Gefahren: Mercedes E-Klasse 350 CDI mit 9-Gangautomatik

Gefahren: Mercedes E-Klasse 350 CDI mit 9-Gangautomatik

Bei den Getrieben vertraut Mercedes-Benz nur sich selbst. Das hat Vorteile, aber auch Nachteile. Denn es gibt Unternehmen die viel Kompetenz in der Getriebefertigung haben und sich als Zulieferer unter anderem darauf spezialisiert haben, Premium-Getriebe für Premium-Marken zu fertigen. Als ZF vor ein paar Jahren mit dem 8-Gang Automaten auf den Markt kam, griffen viele Automobil-Hersteller zu. Egal ob Audi, BMW oder Jaguar – die Achtgang-Wandlerautomatik von ZF kann überzeugen. Bei Mercedes-Benz hatte man indes nur 7-Gänge.  Egal ob Heckantrieb oder Allradantrieb, ob Diesel-, Benziner-, oder Hybridantrieb, bei Daimler ist der 7-Gang Automat die Allzweckwaffe. Doch frei nach dem alten Hubraum-Motto, geht nichts über die Anzahl der Gänge, es sei denn – mehr Gänge.

Es war Zeit für den ersten 9-Gang Automaten. 

9-Gangmenü mit Stern

E 350 CDI  im Getriebe-Check

Den ersten Serieneinsatz bekam die 9-stufige Automatik in einem Auto, das a) kurz vor der Ablösung steht und b) eigentlich am wenigsten auf eine weitere Spreizung der Gänge angewiesen war. Die E-Klasse mit dem potenten Dieselmotor, kurz E350 CDI getauft, bringt nicht nur 252 PS mit zum Dienst, sondern auch berauschende  620 Nm die zwischen 1.600 und 2.400 Umdrehungen anliegen.

Schaut man sich das maximale Drehmoment und dessen Drehzahlniveau an, dann versteht man schmunzelnd, wieso man die 9-Gang-Automatik gerade mit diesem Motor verkuppelte. Um es vorneweg zu nehmen, mehr als 2.400 Umdrehungen braucht man im E350 CDI mit 9-Stufenautomatik eigentlich nicht mehr und damit bleibt man immer im maximalen Effizienz-Bereich des Selbstzünders.

Kraft wie ein Atom-U-Boot

Die größte Faszination übt die E-Klasse mit diesem Antriebsstrang aus, wenn man die Kraft bis hoch in die obersten Gänge nur per streicheln über das Gaspedal abruft. Keine Maximum-Attacke wie im pupertären Promenaden-Streuner. In diesem Fall würde auch diese E-Klasse die Gänge ausdrehen wie ein Kirmes-Boxer unter Dope-Verdacht. Nein – aus diesem pupertären Drehzahlspiel hat man sich verabschiedet – oder kann es – sobald man hinter dem Volant des BLUETEC Platz genommen hat. Der Diesel tschingelt sich wie ein Marihuana rauchender Tambourine-Spieler die Drehzahlleiter hoch und schiebt das in Dolomit-Braun lackierte Fahrgeschäft dennoch mit omnipotenter Gewalt nach vorne. Eben. Gediegen ist die bevorzugte Gangart – easy – ein wenig spielerisch am Gaspedal. Unaufmerksame werden dann nicht einmal mehr merken, wie die neue 9-Stufen Automatik die Gänge durchzupft. Wie der Spielhallen-Hero im Flipper-Spiel zum Sonderfreispiel auf Level 9, ding, ding, ding. Der Diesel lässt sich dabei nur durch eine zurückhaltende Bewegung am Drehzahlmesser vertreten. Schub ist da – die 620 Nm drücken die Gänge auf den vier Planetenradsätze durch das Aluminiumgehäuse der Schaltbox. Ab Stufe zwei verschwindet dabei der Gangwechsel bis zur Unkenntlichkeit verschmust in den Wogen des anliegenden Drehmomentes.  Die E-Klasse drückt es dabei wie ein U-Boot der Oscar-Klasse durch die wogenden Schaumkronen des Alltagsverkehrs. Der Fahrer sitzt hierbei auf den gewohnt guten Sitzen – muss sich bewusst anstrengen um der bekannten Taxi-Melodie des Motors zu lauschen und wundert sich über die verkrampften Gesichter auf der Nebenspur.  Hier an Board – integriert zwischen mittlerweile leicht barocken Anzeigen und Armaturen, in Form gehalten vom aktiven Sitzgestühl – lernt man den Begriff, “ die Drehmomentwelle surfen“ mit völlig neuer Ausdauer kennen. Ab Tempo 100 lässt sich Gangstufe 9 im Display ablesen. Die Drehzahl ist derweil soweit abgesackt, dass alte Fahrlehrer Schweißausbrüche bekommen würden – Gemecker aus der Angst heraus, der Motor drehe doch viel zu niedertourig – würde aus ihnen herausbrechen.

Doch keine Sorge. Getriebe- und Motorsteuerung sind gut auf einander abgestimmt, die wissen was sie tun können und dürfen. Das passt schon, wenn bei Tempomat 120 die Drehzahlmesser nur um Haaresbreite über der Leerlaufdrehzahl rotiert.

Schub ist immer da. 

Aus Leerlaufdrehzahl und Gangstufe 9 hinab in die unteren Gangstufen und hinauf in die oberen Drehzahlregionen? Kann er. Muss er eigentlich nicht. Aber wenn des Fahrers Fuß mit Nachdruck den schlichten Wunsch nach maximalen Druck verkündet, dann springt die neue 9-Stufen-Automatik auch über mehrere Gangstufen hinweg und erfüllt diesen Wunsch prompt. Mal eben mehrere Gänge zu sortieren geht hierbei überraschend flott von der Schaltgabel. Doppeltorsionsdämpfer und ein Fliehkraftpendel im Wandler sorgen derweil für anständigen Schaltkomfort. Neu ist die Technik dabei nicht, aber weiter verfeinert. Und das die Jungs im Getriebewerk in Hedelfingen, ihre Arbeit gut gemacht haben, spürt man auf jedem Kilometer. Oder anders:  Eigentlich spürt man nichts.

Diese neue Neunstufen-Automatik ist in den ersten zwei Gängen noch als Getriebe mit fixen Schaltstufen zu erkennen, danach verwischt der neue Schaltautomat seine Spuren und arbeitet effizient und kaum noch spürbar vor sich hin.

Durst wie ein Mofa

Es gibt einen guten Grund für die Maximierung der Gänge. Es ist das ständige Streben nach noch mehr Effizienz und damit auch, nach geringeren Verbräuchen – vor allem in der Flotte. Wer niedriger dreht, ist früher sparsam.

Mercedes-Benz selbst spricht von einem NEFZ-Mix-Verbrauch von 5.3 bis 5.6 Litern je 100 Kilometer, je nach Bereifung und Sonder-Ausstattung. Für eine bis zu 250 km/h schnelle Limousine, für 620 Nm, für 252 PS, für Platz für 5 mit Gepäck – ein exzellenter Wert. Auf der Norm-Verbrauchsrunde hat sich die E-Klasse nicht nur durch extremen Fahrkomfort hervorgetan, sondern auch mit einem Verbrauch von 5.8 Litern auf 100 Kilometern. Das ist nicht die NEFZ-Norm, aber in anbetracht der Umstände – schlichtweg – supergut.

Im Alltag sind 6.5 bis 7.5 Liter allerdings realistischer. Bei 252 PS sind auch 8 Liter auf schnellen Autobahn-Etappen völlig in Ordnung. Wobei man den Antriebskomfort des E350 CDI am liebsten bei Tempomat 140 genießt. Der Motor grummelt leise vor sich hin, die Drehzahl ist irgendwo unterhalb von 1.500 Umdrehungen und der Innenraum versprüht dabei den beruhigenden barocken Charme schwäbischer Gemütlichkeit.

Technik-Details

1064402_2122466_1024_768_14C635_05Die Spreizung  eines Getriebes gibt an, wie weit der niedrigste und der höchste Gang in der Übersetzung des Getriebes entfernt sind. Mercedes neue Neunstufen-Automatik hat zwischen Gang 1 und Gang 9 eine Spreizung von 9.15. Das allseits gelobte ZF-Getriebe mit 8-Stufen [8HP] erlaubt eine Gesamtspreizung von 7.0. Wie das HP8 verträgt auch das neue Mercedes-Getriebe bis zu 1.000 Nm Eingangs-Drehmoment und arbeitet auch in einer Allradversion. Desweiteren wird das 9-Stufen-Automatikgetriebe auch die Hybridisierung der zukünftigen Modelle mittragen, in dem es einen Scheiben-Elektromotor mit aufnimmt. Start-Stopp ist selbstverständlich integriert. Es sieht so aus, als hätte das HP8 seinen Meister gefunden.

 

 

Fazit

Mercedes hat mit der 7-Gang Automatik ein Defizit im Modellprogramm. Die 8-Gang ZF-Automaten der Mitbewerber können alles besser als das, in die Jahre gekommene 7-Gang-Getriebe. Es ist an der Zeit gewesen, diesen Malus zu beseitigen. Die gefahrenen Kilometer in der E-Klasse mit 9-Stufen Automatik haben verflixt viel Spaß gemacht und einen extrem guten Eindruck hinterlassen.

Ja – auch das Mercedes 9-Gang-Getriebe kann spürbar schalten, vor allem in den Gängen 1 und 2, aber spätestens ab Stufe 3 verschmelzen die Schaltvorgänge endgültig und übrig bleibt eine Vorstellung von gut nutzbaren – aber scheinbar endlosen Drehmomentwogen.

Mittlerweile gibt es bei Mercedes neu abgestimmte Motoren und der E350 Diesel darf sich mit 258 PS auf die lange Tour begeben. Und das 9-Stufen-Automatikgetriebe wurde für zusätzlich für einen E300 BlueTEC Diesel mit 231 PS frei gegeben. Das ist insofern eine gute Nachricht, als das der E350 mit knapp 55.000 € in der Liste steht, der nur leicht zaghaftere E300 mit guten 52.000 € und diese 3.000 € sind eben ein guter Anfang, um sich an der opulenten Preisliste der Sonderausstattungen zu bedienen und der E-Klasse so den stetig anhaftenden Taxi-Geruch auszutreiben.

Well done, Mercedes. Well done! 

 

 

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Bjoern
Autos und Motorsport - meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden. Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports. http://about.me/bhabegger

3 Comments

  1. Sehr genialer Text. Gefällt mir in der Mittelpassage extrem gut. Fürchte nur die Auftraggeber bei Mercedes-Benz finden das nicht so gut. Da passen doch Produkt und Artikel überhaupt nicht zusammen. Der Text extrem locker, der Daimler aber extrem spießig.

    1. Danke.

      Und ich überlege noch ob man bei Daimler etwas gegen den Text haben könnte … glaube aber, ne, eher nicht.. Und von „Auftraggeber“ kann man ja nicht sprechen. Ich fordere ich ja ein Auto an, weil mich etwas interessiert. Es ist ja nicht so, dass die Daimler-Jungs kommen und sagen: „Ey, mache doch mal…“ …