Nissan Juke im Fahrbericht

Nissan Juke im Fahrbericht

Nissan Juke

Die Idee des Juke ist nicht verkehrt. Einfach mal was anderes machen und Fahrzeug-Konzepte mischen, die eigentlich nicht zusammen passen. Im Falles des Juke hat man den Unterbau eines kleinen Soft-SUV mit dem Oberbau eines viertürigen “Look-like-a-Coupe” beglückt. Herausgekommen ist ein kleiner SUV, mit dem Platzangebot eines VW Polo und dem Design eines ambitionierten Sport-Coupés.

Nissan Juke - der andere SUV
Nissan Juke – der andere SUV
Was will ich sein und wenn ja, wieviele?

Und weil man bei Nissan schon dabei war, alle Design-Schranken zu durchbrechen, hat der Juke auch noch eine Front bekommen, die im Rückspiegel aussieht, als wäre ein schlecht geföhnter Frosch hinter einem her.

Ich kann nur schwer verleugnen, dass der Juke meine Geschmacksnerven nicht durch Eleganz und Sympathie beglückt hat.

Doch – und das ist das schöne an meiner Arbeit – man lässt sich immer wieder auch auf Autos ein, die man nicht sofort auf dem Bauch heraus toll findet.

Und so habe ich den Juke mit auf die Reise genommen und versucht, seine positiven Seiten zu finden. Ganz nach dem Muster einer langen Urlaubsreise, die man mit Fremden startet, auf der man seine Reisegefährten völlig neu entdeckt – um am Ende, als Freunde am Ziel anzukommen.

Der Juke hat es mir dabei nicht immer leicht gemacht. Auf den ersten Blick ist der kleine Bruder des Nissan Qashqai ein Sonderling – einer der nicht so recht weiß was er will.

Auf den zweiten Blick erkennt man dann, der Juke will aus 2 Welten die besten Eigenheiten zusammenführen und in der Klasse zwischen Golf und Polo eine dynamische Rolle übernehmen.

Gelingt ihm dieser Spagat?

Man möchte denken, wer derart viel zu bieten hat, der wird auch höchsten Ansprüchen gerecht – doch leider sind 26.920,–€ nicht genug, um neben einer interessanten technischen Basis auch einen Innenraum anzubieten, der mit den Erwartungen mithalten kann.

Wie bei allen Autos ist auch beim Nissan Juke die Spreizung zwischen dem Einstandspreis und dem Top-Modell extrem. Während die Basis Variante des Juke mit 1.6l Benziner (117PS), Frontantrieb und 5-Gang Getriebe in der Ausstattungslinie “Visia” bereits für 15.690€ zu haben ist – sind die 26.920€ die Nissan für das bereitgestellte Testfahrzeug aufruft, eine völlig andere Preislage.

Für diese Preisdifferenz könnte man auch einen weiteren Kleinwagen bestellen.

Der Innenraum und im besonderen die Oberflächen der verwendeten Materialien mit ihrer einfachen Hartplastik-Haptik entsprechen ganz klar der Basis-Preisgestaltung. Wer zum Top-Modell des Juke greift, der wünscht sich vielleicht, so wie ich – eine andere Haptik – eine bessere Qualität bei Armaturenbrett, Knöpfen und Schaltern. Das viele lackierte Plastik verströmt im Innenraum nicht die Wertigkeit die man sich für 26.000€ wünscht.

Nissan Juke Innenraum
Nissan Juke Innenraum
Etwas weniger Hartplastik und das Armaturenbrett wäre angenehmer.

Ganz anders ist das Bild, wenn man über den Einstiegs-Juke nachdenkt. Doch ich glaube, wer den Top-Juke bestellt, der will mehr als nur Leder auf den Sitzen und Gimmicks, die nur in den ersten 3 Tagen unterhaltsam sind.

Denn mir ist durchaus bewusst – die Markt-Platzierung und die Preisgestaltung eines Modells muss immer den komplexen Spagat zwischen Kosten, Nutzen, Wertigkeit und Image schaffen. Keine wirklich leichte Aufgabe – auch und erst Recht nicht, wenn man mit einem Modell auf den Markt kommt, für den es keinen direkten Mitbewerber gibt.

Der Juke ist etwas besonderes – er gründet eine Kategorie die es bis dato nicht gab und so kann man nur schwer einen direkten Mitbewerber ausmachen. Eventuell ist das auch der Grund, wieso man bei NISSAN versucht hat, dem Juke möglichst viel an Extravaganz, Gimmicks und Design-Eigenheiten mit auf den Weg zu geben.

Das Außendesign des Nissan Juke wird vorne durch eine extravagante Front geprägt. Die Hauptscheinwerfer sitzen im Kühlergrill als wären Sie zusätzlich nachgerüstete Fernlichter eines Rallyewagens. Auf dem Kotflügel trohnen die Standlichter und die Blinker in einer verglasten Kuppel die sich bis über die Vorderachse zieht.

Nissan Juke - Der mit dem Froschgesicht
Nissan Juke – Der mit dem Froschgesicht
Bin ich ein Frosch?

Das Heck erinnert in seiner Rücklichtform an den 370Z und zugleich wiederholen die ausgestellten Kotflügel die Formensprache des Nissan-Top-Sportlers GT-R. Vor allem am Heck verschenkt der Juke Innenraumbreite zu Gunsten einer fülligen Hüftgestaltung.

Nissan Juke - Der Hintern mit Kanten
Nissan Juke – Der Hintern mit Kanten
Zeig mir Deinen Hintern und ich sag Dir wie er aussieht!

Der Juke verbindet eine kraftvolle und breite Hüftform mit einer zierlichen Fahrgastzelle oberhalb der Gürtellinie.
Am Ende ergibt dieses Formenspiel ein Auto in der Breite eines Audi Q5, der Länge eines VW Golf und dem Innenraum eines VW Polo.

Apropo Innenraum. Nissan hat versucht, hippes und sportliches Design in eine verständliche Formensprache zu packen – doch am Ende kam dabei nicht viel mehr heraus, als eine Mittelkonsole die an einen Motorrad-Tank erinnern soll und eine arg gewöhnungsbedürftige Bedienung für Klimaanlage und “Fahr-Erlebnis-Schalter” – oder, wie Nissan die Einheit nennt: “NISSAN Dynamic Control Center (NDCC)”.

Mit dieser als “Terminal” bezeichneten Schaltereinheit lässt sich die Abstimmung von Motor, Getriebe und Klimaanlage anpassen. Wählbar sind die Stufen: Normal, Sport und Econ.

Nissan Juke - Schalthebel - Kneif mich, die Konsole soll ein Motorradtank sein.
Nissan Juke – Schalthebel – Kneif mich, die Konsole soll ein Motorradtank sein.
Die Mittelkonsole soll an einen Motorrad-Tank erinnern. Warum?

Im Unterschied zu “Normal” wird im “Econ” Modus eine Anpassung der Schaltstrategie des automatischen Getriebes durchgeführt. Die Econ Einstellung senkt so das Drehzahlniveau und führt zu gedämpftem Motorelan. Zusätzlich wird die Klimaanlage in Ihrer Wirkung eingebremst, was ebenso die Motorbelastung senkt und so mit helfen soll, einen niedrigeren Spritverbrauch zu erreichen. An dieser Stelle bereits der Hinweis auf den Spritverbrauch.

Der Juke gehört zu den “Anonymen Spritvernichtern” geschickt. Er ist einfach extrem trinkfest. Doch dazu später mehr.

Der Fahrmodus “Sport”  dreht das Bild um und lässt in der direkten Wirkung vor allem das stufenlose Getriebe in eine permanente Hektik verfallen. Mit dem Fahrmodus “Sport” wird aus dem Stufenlosen CVT-Automatikgetriebe ein nervender Hektiker – der den 4-Töpfigen-Kollegen unter der Motorhaube mächtig auf Drehzahl schwingen lässt. Unangenehm.

Nach 250km witzloser Spielerei verliert man die Lust an diesem Gimmick und konzentriert sich auf die ausbalancierte Nutzung des Gaspedals um eine stimmige Mischung aus Beschleunigung und Übersetzung zu bewerkstelligen. Für ein Auto mit 190PS und einem trinkfestem Motor, der auch im Stand nicht von einer Start/Stopp-Automatik besänftigt wird, gibt es eigentlich nur eine Einstellung des Fahrdynamik-Schalters (NDCC) – “ECON”. Das bringt Ruhe in das CVT-Getriebe und stört auch nicht ernsthaft die Dynamik des Juke.

Bitte wählen: Sport, Normal oder Econ.

Und während ich mich über dieses Ungleichgewicht an gesetzten Schwerpunkten für die Innenausstattung wundere (Haptik vs. Gimmicks) – wird es auf der ersten gemeinsamen Reise vom “Juke” und mir – um uns herum dunkel. Dank der Lichtautomatik, die ebenso an Bord ist, wie die Wischautomatik für die Scheibenwischer – schaltet der Juke auf unserem Weg sein Licht automatisch an und erhellt die Autobahn vor uns.

Hab ich gerade “erhellt” geschrieben?
Nissan hat doch tatsächlich den Juke – anders als seine Genfer-Studie von 2009, den Qazana – nicht mit Xenonlicht oder wenigstens zeitgemäßen H7 Lampen ausgerüstet – sondern mit H4-Leuchtmittel. H4 sind die altbekannten – weil bereits 1966 vorgestellten – Glühbirnen die einen im Umfeld moderner Leuchtmittel wie Xenon und LED (und demnächst Laser) vorkommen – als hätte man eine Fahrrad-Leuchte an die Front geschraubt. (Bei BMW konnte ich gerade das angesprochene Laserlicht kennenlernen und hier wird man mit H4 abgespeist.)

Sorry liebe Nissan-Leute.  Das geht absolut – aber sowas von überhaupt nicht. H4 kann man in einem Dacia Logan für unter 10.000€ anbieten – aber nicht in einem modernen Lifestyle-Crossover. Der auf der anderen Seite mit einer aktiven Hinterachs-Kraftverteilung ausgeliefert wird.

Mein Vorschlag:  Erspart den Käufern einige der nur von kurzer Dauer unterhaltsamen Gimmicks im Innenraum und spendiert dem Juke das Licht, das er verdient hat. Wenn Xenon und LED außerhalb jedweder Kalkulation sind, dann sollten wenigstens 2x H7-Lampen für Abblendlicht und Fernlicht möglich sein.

Denn – nach all meiner Kritik zu Beginn der Reise mit dem Juke – und ich finde die Kritik an der Haptik und Verarbeitung im Cockpit ist berechtigt – muss man gegen Ende der Reise auch darauf hinweisen, was der Juke viel besser kann, als andere Mitbewerber aus dem breiten B-Segment.

Kommen wir deshalb nun zu den Glanzpunkten des Juke:

Sein Fahrwerk und seine Fahrdynamik.

Der 4×4 Juke mit dem 190PS Motor und der stufenlosen Automatik bietet als besonderes Schmankerl eine aufwendige Multilenker-Hinterachse, die mit einem aktiven Differential ausgerüstet wurde.

Das “Torque-Vectoring”genannte System sorgt für eine Kurvengerecht angepasste Verteilung des Drehmoments am jeweils Kurvenäußeren Hinterrad. Nicht genug das dass Allrad-System des Juke (im übrigen abschaltbar – was ein mindestens ebenso witzloses Feature ist wie das NDCS-Terminal) die Kraft vollständig variabel bis zu einem Verhältnis von 50:50 zwischen Vorder- und Hinterachse verteilt – nein mit diesem aktiven Differential an der Hinterachse wird die Kraft variabel zwischen links und rechts verteilt.

Nissan Juke- Die Cockpit Armaturen
Nissan Juke- Die Cockpit Armaturen
Die simple Dot-Matrix-Symbolik zeigt an, wohin die Kraft gerade geleitet wird.

Das Ergebnis ist eine überzeugende Fahrdynamische Vorstellung. Der Juke flitzt unglaublich handlich über Landstraßen und das in einer derart begeisternden Art und Weise, das man glatt die Innenraum-Mankos vergisst.

An dieser Stelle darf man die Fahrwerks-Ingineure von Nissan ebenso für die wirklich gelungene Abstimmungsarbeit am Fahrwerk des Juke beglückwünschen. Bereits nach einigen Kilometern Landstraße vergisst man in welchem Fahrzeug-Segment man unterwegs ist.

Auf der Landstraße wird der Juke zum Tänzer.

Soviel Handlichkeit und eine derartig souveräne Fahrwerksabstimmung mit einem Gefühl zwischen Luxus und Sportlichkeit habe ich in keinem anderen Fahrzeug aus dieser Klasse bisher erlebt!

Vervollständigt wird diese überzeugende Vorstellung von einer Motor-Getriebe-Einheit, die besonders dann überzeugt, wenn man sich auf die Eigenheiten des automatisierten und stufenlosen Getriebes eingestellt hat. Wer als Grobmotoriker das Gaspedal mit digitalen Handlungsanweisungen bedient, der erlebt die Schattenseiten des CVT-Getriebes.

Das stufenlose Automatik-Getriebe ist bei voll gedrücktem Gaspedal während des gesamten Beschleunigungsvorganges in dem Drehzahlbereich, in dem der Motor am meisten Kraft liefert – das können dann schon mal 5.500 U/min sein, mit denen man laut dröhnend von 50 bis 100 km/h durchbeschleunigt. Technikbocx-CVT

Wer hingegen lernt, seinen Gasfuß feinfühlig zu bewegen, der schafft es die Vorteile des Automaten im Vergleich mit anderen Konzepten auszuspielen. Man hat bei Nissan eine Steuerung der Motor-Getriebe-Einheit hinbekommen, die es ermöglicht das vorhandene Drehmoment von 240Nm für eine kraftvolle und niedertourige Beschleunigung zu nutzen.

Nissan Juke - On Tour
Nissan Juke – On Tour
Mit dem Juke auf Reisen

Wie gesagt – der Juke polarisiert bereits beim ersten Anblick. Doch anders als beim Design – man liebt es oder man hasst es – kann man die fahrdynamischen Vorteile des Juke auf einer Reise erfahren. Man muss sich nur darauf einlassen. Und ich glaube – wer den Juke mit auf eine Reise nimmt, der startet diese mit einem skeptisch beäugten Fremden und beendet die Reise mit einem Freund, dessen Vorzüge und Eigenheiten man auf der Fahrt lieb gewonnen und schätzen gelernt hat.

Fazit:
Obwohl aufgrund der unglaublichen H4-Scheinwerfer kaum Licht vorhanden ist, gibt es viel Schatten. Wäre der Juke mit einem 7-Gang Doppelkupplungsgetriebe lieferbar – es wäre eine Landstraßen-Spaß-Kugel.

Würde ihn Nissan dann noch mit einem Turbodiesel mit richtig Leistung kombinieren – der Juke würde zu einem absoluten Geheimtip avancieren.

So ist der Juke vor allem eines: -Ein Auto von der Sorte Freund, die man erst schätzen lernt, wenn man hinter ihre Fassade schauen konnte.  Ehrlich. Nicht ohne Schwächen – aber mit einigen echt guten Talenten.

Die vollständige Galerie der Juke Fotos ist hier zu finden. [klick]

Die technischen Daten des Juke 1.6 Turbo 4×4
Motor: 4-Zylinder Benzindirekteinspritzung und Turbolader
Hubraum: 1.618 ccm
Max. Leistung: 140 kW (190 PS) bei 5.600 U/min
Max. Drehmoment: 240 Nm bei 2.000 U/min
Antrieb: Allrad permanent / abschaltbar
Getriebe: stufenloses Automatikgetriebe
Beschleunigung 0 – 100 km/h: 8,4 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
Tankvolumen: 50 Liter
Abgasnorm / CO2-Emission: Euro 5 / 175 g/km
Länge / Breite / Höhe: 4.135 / 1.765 / 1.570 mm
Leergewicht / Zuladung: 1.430 kg / 430 kg
Kofferraumvolumen: 190 / 510 Liter
Preise: ab 16.900 Euro (Nissan Juke 1.6)
Testwagen: ab 25.140 Euro (Nissan Juke 1.6 DIG-T Tekna 4×4 CVT-Automatik)

Minimal-Verbrauch im Test: 8,3l/100km
Maximal-Verbrauch im Test: 12,6l/100km
Testverbrauch-Gesamt: 9,9l/100km

Kostencheck:

304€ Monat – 24,3cent/km
Versicherung 68 €
Verbrauch (Ø9,9L) 193 €
Kfz-Steuer 9 €
Wartung 34 €
Wertverlust 107 €
Bei 15.000km/Jahr – Haftpflicht und VK zu je 50% Tarif

 

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Bjoern
Autos und Motorsport - meine Leidenschaft seit über 20 Jahren. Für mich müssen Autos einfach Spaß machen und wenn ich heute Neuwagen teste, dann habe ich meine eigenen Kriterien die ein Fahrzeug erfüllen muss. Ob mich ein Auto so richtig begeistert hat, könnt ihr hier im Blog herausfinden. Dazu kommen Nachrichten aus der Welt des Automobils und des Motorsports. http://about.me/bhabegger