. Der CLA bekam eine Form, die man entweder liebt oder die einen kalt lässt. Ich finde: Selten waren vier Türen so elegant verpackt! Die neue Daimler-Designsprache ist erfrischend!

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Fazit: Der CLA 45 AMG

Der CLA 45 AMG verschiebt die Grenzen des sportlichen Kompaktwagen-Segments und hebt diese auf eine neue emotionale Ebene. Das Design des CLA wirkt sportlich und elegant zugleich und ist die schönste Form der Platzverschwendung.

Wer das Stichwort Downsizing bei einem machbaren Verbrauch von 30 Litern auf 100 Kilometern nicht als politisch korrekt betrachtet, wird bei meiner Interpretation von Downsizing kein Vergnügen empfinden. Allen anderen bietet AMG mit dem CLA 45 einen famosen sportlichen Zweisitzer im Kleid eines Viersitzers. Und ich bin froh, dass eben nicht der gesamte Fahrspaß dem CO²-Minimierungsdenken untergeordnet wird.

Es ist wunderschön, dass es Autos wie den CLA 45 AMG gibt.

Hier geht es zum Mercedes CLA  Konfigurator … 

CLA 45 AMG Artikel von Kollegen:

 

Fakten:

Hersteller: Mercedes-Benz
Modellname: CLA 45 AMG
Karosserievariante: Viertürige Limousine im Coupé-Design
Motor: R4, Turbobenziner mit Direkteinspritzung, 1.8 Bar Ladedruck, Twinscroll-Lader, Schmiedekolben
Getriebe: 7-Gang Doppelkupplung
Antrieb: 4matic Allradantrieb
Hubraum: 1.991 ccm³
Leistung: 360 PS bei 6.000 U/min
Drehmoment: 450 Nm von 2.250 bis 5.000 U/min
Von 0 auf 100 km/h: 4.6 Sekunden
Höchstgeschw.: 270 km/h
Verbrauch nach Norm: 6.9 Liter / 100 km
CO2-Ausstoß nach Norm: 161 g/km
Testverbrauch: 13.3 l/100km über die Testdistanz
Räder: 235/35-19  – Sommerreifen Dunlop Sport Maxx
Leergewicht: 1.585 kg [trocken]
Länge, Breite, Höhe, Radstand: 4.630/ 1.777 / 1.432 / 2.699 mm
Garantie: 2 Jahre Gewährleistung
Testzeitraum: Ende März 2014: Überwiegend trocken und warm
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Bjoern
Autos und Motorsport - meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden. Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports. http://about.me/bhabegger

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Eine neue Welt – Mercedes-Benz X-Klasse

Entdecker leben mit der Überraschung

Mit dem ersten Pick-Up, der einen Stern am Kühlergrill trägt, betreten die Stuttgarter endgültig ein völlig neues Segment. Nachdem man dem Coupé vier Türen gab, den SUVs die Coupé-Form und das auch alles durch alle Fahrzeugklassen durchmischte, ist nun das Pick-Up Segment an der Reihe. Willkommen bei der X-Klasse.

Mercedes-Benz ist stolz auf den ersten Pick-Up mit Stern. Sehr stolz. Und weil der deutsche Autojournalist mit dem Segment an sich nicht ganz soviel anfangen kann, hat man mit uns eine Reise unternommen. Dorthin, wo die Pick-Ups zu Hause sind. Weltpremiere in Süd-Afrika, die ersten Testfahrten nun in Süd-Amerika. Das klingt nach einem Abenteuer, nicht nur für Mercedes, auch für uns.

Dabei ist der erste Aufschlag, ja, es ist der erste Pick-Up der Stuttgarter, auch wenn man bei jedem passenden X-Klasse Termin gerne einen Mercedes Strich-Acht der Siebziger zeigt. Der wiederum nur in kleiner Dosis und nur in Argentinien produziert wurde. Es ist also „de facto“ der erste Pick-Up mit Stern und dennoch wirkt er so vertraut. Das ist ein Verdienst der Designer bei Mercedes-Benz, die eben auch einem Pick-Up ein Blechkleid überstülpen, das keine Zweifel an der Familienzugehörigkeit zulässt.

Hat hier jemand Nissan gesagt?
Als die Strategen von Mercedes-Benz erkannten, die Welt lebt nicht nur von Shooting-Brakes und SUVs, suchte man auch beim Kooperationspartner Nissan/Renault nach einer möglichen Plattform. Will man das Segment des Pick-Ups ernsthaft mit einem frischen Angebot beglücken und dabei ebenso ernst genommen werden, muss ein Leiterrahmen her. Ein simpler Schnitt durch das Karosseriekleid eines GLE oder GLS schied demnach aus. Sollten doch auch 1.1 Tonnen Nutzlast ermöglicht werden. Und noch bevor man bei Nissan den Navara fertig gestellt hatte, klinkten sich die Stuttgarter in das Projekt ein. Von einem puren Badge-Engineering musste man sich distanzieren, wie sonst sollte man dem Kunden gegenüber die Positionierung und das schwäbische Selbstverständnis in Euro darstellen? War der CITAN noch ein Schnellschuss, so sollte die X-Klasse mehr Daimler als Nissan werden. Schwierig, wenn man bedenkt, was man für den Start der X-Klasse nun alles vom Kooperationspartner übernimmt.

Mercedes-Benz hat und das darf man anerkennen, der X-Klasse ein eindeutiges Mercedes-Familiengesicht verpasst und auch bei den Seitenblechen nur wenig übernommen. Natürlich bleibt, gerade in der Seitenlinie, ein Navara sichtbar – was vor allem daran liegt, dass dieser deutlich früher am Markt war. So ist die Nummer zwei immer dem Eindruck unterlegen, eine Kopie zu sein. Während man zum Start nun zwei Diesel-Varianten, ein manuelles (6-Gänge) und ein automatisches Getriebe (7-Gänge) anbietet, die vollständig vom Kooperationspartner kommen – so wird die Ende 2018 kommende Top-Variante einen V6-Diesel aus Stuttgart unter der Haube tragen und den Antriebsstrang mit einem 7-Gang Automaten von Daimler vervollständigen. Dabei bleiben Lenkung und Achsgetriebe Teile vom Kooperationspartner, ebenso wie die Hinterachse und das  optional erhältliche, sperrbare Differential. Einzig das Verteiler-Differential mit einer 40 zu 60-Verteilung wird der 350d aus eigenem Hause erhalten.

Während der Auto-Journalist, geprägt vom täglichen Umgang mit unterschiedlichen Automobil-Marken, beim Einstieg in die X-Klasse sofort Schalter, Taster und andere Baugruppen als „Nicht-Daimler’isch“ identifiziert, stellt sich wieder einmal die Frage; „Welche Rolle spielt dies für den Autokäufer?“ Ist ein Renault-Diesel aus einem Nissan-Pick-Up Truck, kombiniert mit der japanischen Aisin-Automatik, gleich so übel, dass man dies kritisieren muss? Ist es gar ein eindeutiges „No-Go“? Oder ist das eh nur ein Detail, das nur dem ewig meckernden und selbst ernannten Automobil-Experten auffällt? Es pochen für diese Antwort zwei Herzen in der Brust des Autors. Und es gibt vermutlich mehr als nur eine Antwort auf diese Frage.

Zeit für ein wenig Klarheit – das sollte sich doch alles klären, wenn man dafür einmal um die halbe Welt jettet, oder?

Der Mercedes unter den Pick-Up Trucks?

Es ist ein vollmundiges Versprechen und allen Eindrücken voraus geeilt sei der folgende Hinweis: Den Nissan Navara hat der Autor zuletzt vor mehr als 12 Monaten bewegt und der war damals schon eine echt positive Überraschung. Satt, solide, mit genug Druck für die Autobahn. (Immer mit Bezug zum 190 PS Diesel.) Was macht nun den Mercedes unter den Pick-Ups aus?
Zuerst einmal die mächtige Präsenz auf der Straße. Mercedes-Benz hat zwar bewusst das Light Truck Segment gewählt und einen US-Markteintritt erst einmal nicht geplant – und dennoch steht die X-Klasse mit eindrucksvoller Gestalt auf der Straße. Allerdings sind zufällig im Stadtverkehr von Santiago de Chile vorbeifahrende Ford F-150 dann doch einfach noch einmal eine Nummer größer. Um den Mercedes-Look zu bekommen, also die Wahrnehmung so zu gestalten, dass man nicht im Allerlei der 1-Tonnen Trucks untergeht, hat das Design-Team vom Mercedes-Benz die Nissan-Grenzen sprengen dürfen. Eine bis zu 6 Zentimeter breitere Spur ist nicht nur auf der Straße und im Fahrverhalten nützlich, sie lässt auch im Erscheinungsbild einfach ein Plus an Wahrnehmung zu. Und auch wenn man es schlicht nicht erkennen kann, so sind doch viele Baugruppen im Bereich der Achsen neu konstruiert. Die breitere Hinterachse sieht in der Kinematik aus wie die von Nissan und ist dennoch anders. Einmal neu berechnet, verbreitert, neu abgestimmt und damit für mehr Dynamik ausgelegt worden. (Spurbreite ist wie Hubraum, irgendwann macht es zwar keinen Sinn mehr, aber es hilft ;))

Mit dem (ich spare mir an dieser Stelle den erneuten Hinweis auf die Herkunft) 2.3 Liter Dieselmotor hält sich die Fahrdynamik noch in Grenzen. Mehr als ausreichend. Druckvoll. Überzeugend. Alltagsgerecht. Doch die erste „Mitfahrt“ im 258 PS starken V6-Diesel demonstriert dann verständlicher, worauf es den Mercedes-Mannen ankam. Die beiden 2.3 Liter Dieselmotoren sind vom Kooperationspartner (Mist, jetzt habe ich es doch wieder geschrieben) und leisten als X220d 163 PS oder als X250d mit Bi-Turbo-Aufladung 190 PS. Nein, beide Triebwerke sind nicht übel – aber eben keine Mercedes-Triebwerke! Das muss festgehalten sein. Immer und immer wieder.

Power, die Mercedes-Sprache
Es sollte die Power-Ausstattung sein. Denn nicht nur beim kommenden Top-Diesel steht dann am ehesten Mercedes in deutlichen Lettern auf der X-Klasse, auch bei den Ausstattungslinien wählt der erwartungshungrige Sternkunde am sinnvollsten direkt die höchste Ausstattungslinie. Während die ebenso angebotenen Pure und Progressive-Varianten den geneigten PKW-Automobil-Journalisten aufgrund ihrer simplen Materialanmutung ein wenig ratlos wirken lassen, darf die Power-Version mit beledertem Armaturenträger die Kastanien der hohen Erwartung aus dem Feuer der kritischen Journalisten-Sicht holen. Die PURE-Variante spielt die Rolle des Arbeitspferdes. Dann allerdings ist der Preisunterschied zum Marktbegleiter und Kooperationspartner – so als Arbeitswerkzeug – eben nicht mehr unerheblich im Kaufprozess. Aber, wer schon CITAN und Sprinter beim örtlichen Mercedes-Händler wählt, der kann nun eben auch einen Pick-Up ordern und diesen als klassischen Arbeiter begreifen und dem Finanzamt gegenüber argumentieren.

Es ist ein sehr anstrengender Spagat, den man mit der X-Klasse leisten will. Denn natürlich wirft das Marketing sofort auch den Begriff des „Lifestyle-Pick Up’s“ in das große Rennen um die Käufergunst. Also – Pure für den ernsthaften Arbeitseinsatz, Progressive, wenn man sich nicht entscheiden kann und Power für den, der den Mercedes-Benz unter den Midsize-Pick-Ups sucht und am Ende doch mehr den privaten Spaß bei den Pick-Ups sucht.

LED-Scheinwerfer, Rückfahrkamera oder auch gleich eine 360°-Kamera – alles ist möglich und damit auf dem Niveau von modernen PKWs.

Wichtig ist eine deutliche Einordnung des Fahrverhaltens: Mercedes hat eine mehr als überzeugende Abstimmung auf die Straße gestellt. Alles, was man verändert hat, darunter auch die Schall-Isolierung zwischen Fahrgastzelle und Motorraum, gezielte Verstärkungen in der Blech-Struktur, ein neu gedämmter Kardantunnel, spezielle Dichtungselemente und auch die Wahl des richtigen Reifens führen zu einem überzeugenden Fahrkomfort auf einem beeindruckenden geringen Geräuschniveau. Bei der hydraulischen Lenkung des Kooperationspartners bleiben kaum Parameter zur Optimierung, aber wenn eine breitere Spur, eine neue Kinematik und angepasste Feder-Dämpferelemente für eine Veränderung sorgen sollten, so ist es primär der spürbare Fahrkomfort. Den spürt der Beifahrer sogar noch einmal deutlich. Bei geschlossenen Augen ist die X-Klasse in allen Komfortbelangen den großen SUVs aus eigenem Hause fast ebenbürtig. Vor allem beim Abrollkomfort. Dass die X-Klasse zudem bei der Geräuschdämmung und der Verarbeitung keine Fehler macht, führt im Ergebnis zu einem extrem komfortablen Reisebegleiter. Und das ganz ohne 1.1 Tonnen Nutzlast auf die Pritsche zu packen. Da sind andere Pick-Ups tatsächlich deutlich hemdsärmeliger zu fahren. Allerdings sind die für den deutschen Markt ausgerichteten Pick-Ups auch mit einer anderen Feder-Dämpferabstimmung ausgerüstet und besitzen 20.2 Zentimeter Bodenfreiheit, wohingegen in Märkten, in denen die X-Klasse viel mehr in Richtung Arbeitstier tendieren wird (nicht Europa), 2 Zentimeter mehr Bodenfreiheit und eine geänderte Abstimmung verbaut werden.

Vernetzt dich
Dass man einen Pick-Up durchaus auch in modern bekommt, demonstriert Mercedes-Benz dann bei den erhältlichen Features. Das gesamte Cockpit-Layout lehnt sich stark an der V-Klasse an und die hatte sich ja bereits deutlich an den Limousinen orientiert. Die Brücke zum PKW haben die Stuttgarter damit erfolgreich geschlagen. Zumindest im Innenraum fühlt sich nichts mehr nach „Workhorse“ an. Vom 8-Zoll Multimedia Display bis zum Touch-Controller und den PKW-typischen Instrumenten, die X-Klasse macht einen auf „alten Bekannten“. Dass sich die Form der Kopfstützen dabei am Kooperationspartner orientiert und auch die Sitzheizung an einem für Stuttgarter Verhältnisse ungewöhnlichen Ort sitzt? Wieder so ein Ding, das vor allem den geneigten Automobil-Journalisten auffällt. Die X-Klasse ist zugleich der erste „Light-Truck“, der die digitale Karte voll ausspielen will. Mit einer wie immer optional erhältlichen SIM-Karte steht die X-Klasse dann auch via Internet immer in Kontakt mit ihrem Fahrer. Dank Mercedes.me App lässt sich auch von der Couch aus der Kontakt zum Pick-Up halten und auch der nächste Service-Intervall ablesen.

Und Chile?
Wenig gesehen hat der Autor viel. Aus irgendeinem Grund hat man die geneigten Journalisten in die Kernmärkte der X-Klasse bringen wollen, doch eine Tour in das raue Leben in den Anden wollte man entweder uns oder der frischen X-Klasse nicht zumuten. So bleiben die Fahreindrücke von kurzen Schotter-Strecken, ein wenig Offroad-Parcours und vielen Landstraßen-Kilometern. Chile, das Land der Kondore, des Weins und der Gauchos. Hat man gelesen, im Reise-Führer. Aber es ging ja auch um die X-Klasse und am Ende nur um die Frage: Ist es ein Mercedes? Es ist vermutlich der Pick-Up, der dem Gedanken eines Mercedes, der Marken-Idee, dem Kern der Stuttgarter am nächsten kommt. Und er wird sich verkaufen. Einfach, weil es einen Markt dafür gibt. Eventuell nicht zwischen Stuttgart-Hauptbahnhof und Breuniger-Land, aber eben in all den Märkten, die wir als schlicht und simpel fokussierte Auto-Journalisten aus Deutschland gerne verdrängen.

Ja aber, wie fährt er sich denn nun?

Es mag frustrierend klingen, aber der 190 PS Diesel von Renault, die Nissan Siebenstufenautomatik und das von Mercedes-Benz überarbeitete Fahrwerks-Setup der X-Klasse arbeiten gnadenlos gut zusammen. Es fühlt sich so richtig an. Die Aisin-Automatik hält üblicherweise unaufgeregt die Gänge, schaltet ansonsten weich und zum richtigen Zeitpunkt und profitiert vom satten Drehmoment des 190 PS Turbodiesels. Dazu passend die Dämpfer-Abstimmung der X-Klasse. Nein, das X schaukelt nicht, und dennoch rumpelt auch nichts. Es ist ein funktionierendes Zusammenspiel zwischen Reifenflanken und der Starrachse mit der Multilenker-Aufhängung. Für die Gauchos, unterwegs in Chile, Architekten auf dem Weg zur nächsten Baustelle in der Stadtmitte von Sydney, Weinbauern in Südafrika und einfach für alle, die ein Zugfahrzeug (bis 3.5t) für ihre schweren Freizeit-Spielsachen brauchen – überall dort erfüllt die X-Klasse das Versprechen eines neuen Fahrzeug-Segments.

Und genau dort wird die X-Klasse punkten. Sie wird funktionieren.

Einfach, weil der Stern im Doppel-Lamellenkühlergrill genau diese Art von Prestige bringt, die man in diesem Segment bislang nicht fand. Zwischen Süd-Amerika, Süd-Afrika und Australien wird man mit dem schnellen Markteintritt, den eben diese Form der Kooperation ermöglicht, mehr punkten, als der Öl-Büffel beim Kriechen zwischen den Lieferanten-Baugruppen als Minuspunkte definiert. Dass man sich auf der Technik-Seite für den Start des Pick-Ups auf den Partner Renault-Nissan verlässt, spart nicht nur reichlich Pesetos, sondern, nach internen Aussagen der Mercedes-Experten, locker Entwicklungszeiten von gut 2 Jahren. Und damit will man genau das Momentum mitnehmen, das Markt-Experten für diese Fahrzeug-Gruppe identifiziert haben. Frei übersetzt: Wenn du das Segment schon nicht erfindest, dann verliere wenigstens keine Zeit, bis du am Markt bist. Für die Produktion der neuen X-Klasse nutzt man die Kapazitäten der Werke des Kooperationspartners. Die X-Klasse wird im Nissan-Werk in Barcelona gefertigt und ab 2019 auch in Argentinien.

Die X-Klasse startet in Deutschland ab 37.294 Euro (inkl. MwSt.). Die Markteinführung beginnt im November 2017 in Europa. Folgt neben dem Mercedes-V6 noch ein originärer Mercedes-Vierzylindermotor? Man sollte nie nie sagen und auch eine AMG-Line wird man vorbereiten. Und spätestens dann wird man sich fragen: Warum hat es eigentlich so lange gedauert, bis der erste Pick-Up mit Stern auf dem Markt kam?