Mercedes-Benz SL Design: Demontage einer Legende

Mercedes-Benz SL Design: Demontage einer Legende

Früher war nicht alles besser. Aber das Mercedes-Design. Meiner Meinung nach. Daher ist dies ein streng subjektiver Artikel, auf einen möglichen Shitstorm bin ich mental vorbereitet. Aber ich muss es loswerden.

Mercedes-Benz. Der Erfinder des Automobils. Und die Erschaffer automobiler Legenden. Alleine der lange Jahre typische Kühlergrill ist ein Lehrstück für Produktgestaltung. Wer damals die Idee hatte, den Stern oben auf die Motorhaube zu setzen, sollte in Stuttgart vor dem Haupteingang ein kleines Denkmal gesetzt bekommen. Kann es eine bessere und dauerhaftere Kundenbindung geben? Immer, wenn ein Mercedes-Fahrer mit seinem Auto fährt, sieht der das Emblem vor sich. Das perfekte Head Up-Display ganz analoger Art. Das mit dem Stern ist der Marke in den letzten Jahren ja leider abhandengekommen. Erst war es die C-Klasse, die als Avantgarde den Sportwagengrill mit dem Stern im Kühler haben durfte. Bei der ersten A-Klasse war dies auch so, aber hier wurde das vom Karosseriedesign diktiert. Ein Stern auf der steilen Haube wäre für den Fahrer unsichtbar gewesen.

So kam es dann, dass der Stern, der heilige Gral der Markenhüter, bei den Limousinen der C- und E-Klasse das Basismodell (und den Elegance) zierte, die teure Avantgarde  aber den Stern im Grill. Es ist nur folgerichtig, dass diese Misere bei der aktuellen C-Klasse erkannt wurde, hier kostet der dominante Stern jetzt Aufpreis – als Teil des Paketes „Exclusive Exterieur“ für mal eben 1.249,50 Euro. Zumindest bei den krummen Bruttopreisen hält Mercedes-Benz an alten Traditionen fest.

Das Paket wäre mir jeden Cent wert, denn ein Symbol wie der Mercedes-Stern hat es nicht verdient, zwischen zwei spröden Kunststoffspangen eingeklemmt zu werden.

Ein Bruch mit alten Werten ist aus meiner Sicht leider auch bei diversen Modellreihen zu sehen. Dass ein CLA mit seinen zu langen Überhängen so aussehen muss, wie er aussieht, lasse ich an mich heran – das Auto ist international sehr erfolgreich und ich selbst bin oft überrascht, wie viele Menschen im Bekanntenkreis den „schick“ oder „edel“ finden. Würden sie das auch sagen, wenn ein Opel- oder VW-Zeichen auf dem Auto wäre? Im Grill natürlich, nicht oben drauf. Dort wo eigentlich der Stern… aber lassen wir das.

Weltpremiere 012 mercedes-benz sl roadster beverly hills

Ein Mercedes trug das Emblem stets zwischen den Scheinwerfern: Es war die SL-Klasse, oder „der SL“ wie man auch heute noch sagen darf. Mit Flügeltürer 300 SL  kam die Bezeichnung damals auf dem Olymp der Autogötter auf die Erde gefahren und mit den Nachfolgebaureihen W121 und W113 („Pagode“) wurde die Legende weiter aufgebaut. Unvergessen sind die Modelle R107 (1971 – 1989) und R129 (1989 – 2001). Sinnbilder von klarem Automobildesign „made in Germany“. Und vor allem auch „made for Germany“.

Mercedes-Benz SL - Baureihe R129 - Foto: Mercedes-Benz

Mercedes-Benz SL – Baureihe R129 – Foto: Mercedes-Benz

Mercedes-Benz SL - Baureihe R129 - Foto: Mercedes-Benz

Mercedes-Benz SL – Baureihe R129 – Foto: Mercedes-Benz

2001 wurde es schlimmer, SL Nummer sechs, Modelle R230, erblickte die Welt. Und schaute durch… ja was eigentlich? Zum Vieraugengesicht wollten sie sich nicht durchringen, aber ein bisschen zitiert werden sollte es schon. Warum wurde immer nur auf den Spiegeleier-Scheinwerfern des Porsche 911 (996) herumgeritten? Auch sonst war im R230 zu viel E-Klasse zu sehen, zu viel Mainstream, zu wenig leiser Glamour, der die Vorgänger auszeichnete. 2012 dann R231.

Weltpremiere 010 mercedes-benz sl roadster beverly hills

Der SL karikierte sich selbst. Die viel zu lange Frontpartie musste asiatischen und amerikanischen Geschmacksmustern entsprechen, baut sich viel zu dominant vor dem Betrachter auf. Das kompakte Heck versucht den Brückenschlag zu klassischen SL-Linien, passt halt nur so gar nicht zum Rest des Autos.

Dieses Jahr dann das Facelift, im Jahr drei nach der Premiere. Dieser kurze Modellzyklus zeigt schon, dass ein SL heute keine fahrende Legende mehr ist. Dass sie in Stuttgart auch unter Gorden Wagener noch Autos zeichnen können, haben kürzlich Coupé und Cabrio der S-Klasse gezeigt. Auch die C-Klasse als Coupé geht als „ok“ durch, obwohl die Ähnlichkeit zum verblichenen Renault Laguna Coupé unübersehbar ist. Wobei der Franzose ranker, schlanker und zeitloser wirkte. Der monströse SLS und der Nachfolger im Geiste, der AMT GT sind auch Autos, die in die Designgeschichte eingehen werden. Hut ab für diese Leistung.

Los Angeles, November 2015 – Mercedes zaubert das SL-Facelift aus dem Ärmel. Ich halte den Atem an…und verschlucke mich fast. Modellpolitisch zwischen dem S-Klasse Cabrio und dem GT AMG eingeklemmt versuchen die SL-Planer leider nicht den erhofften Befreiungsschlag.

Ein neuer Grill, ein geänderter Stoßfänger und weitere kleine Veränderungen ändern leider nichts daran, dass der SL der aktuellen Baureihe eine überzeichnete Fratze ist, dem jegliche Eleganz fehlt. Auch die nun flacheren Scheinwerfer retten das nicht. Wenn, dann sieht das Auto nur als hochgezüchtete AMG-Version mit großen schwarzen Felgen gut aus, leicht prollig und laut brüllend. Das mag der Marge dienen, aber entspricht das dem Geist der Ikone SL?

Der Vergleich mit dem Süßwarenregal drängt sich auf. Ferrero bewarb die „Yogurette“ lange Zeit mit Joggerinnen und dem Slogan „schmeckt so himmlisch Joghurt-leicht“. Die abnehmfreudige Naschkatze lutschte also genüsslich die Schokoladenhülle von der Erdbeer-Zuckermasse bis sie einmal die Nährwerttabelle entdeckte. Das himmlisch leichte Produkt hat nämlich mehr Kalorien als andere Tafelschokoladen, egal ob „voll nussig“ oder sonst wie betitelt. Der Süßwarenkonzern hat den Claim mittlerweile in „die passt zu mir“ geändert. Was ich persönlich vom SL leider nicht behaupten kann.

Für den nächsten Sommer! Der neue SL

Für den nächsten Sommer! Der neue SL

Im Profil sieht R231 jetzt noch immer aus wie ein Schneepflug, das Heck wirkt uninspriert und die schrägen Rückleuchten passen nicht zum Rest des Autos. Der Wagen wirkt wie ein für die Show aufgepumpter Wrestler. Daneben steht der Functional-Training-Athlet GT AMG auf dem Fitnessstudio-Parkplatz.

Im Januar wird neben der neuen E-Klasse auch das SLK-Facelift gezeigt. Der kleine Roadster haut einen aktuell auch nicht vom Hocker. Ich gebe hiermit die Hoffnung auf, dass er es 2016 unter SLC-Flagge noch schaffen wird. Dem SL gebe ich aber noch eine Chance. Nach nur drei Jahren ein Facelift, in der SL-Welt ist das ein Wimpernschlag. Liebe Mercedes-Planer, bitte setzt Euch nicht unter Druck. Ihr habt jetzt die AMG-Sportwagen, also muss der SL kein Pseudoracer werden, Black Series und Co. müssen nicht mehr sein. Ihr habt jetzt das S-Klasse Cabrio. Ein schwerer Dampfer muss er also auch nicht werden. Macht einen tollen Roadster aus dem Nachfolger. Rank und schlank. Und Leicht. Vielleicht gar „Super Leicht“?

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