G-Premiere mit Hindernissen zur IAA 1979

G-Premiere mit Hindernissen zur IAA 1979

Der G war ja im Konzept als Wettbewerber vom Militär-Land Rover gestartet. Einfache Technik, leicht zu bauen, Abkantbleche. Das ganze für netto DM 10.500. Als ich zu Beginn des Jahres 1979 dazu kam, waren wir schon bei 11.500. Dann haben die Kostenrechner nochmal radiert und mit spitzen Bleistiften (Excel gab es erst viel später) nochmal geschrieben und dann waren es 11.500. Der Vertrieb wurde gebeten zu prüfen, welche Auswirkungen das auf die erzielbare Stückzahl haben würde. Das meldete er und es musste neu gerechnet werden. Dann haben sie neu gerechnet und es waren jetzt 16.500. Also das gleiche nochmal und jetzt landeten wir bei 23.500. Jetzt wurde der Vertrieb nochmal gebeten….. Aber unser Vorstand Hoppe (damals gab es noch einen ordentlichen Vertriebsvorstand!) sagte seinen Kollegen:

„Der Vertrieb prüft jetzt nichts mehr. Das Kind liegt im Brunnen und wir werden jetzt einfach das bestmögliche draus machen.“

Kurz vor der IAA flüsterte uns ein Vögelchen hinter vorgehaltenem Flügel, der G würde von einer damals noch jungen Automobilzeitschrift mit grossen Buchstaben einen Preis bekommen, wenn das Ausstellungsfahrzeug unter 30.000 inkl. MwSt.kosten würde. Nun hatten wir ja keinen Nackedei ausstellen wollen und das Auto sollte unbedingt die 2 Differenzial-Sperren an Vorder- und Hinterachse haben, das wichtigste USP des G. Und ein Radio. Und ein Handschuhkastenschloss und noch ein paar Kleinigkeiten. Damit war das Ausstellungsfahrzeug über die 30.000 gerutscht.

Nun war guter Rat teuer. Ein neues Auto bauen lag nicht mehr drin. Abgesehen davon, dass ein G ohne die 2 Diff.-Sperren eine unverkäufliche Suppe ohne Salz gewesen wäre. Wir haben hin und her überlegt. Die Diff.-Sperren lagen ja unsichtbar in den Achsen. Das einzig sichtbare dazu waren 2 Hebel mit Griffen, die senkrecht durch 2 Löcher aus der Mittelkonsole ragten. Die Löcher waren vorgestanzt – theoretisch war der G ja auch ohne bestellbar – und wurden in der Produktion ausgestanzt. Also beschlossen wir, am Ausstellungsfahrzeug die Hebel abzubauen und die Mittelkonsole durch eine ohne Löcher zu ersetzen. Die musste bis spätestens Sonntag Abend vor dem ersten IAA-Tag in Frankfurt auf der Messe sein.

Ersatzteile gab es noch nicht. Ich hatte am Wochenende einen Termin bei einer Offroad-Veranstaltung in der Lüneburger Heide, wo ich mit dem Verkaufsleiter Töpfer der Niederlassung Hannover stolz unser neues Baby vorstellen wollte. Also erst mal nach Graz ins Puchwerk. Taxler fuhren einen da übrigens auch ohne Zögern hin, wenn man „Herrmann Göhring Werk, bitte sehr“ sagte. Mit unserem Partner Dr. Tamussino zum damaligen Produktionsleiter Fussi und das Anlagen erklärt. Der führte uns an den Ort am Band, wo Mittelkonsolen auf den Einbau warteten und gemeinsam suchten wir die schönste aus.

Das war kein kleines, aber zum Glück ein leichtes Teil. Ich klemmte es mir unter den Arm und los ging’s. Die Lufthansa-Crew war überrascht ob des Handgepäcks, war aber sehr freundlich und verstaute es im Garderobenschrank und ich flog mit einem kurzen Zwischenstopp über Frankfurt nach Hannover. Am Flughafen erwartete mich der liebe Herr Töpfer mit einem roten 230 G kurz mit Stoffverdeck. Ich verstaute mein Gepäck und die Konsole hinten und wir fuhren fröhlich in die Lüneburger Heide.

Dort wurde unser G gebührend von allen bestaunt und wir wren glücklich und guter Dinge. Dann gab es eine Geländefahrt und wir wurden bedrängt, unbedingt mit zu fahren. Das wollten wir eigentlich nicht und wir hatten vorher hoch und heilig versprochen, solch riskantes und frivoles Tun zu unterlassen. Das taten wir auch kund, aber dann wurden immer mehr Zweifel an der tatsächlichen Qualität unseres G-Wunders laut. Nun, auch in Niedersachsen gilt Ehre etwas und so fuhren wir keck, aber mit durchaus gemischten Gefühlen der Meute nach.

Die Strecke ging über ein ehemaliges Panzer-Übungsgelände der Tommys und war zunächst nicht besonders anspruchsvoll. Bis es plötzlich durch einen Tümpel ging, etwa 150 m durch das Wasser. Vor uns waren einige mit „minderwertigen“ Geländewagen durch gefahren. Also holten wir tif Luft, zogen die Hebel der beiden Diff.-Sperren und pflügten durch das Wasser. Wahrscheinlich waren wir zu zaghaft und zu langsam – wir waren ja im Strassenanzug mit Hemd und Krawatte und wollten uns nicht schmutzig machen. Mitten im Tümpel blieben wir stecken. Wir versuchten, uns frei zu schaukeln, vorwärts, rückwärts, vorwärts….  Wir steckten aber nur umso tiefer fest und das einzige, was wir erreichten, waren Wasser- und Schlammfontänen, die unseren schönen G richtig einsauten. Man konnte gerade noch an ein paar Stellen sehen, dass er rot war. Alle anderen waren ausgestiegen und schauten zu. Erst ruhig, dann mit guten Ratschlägen, dann johlend. Wir sahen ein, dass wir verloren hatten und gaben auf, wir gute Engländer mit „stiff upper lip“. Ich höre jetzt noch den Allrad-Tesch aus Aachen, wie er rief „Leck mich am Arsch, die hängen fest mit ihrem tollen Mercedes“. Dann kletterte er ins Wasser, machte ein Seil fest und zog uns mit seinem drei-achsigen Aro raus. Ich bekam so eine der vielen Lektionen aus meiner G-Zeit: das beste Auto ist nicht gut genug, wenn Laien am Lenkrad drehen. Jedenfalls bekamen wir ob des über und über schlammverspritzten G jede Menge bewundernde Blicke, als wir am Flughafen Hannover vorfuhren. Nur ein Geländewagen mit Feindspuren macht was her.

Ich also wieder mit meiner Mittelkonsole ins Flugzeug und nach Frankfurt. Anstatt dort wie üblich mehr als 2 Stunden auf den Lumpensammler nach Stuttgart zu warten, bin ich raus und mit dem Taxi zur Messe. Dort wurde ich schon sehnsüchtig erwartet. Ein Kollege der Technik schnappte sich die Mittelkonsole und verschwand Richtung Mercedes-Stand.

Wir bekamen den Preis.

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