Motz ihn auf

Motz ihn auf

Als der G loslegte, merkten wir schnell, dass es bei einem 4-Zylinder auf dem Preisniveau eines 350 SE nicht in Richtung Baustelle geht. Und in den Wald –  sowieso nur mit vermögenden Jägern am Steuer.

Sonst ging es mit den G eher via Dr.med.dent. auf den Boulevard. Die wollten ein bisschen mehr Pep und so ging es mit Umbauten los. Den Anfang machten – wie so manchmal – die Kollegen in Paris, die noch von dem quirligen, verrückten, kreativen Marketingladen der MBF übrig waren, den ich gerne Zirkus Dyckerhoff nannte. Sie nahmen einen Stationwagen lang, gingen damit zu Pierre Cardin und sagten „tu was!“ (natürlich auf französisch). Das Ergebnis: ein G total in weiss, innen und aussen. Toll! In Stuttgart fielen alle in eine kollektive Ohnmacht, denn da hatte man andere Geschmacksnerven. Die Franzosen haben das Auto aber tatsächlich auch verkauft.

Nein, in Deutschland lief es anders. Wir machten zunächst mal nichts, aber in einigen Niederlassungen gab es trotz strengem Regiment kreative Freiheitsnester und so bauten die Stuttgarter Kollegen in der Abgeschiedenheit der Werkstatt im Hallschlag (da verschlug es keine Grosskopfeten hin) einen weissen 230 G offen kurz um. Kriegsbemalung lackiert (!), Bullenfänger und Seitenschweller aus stabilem Stahlrohr und fette Porsche-Felgen (passt!) mit US-Pneus in ordentlicher Breite.

Unsere Entwickler hatten ja immer gesagt, dass es keine Reifen gibt für soviel Gewicht und Geschwindigkeit. Ich hatte gedacht „so ein Blazer oder Bronco laufen auch 160 und sind keine Elfen“ und die vom Hallschlag haben sich was amerikanisches besorgt.

Dann wurde die neue S_Klasse, der W 126, vorgestellt und es gab eine Veranstaltung in der Türlenstrasse. Zur Dekoration haben sie dann den aufgemotzten 230 G hin in eine Ecke stellt. Und dann kommt dieser S-Klasse-Kunde und sieht den G. Läuft direkt dahin und fragt, was der denn kosten soll.

Shit! Daran einen Preis zu kalkulkieren hatte noch keiner gedacht.

Also hat man den Kunden irgendwie vertröstet und dann stand aber der Kittel in Flammen.
Die Kollegen riefen mich an und baten um Hilfe. Ich habe einen Termin mit der Entwicklungs-Abteilung vereinbart.

Auf der einen Seite: Verkaufsleiter und technischer Leiter mit ihren 230 G.

Auf der anderen Seite ungefähr 20 Meister und Ingenieure aus dem NFZ-Versuch.

Immerhin brauchte man damals für die Freigabe eines Berichtes von ganz unten bis oben 13 Unterschriften. Ich dazwischen. Die Herren haben sich das Auto angeschaut und waren ganz angetan von der Qualität der Arbeit. Das machte mir Mut und ich fragte sie, ob sie bei einer Zulassung mit schwarzer Nummer helfen würden.

Darauf zwanzigfaches Kopfschütteln für nein.
Wieder draussen versuchte ich die Kollegen etwas aufzumuntern. Der Kunde wartete auf das Auto, der Preis war ihm egal. Ich schliesslich: „Probiert es doch einfach mal beim TÜV in Feuerbach. Ihr seid doch jeden Tag da. Mehr als ein nein kriegt ihr da nicht.

Zwei Tage später klingelte bei mir das Telefon:“Wir haben eine Zulassung!“ Hurra!

Den G haben wir dann nochmal den Versuchskollegen gezeigt. Mit schwarzer Nummer. Die haben sich gar nicht so gefreut wie wir. Mir hat man erzählt, es hätte sogar eine Auseinandersetzung zwischen Vorstandskollegen gegeben, so wie „Wer entwickelt hier eigentlich Autos? Meine oder Ihre?“

Irgendwann gab es die dicken Schlappen dann auch ab Werk. Und nachdem die Waschstrasse in Untertürkheim umgebaut worden war, – 185er-Reifen waren nun auch bei der S-Klasse passé – passten da auch alle G rein und mussten nicht mehr im Autohof bei den LKW gewaschen werden.

 

Titelbild: Mercedes G-Modell, Tuned by Brabus - "Heute ganz normal. G-Modell mit massivem Tuning".
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