Kolumne: Gedanken zum selbstfahrenden Auto

Kolumne: Gedanken zum selbstfahrenden Auto

Tom Schwede greift in seiner Kolumne jeden Monat als Gast in diesem Blog ein Thema auf, das die Autowelt beschäftigt. In der ersten Ausgabe beschäftigt sich der Blogger mit dem selbstfahrenden Auto.

Die Autowelt hat viele ungeschriebene Gesetze. Eines davon lautet seit vielen Jahrzehnten: Der Januar gehört der NAIAS. Doch diese Aussage gerät immer mehr ins Wanken. Denn neben der Auto-Show in Detroit hat sich in den vergangenen Jahren die Consumer Electronic Show (CES) in Las Vegas zu einem Hotspot der Autoindustrie entwickelt. Fast alle großen Hersteller präsentieren sich inzwischen in der Spielerstadt. Damit tragen die Hersteller dem Umstand Rechnung, dass die Elektronik bereits in unseren aktuellen Fahrzeugen eine wichtige Rolle spielt. In der Motorelektronik, bei der Steuerung von ABS, EPS, überall gilt, ohne Bits und Bytes dreht sich längst kein Rad mehr.

Doch das ist wohl erst der Anfang. Denn geht es nach der Industrie, dann werden in nicht mehr allzu ferner Zukunft unsere Autos selbständig fahren. Aufgeweckte Zeitgenossen werden jetzt sicherlich anführen, dass das Automobil damit endlich seinem Namen gerecht wird. Denn der Begriff „Automobil“ leitet sich aus dem griechischen „autós“ für „selbst“ und dem lateinischen „mobilis“ für „beweglich“ ab. Mit der Wortschöpfung liesen sich Ende des 19. Jahrhunderts die damals neuen motorisierten Fahrmaschinen von den zuvor üblichen Pferdefuhrwerken unterscheiden. Die starben nach der Erfindung des Automobils bald aus. Nur in den Fragebögen der theoretischen Führerscheinprüfung wurde ihrer bis vor ein paar Jahren gedacht.

Droht jetzt dem Auto das gleiche Schicksal?

Denn auf der CES in Las Vegas stand für Autofreunde das selbstfahrende Auto im Mittelpunkt. Mercedes zeigte die Studie F015. Audi ließ seinen Entwicklungsträger selbstständig von Los Angeles zur Messe nach Las Vegas fahren. Daneben kündigte auch Google den zumindest technischen Einstieg in den Automobilbereich an. Der Prototyp des Suchmaschinen-Giganten bestand kürzlich die kalifornische Fahrprüfung. Im nächsten Schritte will Google 150 Exemplare seines selbstfahrenden Autos auf die Straße bringen. Die Amerikaner haben mehrfach bewiesen, dass sie das kreative Potenzial haben, um Geschäftsprozesse nachhaltig zu verändern.

Kein Wunder, dass die Automobilindustrie hektisch wird. Doch gibt es tatsächlich einen Bedarf für autonomes Fahren? Sicherlich gibt es Kunden, die nicht selbst ins Lenkrad greifen möchten. Doch gerade hochentwickelte Länder wie Deutschland verfügen über eine hinreichende Infrastruktur, die diesen Bedarf deckt. Der öffentliche Personennahverkehr bietet Bahnen, Busse und Taxis. Und wer es sich leisten kann, verfügt auch heute noch über einen persönlichen Chauffeur. Ähnlich sieht es im Lieferverkehr aus, der einen erheblichen Anteil an unseren verstopften Straßen hat. Versuche, diesen Verkehr vollständig auf die Schiene zu verlagern, sind gescheitert.

Truck der Zukunft autonomes fahren

Lastwagen sind flexibler und glänzen – trotz der Löhne für die Fahrer – mit günstigen Kosten pro Kilometer. Beim Transport auf der letzten Meile gibt es sogar einen erbitterten Konkurrenzkampf unterschiedlicher Transportdienste. Mit der Folge, dass die überwiegend scheinselbstständigen Fahrer dort vielfach weniger verdienen, als der Gesetzgeber als Mindestlohn definiert. Kein Wunder, wenn Kunden heute das meiste nicht im lokalen Handel, sondern über ebay und Amazon kaufen. Doch sind Lieferroboter wirklich der nächste sinnvolle Schritt auf der Evolutionsleiter?

Mich beschleichen beim Thema autonomes Fahren viele Zweifel.

Es ist völlig offen, ob die Technik wirklich beherrschbar ist. Blinde Technikgläubigkeit halte ich für gefährlich. Es gibt zahlreiche Beispiele, wo der Glaube an das Machbare in die Katastrophe führte. Kein Wunder, dass die Versicherer nicht an eine schnelle Einführung selbstfahrender Autos in allen Lebenslagen glauben. Kaum jemand kennt Statistiken und Gründe von Unfällen so genau wie die Herren der kollektiven Risikoverwaltung. Siegfried Brockmann, der Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), wies vor ein paar Tagen im Interview ausführlich auf die Herausforderungen im komplexen Verkehrsgeschehen hin.

Zudem sind die bisherigen Versuche der Autoindustrie, sich als Digitalpionier zu beweisen, nicht durchweg überzeugend. Ihre Online-Konfiguratoren schöpfen in der Regel das Machbare nicht aus. Beim Test einiger Online-Konfiguratoren wurde ich den Eindruck nicht los, dass die Verantwortlichen einfach die Papierversion ihrer Prospekte auf den Bildschirm gebracht haben. Die Vorteile des Mediums nutzen nur wenige der Online-Angebote. Kein Wunder, die Branche hat vermutlich Angst vor Konflikten mit dem eigenen Vertrieb. Der klassische Vertrieb erhebt Anspruch auf den Kunden, will diesen im Autohaus sehen. Der Online-Vertrieb ist in ihren Augen eine überflüssige interne Konkurrenz.

Das Ergebnis ist eine Digitalisierung light. Ich höre förmlich, wie an dieser Stelle einige Leser aufschreien. Der Vertrieb hat nichts mit der Produktentwicklung zu tun. Natürlich sind das zwei Paar Schuhe. Trotzdem wäre ein besseres Digitalerlebnis ein guter Anfang, um Digitalkompetenz zu beweisen und Vertrauen aufzubauen. Denn das ist dringend notwendig. Fast wie ein Beleg für die Gefahren des digitalisierten Autos demonstrierte der ADAC Ende Januar, wie sich Fahrzeuge von BMW von außen öffnen lassen. Ein vom Automobilclub beauftragter Sicherheitsexperte fand heraus, dass sich das BMW ConnectedDrive von außen ansprechen lässt.

Dabei zeigte der Experte zahlreiche Anfängerfehler auf. Trotzdem verkaufte BMW bisher mehr als zwei Millionen Autos mit dem System. Mich macht das sehr nachdenklich. Letztlich sind solche Offenbarungen für mich nur ein weiterer Beleg, dass es auch beim Autobau nicht nur um die theoretische Machbarkeit geht. Auch der Nutzen und die Gefahren spielen eine Rolle. Schon Max Weber hat festgestellt, dass der machbare Fortschritt dem Prinzip der Zweckrationalität folgen muss. Eine technische Entwicklung muss, über die reine Funktionsfähigkeit oder einer verbesserten Wirtschaftlichkeit hinaus, zu übergreifenden Werte passen. Genau das kann das autonome Fahren nicht leisten. Die Gefahren sind größer als der Nutzen.

Ältere Leser werden sich jetzt sicherlich an ihre theoretische Führerscheinprüfung erinnern. Denn dort durften sich Prüflinge bei der Beurteilung von Vorfahrtsfragen bis vor wenigen Jahren noch mit der Frage herumschlagen, in welcher Reihenfolge ein Mann mit Karre und ein Pferdegespann an einer abknickenden Vorfahrtstraße abbiegen durften.

Beide gibt es inzwischen auch nicht mehr in den Führerscheinprüfungen. In der Realität des Alltags waren beide ja schon etwas länger verschwunden.

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