Vertane Chance: Ein Besuch in Leipzig

Vertane Chance: Ein Besuch in Leipzig

Eine Kolumne von Jens Meiners

Nur noch alle zwei Jahre findet die AMI in Leipzig statt, und zwar im Wechsel mit der IAA in Frankfurt. Die meisten Hersteller stellen aus, und Leipzig hat nicht nur eine ehrwürdige Messetradition, sondern auch eine hochkarätige Autoindustrie zu bieten: Porsche montiert hier Cayenne, Macan und Panamera; BMW baut hier nicht nur den 1er, den X1 und das 2er Coupé, sondern auch das Elektroauto i3 und den Hybrid-Sportwagen i8. Beste Voraussetzungen also für eine Messe, die sogar über Deutschland hinausstrahlen konnte. Doch was heuer in Sachsen geboten wurde, zeugte von einer Lustlosigkeit, die für die Zukunft dieser Messe wenig Positives erwarten lässt.

Von Mazda und Toyota musste die AMI Absagen kassieren, und auch Renault mit seiner in den neuen Ländern besonders starken Tochtermarke Dacia zieht es überraschenderweise vor, sich durch Nichtanwesenheit zu profilieren. Nicht einmal Lada lässt sich blicken; die Exponate der russischen Billigmarke verliehen der AMI mit ihrem rustikalen Charme bislang stets besonderen Reiz.

Die meisten anderen Hersteller haben Interessantes mitgebracht, und es gibt sogar mehrere Weltpremieren: Audi zeigt erstmals den technisch und stilistisch überarbeiteten Audi A7; Mercedes hat das nagelneue T-Modell der C-Klasse dabei; und bei Volvo gibt es eine sportliche Variante des Volvo V60 Plug-in-Hybrid. Bei Ford gibt es den gelifteten Focus zu sehen.

Dazu kommen zahlreiche Deutschlandpremieren – darunter mit dem BMW 2er Active Tourer, dem Citroen C-Cactus und dem Hyundai Genesis Fahrzeuge, die einiges an Diskussionspotential mitbringen. Sie verteilen sich auf heuer nur noch drei Hallen.

Denn das Potential dieser Messe ist am Pressetag – und das ist leider schon eine Leipziger Tradition – kaum genutzt worden. Die meisten Journalisten haben die AMI nicht im Blick; die Chance, einige der interessantesten Neuvorstellungen der letzten Monate erstmals in Ruhe in Augenschein nehmen zu können, ist offenbar zu wenig, um die Anreise auf sich zu nehmen. Und die meisten Hersteller tun wenig, um das zu ändern. Einige Premium-Marken präsentieren zwar ihre Exponate, wer allerdings einen kompetenten Ansprechpartner sucht, wird auf Hostessen verwiesen. Viele Pressesprecher glänzten an diesem Freitag zwischen Christi Himmelfahrt und dem Wochenende durch Abwesenheit.

Wer ein spektakuläres Rahmenprogramm schätzt, für den gab es an diesem Wochenende ohnehin Alternativen: Mehr „Action“ herrscht bei der Fuchsschwanz-Parade von Opel in Oschersleben oder bei der inoffiziellen Prototypen- und Kuriositäten-Messe des VW-Konzerns beim GTI-Treffen am Wörthersee.

Und so herrschte tagsüber an der Leipziger Messe-Allee eine geradezu surreal ruhige Stimmung, unterbrochen allenfalls vom Tross der Freunde des Internet-Forums „motor-talk.de“, der lautstark durch die Hallen zog. Für Abwechslung sorgte auch der Auftritt dreier Hamster im Anzug – Phantasiewesen aus der internationalen Kampagne für den Kia Soul, die zu Ehren der erwartungsvollen Pressevertreter eine engagierte Tanzeinlage vorlegten.

Die große Ruhe des Pressetages wandelt sich erst beim traditionsreichen Internationalen Abend des Verbandes der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK), bei dem Industrievertreter und politische Würdenträger zusammenkommen, um vor der offiziellen Eröffnung der Messe am Sonnabend gemeinsam zu feiern. Auf der hochkarätigen Gästeliste figurierte heuer auch Audi-Entwicklungsvorstand Dr. Ulrich Hackenberg, dem zuvor vom Verband der Motorjournalisten der berühmte Dieselring verliehen worden war. In das Schmuckstück ist ein Metallspan eingearbeitet, der einst unter notarieller Aufsicht vom originalen Motor Nikolaus Diesels abgehobelt worden war.

Vielleicht gelingt es der Leipziger Messe in Zukunft ja, auch ohne derartige Anlässe die Spitzen der deutschen Autoindustrie zur AMI zu holen. Sie hat jetzt fast zwei Jahre Zeit, daran zu arbeiten. In den nächsten Wochen liegt es an den Besuchern, die AMI zum Erfolg zu machen.

(Quelle: ampnet/jm)
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Red.: auto-medienportal
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